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Willst Du glücklich sein oder Recht haben?

Wir wollen gerne korrekt sein und nehmen dafür überflüssige Auseinandersetzungen in Kauf. Das raubt uns Zeit und Kraft.

© SZ

Von Ilona Bürgel

Gestern hatte ich mich mit einem Freund für Samstagmorgen, 9 Uhr, zum Frühstück bei einem Bäcker verabredet. Nun, auf dem Heimweg von einer Yogastunde, las ich eine Werbung: „Besuchen Sie das Café Flora, geöffnet von Montag bis Samstag von 9 bis 17 Uhr“. Schön, dachte ich und schrieb meinem Freund, ob wir uns nicht dort treffen wollen. Er antwortete, dass er bezweifle, dass das Café schon 9 Uhr öffnet. Das irritierte mich.

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Wer mich kennt, der weiß, dass ich stets gut organisiert bin und gern auf Nummer sicher gehe. Ich schrieb deshalb zurück, dass ich die Zeiten geprüft habe. Seine Antwort folgte mit etwas Verzögerung. Er hatte offenbar im Internet recherchiert, dass das Café erst zehn Uhr öffnet. Ich war verwundert und ein wenig gekränkt. Hat mein Freund kein Vertrauen, dass er meinen Vorschlag überprüft? Und was nun?

Um recht zu haben, engagieren wir uns für Themen und Auseinandersetzungen, die am Ende nur Zeit kosten, aber nicht viel bringen. Oder nicht so wichtig sind. Unser Gehirn hat die Tendenz, korrekt sein zu wollen, eben im Recht. Mancher Kampf wird deshalb ausgefochten, weil uns die Leichtigkeit fehlt zu sagen: Was soll’s?

Prinzipien übernehmen die Kontrolle und bringen uns in einen negativen emotionalen Zustand. Fühlen wir uns verärgert, aufgeregt, beleidigt, enttäuscht, dann sind gestresst, und es reagieren andere Teile des Gehirns, die weniger mit Logik und mehr mit Emotionen zu tun haben. Wir bekommen den Tunnelblick. Wir beißen uns fest und ziehen in überflüssige Schlachten.

Im Coaching haben wir einen Spruch: „Willst du glücklich sein oder recht haben?“ Beides gleichzeitig geht oft nicht. Vor allem, wenn es sich um Menschen handelt, die uns nah sind, können uns überflüssige Auseinandersetzungen schaden. Dann sind wir in Gefahr, über das Ziel hinauszuschießen, andere zu verletzen, überzureagieren. Und das nur, um recht zu haben.

Aus diesem Grund überwinde ich den Gedanken, die Öffnungszeiten noch einmal zu prüfen. Wozu? Wenn zwei Freunde sich treffen, ist es doch egal, wo. Hauptsache, sie treffen sich. Es wäre schade um meine Zeit gewesen, sich weiter mit dieser Frage zu befassen.

Bei der nächsten Yogastunde ist das Café Flora Gesprächsthema. Es öffne 9 Uhr und warte auf Gäste, heißt es. Was hätten Sie nun getan? Das wäre doch ein schöner Triumph: Siehst du, ich wusste es doch! Auch mein Gehirn ist in Versuchung. Woher kommt diese Tendenz nur? Wollen wir in einem guten Licht dastehen? Doch vor wem? Vor unseren Freunden? Sie mögen uns doch auch so. Vor uns selbst? Uns gut und clever fühlen? Dafür hält die Freude über so einen kleinen Sieg zu kurz an. Und es wäre wieder Zeitaufwand, noch einmal zu schreiben und die Situation zu erklären.

Wie oft beklagen wir, zu wenig Zeit zu haben, nicht alles schaffen zu können, was wir erledigen wollen. Könnte das damit zu tun haben, dass wir nicht sorgfältig abwägen, wofür wir unsere Zeit verwenden?

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Ich entscheide mich dagegen, meinen Freund darauf hinzuweisen, dass ich wohl doch im Recht bin. Stattdessen lächle ich und sage mir: Wichtig ist, dass wir uns sehen. Also schreibe ich ihm: „Wir treffen uns wie ursprünglich geplant beim Bäcker.“ Damit fühle ich mich richtig gut. Auch Sie können künftig besser abwägen, wofür Sie Zeit, Kraft und Energie einsetzen wollen. Denn wir haben von allem nur begrenzte Ressourcen.

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