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Warum die Windenergie in eine Flaute geraten ist

Die Energiewende kann nur mit dem massiven Ausbau der Windkraft geschafft werden – doch dieser ist ins Stocken geraten.

In Offshore-Windparks können zwar große Leistungen erzeugt werden, aber der Strom muss aufwendig transportiert werden.
In Offshore-Windparks können zwar große Leistungen erzeugt werden, aber der Strom muss aufwendig transportiert werden. © dpa/Daniel Reinhardt

Von Eckart Granitza

Ohne den Ausbau der Windkraft an Land und See kann Deutschland seine Klimaziele unmöglich erreichen, da sind sich die Experten einig. Doch seit zwei Jahren schrumpft der Zubau von Windrädern an Land sogar, anstatt zu steigen, und auch auf See ist der Zuwachs nur ein langsamer. 

Im Jahr 2018 wurden laut Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) durch die Windenergie an Land und auf See 18,6 Prozent des gesamten Bruttostroms in Deutschland erzeugt. Damit ist die Windkraft die bei Weitem stärkste Ressource bei den erneuerbaren Energien. Allerdings: Im ersten Halbjahr 2019 wurden an Land laut des Bundesverbands Windenergie nur 86 Windenergieanlagen neu errichtet. Das ist Negativrekord. Dieser Trend begann schon 2018 mit nur 743 neuen Windanlagen. 2017 waren es noch neue 1.792 Windräder, die Jahre davor ähnlich viele.

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Wie das Ziel der Bundesregierung, 2030 65 Prozent der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien zu erhalten und 2050 gar klimaneutral zu werden, so erreicht werden soll, bleibt schleierhaft. „Derzeit liegt der Anteil der erneuerbaren Energien bei Strom, Wärme und Verkehr insgesamt bei etwa 15 Prozent. Wenn wir die Energiewende durchziehen wollen, muss dieser Anteil versechsfacht werden“, sagt Volker Quaschning, Professor für regenerative Energiesysteme von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin.

Nun ist der Ausbau der Wasserkraft aus topografischen Gründen weitestgehend erschöpft; Biogase und Geothermie werden die Lücke nicht schließen; ein Ausbau der Photovoltaik bringt zwar im Sommer einiges, im Winter ist die Sonnenkraft aber viel zu gering. Bleibt als wichtigster Motor der Energiewende die Windkraft!

„Um 100 Prozent erneuerbare Energien zu erzeugen, bräuchten wir einen Energiemix aus mindestens 50 Prozent Windkraft und für den Rest dann Photovoltaik und andere Energien wie Bio- oder Erdgas“, meint Quaschning. „Das heißt, wir müssten den Ausbau der Windkraftanlagen an Land bis 2050 etwa vervierfachen, um klimaneutral zu werden.“ In der zu Deutschland gehörenden Nord- und Ostsee ist zwar noch Platz, aber auch nicht unbegrenzt. Doch es gibt ein Problem: In den Offshore-Windparks können zwar große Leistungen erzeugt werden – aber niemand wohnt dort. Der Strom muss also aufwendig transportiert werden. Beim Zwischenspeichern des Windstroms in Gas und der späteren Rückverstromung können Verluste von bis zu 60 Prozent auftreten.

Die Windräder des Dresdner Projektentwicklers VSB in Taczalin liefern grünen Strom für das gesamte Daimler-Werk im polnischen Jawor.
Die Windräder des Dresdner Projektentwicklers VSB in Taczalin liefern grünen Strom für das gesamte Daimler-Werk im polnischen Jawor. © VSB

Und noch etwas ist problematisch: Die aktuelle Netzinfrastruktur reicht schon jetzt nicht aus, um den Strom aus der Offshore-Windenergie vollumfänglich aufzunehmen. Diesen überschüssigen Strom könnte man zwar für die Wasserstoffproduktion verwenden, um ihn dann beispielsweise im Verkehrsbereich zu nutzen, doch das ist bis dato noch zu teuer und müsste politisch auch so gewollt werden. Trotzdem: Den Großteil der Stromerzeugung müsste ohnehin die Onshore-Windkraft übernehmen: „Wir müssten circa 7.000 Megawatt an neuen Anlagen pro Jahr an Land dazu bauen. Das entspräche einer Energieerzeugung von etwa sieben großen Kohle- oder Atomkraftwerken. Dazu brauchen wir etwa zwei Prozent der Landesfläche, die wir mit Windparks zubauen müssten. Wenn wir das konsequent machen würden, blieben 98 Prozent des Landes unberührt und die Beeinträchtigung der Landschaft wäre so überschaubar“, meint Quaschning

