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Von Truhen und Bomberresten

Das Wilsdruffer Museum feiert mit einer Ausstellung ein Jubiläum. Dazu wurden Raritäten aus dem Depot geholt.

Angelika Marienfeldt lädt zur Sonderausstellung „Sammlung, Heimat, Museum“ ein, in der die Geschichte des Wilsdruffer Heimatmuseums beleuchtet wird. Die Schau wurde komplett von der Stadt Wilsdruff finanziert.
Angelika Marienfeldt lädt zur Sonderausstellung „Sammlung, Heimat, Museum“ ein, in der die Geschichte des Wilsdruffer Heimatmuseums beleuchtet wird. Die Schau wurde komplett von der Stadt Wilsdruff finanziert. © Karl-Ludwig Oberthuer

Angelika Marienfeldt lehnt an einem großen roten Kubus. Sie lächelt. Nur fürs Foto. Denn der Würfel steht für eine der düsteren Zeiten des Wilsdruffer Heimatmuseums, das sie leitet. In den 1970er- und 1980er-Jahren kümmerte sich so gut wie niemand um die Sammlung. „Das führte zu Verfall und Verlust“, sagt sie. Die Folgen kann sich jeder durch die kleinen Gucklöcher anschauen. Zu sehen sind historische Bücher und Schriften, die in einem jämmerlichen Zustand sind. Auch dieser Teil gehört zur Geschichte der Wilsdruffer Sammlung, die in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen feiert – und das mit einer Sonderausstellung. „Wir zeigen hauptsächlich Exponate aus dem Depot, Leihgaben und Schenkungen“, erklärt sie.

 Darunter sind Raritäten, die durchaus Denkanstöße geben können. So ist unter anderem ein Plakat zu sehen, mit dem zum „1. Interzonen-Fußballspiel“ geladen wurde. Zu dem empfing die erste Mannschaft von Wilsdruff am 11. April 1952 den SV München 1880. Abends fand eine Kulturveranstaltung mit den „westdeutschen Sportfreunden“ statt. „Damals glaube man noch an eine schnelle Wiedervereinigung“, sagt Marienfeldt. Kurios ist auch eine goldfarbene Spieluhr in Form eines Hundes, die dem Museum 1920 geschenkt wurde und während der Schließzeit gestohlen wurde. 2000 konnte sie bei einem Antiquitätenhändler zurückgekauft werden.

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Geschichte im Zeitstrahl

Entlang der Fensterfront hat das Museum einen Zeitstrahl aufgebaut, in dem die Geschichte der Sammlung bis zur Gegenwart dargestellt wird. Die Initialzündung gab es vor mehr als hundert Jahren. Einige Wilsdruffer sorgten sich, dass Vertrautes fast über Nacht verschwindet. Die zunehmende Industrialisierung führte dazu, dass traditionelle Handwerkskünste nicht mehr konkurrenzfähig waren. Nach und nach verschwanden sie – auch in Wilsdruff. Auch historische Gebäude verschwanden. Einige Zeitgenossen haben das mit Sorge zur Kenntnis genommen.

Diese Pickelhaube mit dem Wilsdruffer Stadtwappen trug Stadtwachtmeister Max Phillip im Auftrag der Stadt Wilsdruff von August 1898 bis August 1918.
Diese Pickelhaube mit dem Wilsdruffer Stadtwappen trug Stadtwachtmeister Max Phillip im Auftrag der Stadt Wilsdruff von August 1898 bis August 1918. © Karl-Ludwig Oberthuer

1900 gründeten Lehrer einen Lehrerverein für Naturkunde. Sie beschäftigten sich intensiv mit der Heimat, arbeiteten zielstrebig daran, eine Heimatsammlung aufzubauen. 1909 konnte der Verein seine erste Ausstellung mit Aquarellen zeigen. Kurz danach erhielt der Verein seine ersten Schenkungen. Es folgten weitere Ausstellungen – allerdings immer nur in provisorisch hergerichteten Räumen. 1919 bat der Verein die Stadt, eine Sammlung zu gründen. Der Stadtrat willigte ein. Die Sammlung konnte am 14. September 1919 im Dachgeschoss der heutigen Oberschule im Gezinge eröffnet werden. „Das Museum war klar gegliedert und übersichtlich“, so Marienfeldt. Museumsgründer Kühne folgte dem heimatkundlichen Ansatz. Die Ausstellungsstücke sollten den Besucher einerseits sachlich und andererseits emotional ansprechen. Den Zweiten Weltkrieg und die Zeit danach überstand das Museum ohne Probleme. Kühne konnte sein Amt behalten, weil er nur einfaches Mitglied der NSDAP war. Die Sammlung musste nicht verändert werden, da sich keine Gegenstände aus der NS-Zeit dort befanden.

Das sind Teile eines viermotorigen Bombers B 17, der im Januar 1944 bei Nossen abgestürzt war. Sein Pilot wurde bei Birkenhain tot geborgen.
Das sind Teile eines viermotorigen Bombers B 17, der im Januar 1944 bei Nossen abgestürzt war. Sein Pilot wurde bei Birkenhain tot geborgen. © Karl-Ludwig Oberthuer

1946 konnte die Sammlung wieder öffnen, im Juli 1950 wurde ein Schul- und Heimatfest gefeiert. Wenige Monate später starb Artur Kühne. Der Kunsthistoriker Rudolf Schmidt übernahm. Bereits in den 1960er-Jahren fielen geregelte Öffnungszeiten weg und es gab keine Sonderausstellungen mehr, so Marienfeldt. Als Schmidt 1969 in Pension ging, legte er die Sammlungsleitung nieder. 1970 wurde das Museum geschlossen. Da sich der bauliche Zustand der Schule verschlechterte, wurde ein neuer Ort gesucht. 1983 entstand eine Studie, in der eine Nutzung der Jakobikirche und einer ehemaligen Druckerei in Erwägung gezogen wurde. Doch dazu kam es nicht. 1986 berief die Stadt den Museologe Peter Wunderwald zum neuen Museumsleiter. „Er ordnete den Bestand, übernahm das Baumanagement und konnte auch Neuerwerbungen realisieren“, so Marienfeldt. Mit einem Museumsaktiv erarbeitete er eine Museumskonzeption.

Die Hochzeitstruhe des Andreas Kaeseberg wurde 1791 angefertigt. Dekoriert wurde sie mit sehr farbintensiver, floraler Bauernmalerei.
Die Hochzeitstruhe des Andreas Kaeseberg wurde 1791 angefertigt. Dekoriert wurde sie mit sehr farbintensiver, floraler Bauernmalerei. © Karl-Ludwig Oberthuer

1992 übertrug die Stadt der Ortsgruppe des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz die Betreuung der Sammlung am alten Standort. In einem Zeitungsbeitrag formulierte der spätere Ehrenbürger Dr. Rolf Görner 1994 die Zukunft des Museums. In den Folgejahren sichtete und ordnete er Ausstellungsstücke. 1999 konnte er die Sammlung als Heimatmuseum eröffnen.

Seit 2010 leitet Angelika Marienfeldt das Museum. Sie wünscht sich, dass die Sonderausstellung Impulse gibt und zum Nachdenken anregt, wie das Heimatmuseum der Stadt Wilsdruff in der Zukunft aussehen könnte und welche thematischen Schwerpunkte bei zukünftigen Besuchern besonders auf Interesse stoßen.

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