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Windbergbahn vor dem Comeback

Gut zwei Kilometer der alten Strecke in Freital sind repariert. Erstmals seit vielen Jahren rollt es dort am Sonntag wieder. Mitfahren kann jeder.

Kai Baumgarten (v.r.), Mike Scholz und Klaus Gottschling ersetzen händisch die alten Schwellen durch neue.
Kai Baumgarten (v.r.), Mike Scholz und Klaus Gottschling ersetzen händisch die alten Schwellen durch neue. © Karl-Ludwig Oberthuer

Es rattert und ruckelt, langsam rollt der Arbeitszug in Richtung Freital. Zunächst geht es an Wohnhäusern und Gärten vorbei, dann taucht die Strecke in die Wiesen ein. Birken und Eichen stehen dicht an dicht und flankieren das Gleis. Schließlich kommt der Stahlkoloss zum Stehen. Hier beginnt die Baustelle. 

Seit Monaten bahnen sich die Windbergbahner mühsam einen Weg bergab. Beginnend am Bahnhof Gittersee, reparieren sie abschnittsweise die alte Bahnstrecke, welche Ende 1993 stillgelegt wurde. Im vergangenen Jahr erfolgte zunächst die Sanierung des sogenannten Karlsruher Bogens. Die lange Kurve führt auf Dresdner Stadtgebiet vom Bahnhofsgelände weg über die Brücke Karlsruher Straße bis zur Wohnsiedlung Birkigter Hang. Mit Unterstützung der Firma Strabag, die ihre Lehrlinge samt Technik zur Verfügung stellte, wurden damals Schienen und Schwellen gewechselt.  

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Seit diesem Frühjahr arbeiten die Vereinsmitglieder am nächsten Abschnitt. Zunächst wurde an der Strecke Wildwuchs beseitigt oder zurückgeschnitten. Nun erfolgt der Austausch der Schwellen, weil die alten Bauteile völlig marode sind. Dazu muss die Verschraubung gelöst werden. Anschließend entfernen die Männer mit Schaufel und Händen den Schotter. Dann können sie die alten Schwellen unter den Schienen hervor ziehen und durch eine neue ersetzen. Fabrikneu sind sie allerdings nicht, sondern aus zweiter Hand. Die Bundesbahn stellt das Material zur Verfügung, welches im Dresdner Hauptbahnhof viele Jahre verbaut war und dort kürzlich ersetzt wurde. Gut erhalten, werden die Schwellen nun auf der Strecke zwischen Dresden und Freital verlegt. Es ist Schwerstarbeit, die die Windbergbahner in ihrer Freizeit und mit nur wenigen technischen Hilfsmitteln erledigen. 

Doch sie seien motiviert und derzeit richtig in Schwung, betont Tobias Brunsch, der stellvertretende Eisenbahnbetriebsleiter des Vereins. Denn es geht den Enthusiasten um den Erhalt einer Traditionsstrecke. Die Windbergbahn wurde in nur zwei Jahren Bauzeit von 1855 bis 1857 als Hänichener Kohlenzweigbahn angelegt. Ihre Aufgabe war es, die Steinkohle aus den Bergwerken im Windberggebiet und bei Hänichen zum Plauenschen Grund und weiter nach Dresden zu transportieren. Zudem sollte sie auch Baumaterial zu den Gruben bringen. Geplant und entworfen wurde Strecke, die über zahlreiche Anschlüsse mit kleinen Stichstrecken verfügte, vom Ingenieur Guido Brescius. Weil insbesondere im ersten Abschnitt zwischen dem Tal und dem Halt in Gittersee ein enormer Höhenunterschied von rund 120 Metern zu bewältigen war, schlängelte sich die Bahn in Serpentinen nach oben - und erhielt schon damals den Beinamen Sächsische Semmeringbahn.    

Ausflügler fuhren im Kohlewaggon

Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts diente sie auch als Ausflugsbahn - an Sonntagen wurden in die Kohlewaggons Bänke gestellt, auf denen die Reisenden Platz nehmen konnten. Ab 1907 wurde die Bahnstrecke bis Possendorf verlängert. Auch die Bedeutung der Bahn für die Personenbeförderung nahm nun deutlich zu, sodass 1912 vier extra für die Windbergbahn in einer Fabrik in Bautzen produzierte Personenwaggons aufs Gleis gesetzt wurden. Diese Aussichtswagen rollten bis zur Einstellung des Personenverkehrs 1957 auf der Strecke. Ein solcher Waggon ist bis heute erhalten und der Stolz des Vereins.