Doch danach sieht es nach dem im September verabschiedeten Klimaschutzprogramm 2030 der Bundesregierung nicht aus. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) will bundesweit ein Gesetz auf den Weg bringen, das den Mindestabstand von einer Windanlage bis zur nächsten Wohnsiedlung auf mindestens 1.000 Meter festschreibt, wobei eine Wohnsiedlung schon ab fünf Gebäuden jedweder Art definiert ist. Das heißt, für bestehende Flächenpläne werden sich die dort ausgewiesenen Windflächen teilweise massiv reduzieren oder ganz wegfallen. Allerdings regt sich Widerspruch. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) lehnt diesen aktuellen Entwurf beispielsweise ab. Auch von Umweltverbänden und Wirtschaft kommt massiver Protest. In einem Brief an die Bundesregierung schrieben mehrere Verbände: „Es ist uns unerklärlich, dass an einer Regelung zu bundeseinheitlichen Mindestabständen festgehalten wird, obwohl klar ist, dass damit das Ziel von 65 Prozent erneuerbare Energien in 2030 nicht gehalten werden kann.“

Sich häufende Klagen

Immerhin: Im Arbeitsplan zur Stärkung der Windenergie an Land des BMWi wurden beschleunigende Maßnahmen der derzeit ewig dauernden Genehmigungsverfahren in Aussicht gestellt. Wie schnell diese Beschleunigung greift, ist jedoch noch unklar. In einer Umfrage der Fachagentur Windenergie an Land (FA Wind) gemeinsam mit dem Bundesverband Windenergie (BWE) im Juli 2019 stellte sich heraus, dass derzeit deutschlandweit 325 Windturbinen mit etwa 1.000 Megawatt Leistung beklagt sind und damit nicht gebaut werden können. Bei der letzten Ausschreibungsrunde im Oktober 2019 für Windenergie an Land haben sich die Betreiberfirmen gerade einmal um 20 Prozent der ausgeschriebenen Projekte beworben. Ein weiterer Negativrekord.

Auch hier sehen Experten das größte Problem in den sich häufenden Klagen. Kaum mehr ein Windpark wird gebaut, ohne vor Gericht zu landen. Die Klagegründe sind vielfältig, wobei der häufigste im Artenschutz zu verorten ist. Für Vögel stellen Windkraftanlagen tatsächlich eine Gefahr dar. Die Zahl der getöteten Vögel durch Windkraftanlagen in Deutschland wird von 10.000 bis 100.000 pro Jahr geschätzt. „Das ist bedauerlich. Wer aber wirklich ein Herz für Vögel hat, müsste auch seine Katze töten. In den USA gehen Studien von über einer Milliarde durch Katzen getötete Vögel aus. Wenn Sie also eine Katze beseitigen, retten sie damit genauso vielen Vögeln das Leben, wie durch eine Windkraftanlage jemals sterben werden“, sagt Quaschning.

Ende 2020 wird zudem für Hunderte Windparks der ersten Generation die Förderung auslaufen. Es stellt sich die Frage, inwiefern ein Weiterbetrieb dann noch wirtschaftlich sein kann. Hier braucht es Ansätze, die ein Repowering – also eine Erhöhung der Windräder für eine höhere Effektivität – ermöglichen, um auch weiter wirtschaftlich zu bleiben. „Für einen großen Teil der zu repowernden Anlagen besteht aufgrund veränderter Abstandsregeln und der derzeit komplizierten Genehmigungsverfahren nur eine eingeschränkte Chance für einen Ersatz durch neue Windenergieanlagen“, sagt Heike Winkler, Geschäftsführerin des Windindustrieverbands für die Windenergie an Land und auf See (WAB e. V.). Hinzu kommen Hemmnisse in der planerischen Flächenausweisung aufgrund von Beschränkungen im Umkreis von Drehfunkfeuern sowie bei der Luftraumüberwachung und den Tiefflug-Korridoren. „Immerhin, aktuell ist eine Bund-Länder-Vereinbarung zum Abbau von Genehmigungshemmnissen ab Ende des Jahres angedacht. So könnte die Länge von Klageverfahren gegen Neubau und Repowering reduziert werden. Besonders der neue Vorschlag des Bundeswirtschaftsministeriums zur Vereinheitlichung der Rechtsprechung in Deutschland ist positiv zu bewerten“, sagt Winkler.