Dass es ihn noch gibt, verdanken die Windbergbahner einem pfiffigen Eisenbahner aus Freital-Potschappel. Eigentlich sollte der Aussichtswaggon so wie die drei anderen Exemplare verschrottet werden. "Er hing sogar schon zum Abtransport bereits an einem Zug", berichtet Mario Hobel, Vize-Chef des Windbergbahnvereins. Doch der Potschappler Bahnangestellte koppelte den Waggon kurzerhand wieder ab. Jahrezehntelang parkte er dann unscheinbar unter einer Brücke nahe dem Bahnhof. Anfang der Achtzigerjahre übernahm der damals neu gegründete Windbergbahnverein den letzten Waggon und pflegt ihn  seitdem liebevoll. 

Selbstverständlich dürfen darin nun auch Gäste einsteigen, wenn die Windbergbahn am Sonntag ihr Comeback feiert. Denn zwischen dem Bahnhof Gittersee und dem Kesselgrund ist die Strecke soweit saniert, dass die Behörden grünes Licht gegeben haben. Pünktlich um zehn Uhr wird zur Abfahrt gepfiffen und ein erster Personenzug verlässt erstmals seit Jahren wieder den Bahnhof, um Fahrgäste in Richtung Freital zu transportieren. Etwa zwei Kilometer ist dieser befahrbare Abschnitt, anschließend wird umgekehrt. "Wir fahren im Sandwich-Prinzip, also eine Lok vorn, eine hinten, der Waggon dazwischen", erklärt Marion Hobl. Gezogen wird der kleine Zug von zwei Dieselloks.

Brücke wird zum Problemfall

Der Verein hat in der Zukunft aber noch viel mehr vor. So soll die gesamte Strecke bis zum Plauenschen Grund, also bis zum Haltepunkt Birkigt, wieder befahrbar gemacht werden. Ab dem Herbst wollen sich die Windbergbahner deshalb den Abschnitt bis zur Leißnitz vornehmen. Dieser könnte, sollten alle Genehmigungen vorliegen, zum Stadtgeburtstag im kommenden Jahr befahrbar sein. Dann geht es weiter bis zur Gitterseer Straße und dann bis zum Bahnhof Birkigt. Klingt einfach, wird es aber nicht. Denn abgesehen von den Kosten und den Arbeitskräften, die man benötigt, gibt es noch eine echte Nuss zu knacken: die Brücke über die Coschützer Straße.

Das Bauwerk ist so marode, dass es ersetzt werden muss. Eine neue Brücke haben die Hobbybahner bereits. Sie liegt seit Jahren reserviert in einem Lager der Deutschen Bahn. Doch erste einmal müssen der alte Stahltrog weg und die Widerlager saniert werden. Dann kann man die neue Überführung einsetzen. Dazu braucht es viel Technik - und Geld.  "Mindestens 50.000 Euro", schätzt Brunsch. Die hat der Verein derzeit nicht und hofft deshalb auf Fördermittel, viele Spender und Sponsoren sowie die Stadt. 

Dass sich die Investition lohnt, davon sind die Windbergbahner überzeugt. So viele Wanderer und Radfahrer habe er in den vergangenen Wochen am alten Bahndamm in Richtung Kleinnaundorf gesehen, sagt Brunsch. Warum nicht die Windbergbahn in das Wander- und Radwegenetz einbinden - als Zubringer, als Hingucker, als Filetstück für Technikbegeisterte und Heimatfreunde? Brunsch: "Wir wissen, dass wir nicht die Weißeritztalbahn sind. Aber auch in der Windbergbahn steckt ein großes touristisches Potenzial."

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Fahrtage 2020: am 21. Juni, 12. Juli, 5. und 6. September, am 3. Oktober, am 25. Oktober - Zugverkehr jeweils zwischen 10 und 12 Uhr, sowie zwischen 14 und 18 Uhr. Abfahrt am Bahnhof Dresden-Gittersee, Hermann-Michel-Straße

www.saechsische-semmeringbahn.de

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