Mehrheit der Bevölkerung will die Energiewende

Das sehen die Planer ähnlich: „Was wir auch bräuchten, wäre eine klare Roadmap und planungsrechtlich abgesicherte und langfristig verlässliche Rahmenbedingungen und nicht ein permanentes Infragestellen bereits ausgewiesener Flächen“, sagt Peter Spengemann, Direktor Repowering vom Betriebsführer wpd Windmanager. Auch da lässt die Bundesregierung die Windparkbetreiber im Regen stehen. Ebenso wäre eine bundesweite Akzeptanzkampagne der Politik zielführend, damit die Menschen rechtzeitig wissen, bis wann und wo was gebaut wird. Ganz wichtig wird sein, dass die Bevölkerung weiß, was sie erwartet, und über den Klimaschutz hinaus auch davon profitiert – wie beispielsweise durch Arbeitsplätze.

In diesem Zusammenhang hält Heike Winkler vom WAB eine eindeutiger und klarer definierte wirtschaftliche Beteiligung der Kommunen für sinnvoll, als sie bisher über die Gewerbesteuer umgesetzt wird. Denn die Mehrheit der Bevölkerung will die Energiewende ja. Man könnte die Gemeinden auch an den Gewinnen teilhaben lassen und zum Beispiel eine Schulrenovierung oder die Sporthalle von dem erwirtschafteten Gewinn bezahlen. „Das würde Ängste abbauen und den Neid auf die wenigen Grundstücksbesitzer, die mit der Windkraft richtig Geld verdienen, verhindern. Wichtig erscheint mir vor allem, das Gefühl bei den Bürgern zu verstärken, dass der vor Ort erwirtschaftete Gewinn auch direkt am Standort ankommt“, sagt Heike Winkler.

Brandenburg ist da schon Vorreiter: Seit Juni 2019 gibt es ein Gesetz, das dem Windkraftbetreiber eine jährliche Sonderabgabe von 10.000 Euro pro Anlage auferlegt, die er an die Gemeinde zahlen muss, in der die Windkraftanlage steht. Das Dorf Schlalach in der Gemeinde Mühlenfließ (Landkreis Potsdam-Mittelmark) geht schon jetzt einen etwas anderen Weg: Hier haben die Einwohner selbst aktiv gehandelt, indem sie eine Bürgerstiftung gründeten. „Diese Gründung wurde mit den Grundstückseigentümern, die Flächen im Windpark besitzen, im Nutzungsvertrag mit dem Betreiber des Windparks festgeschrieben. Darin ist vereinbart, dass 0,75 Prozent der Einspeisevergütung an die Stiftung gezahlt werden“, sagt Hartmut Höpfner, Vorsitzender der Bürgerstiftung. So profitieren alle im Ort von der Windkraft. Geld floss bis jetzt zum Beispiel in den Fußballverein für eine Flutlichtanlage und in die Freiwillige Feuerwehr. Zudem wurden ein Chor gegründet und ein Kinderspielplatz errichtet. Insgesamt nimmt die Stiftung etwa 70.000 Euro jährlich durch die Windenergie ein, die Hälfte muss in das Stiftungsvermögen abgeführt, die andere Hälfte für gemeinnützige Zwecke ausgeben werden.

Ökostrom auch bei großen Unternehmen

Auch eine andere Maßnahme könnte den Zubau von Windkraftanlagen fördern: Industriebetriebe, die sich über langfristige Verträge die gesamte Stromproduktion eines Windparks sichern. So eine Vollversorgung mit Ökostrom ist vor allem für die Imagepflege äußerst positiv und sichert dem Konzern langfristig verlässliche Strompreise zu einem vereinbarten Festpreis. International sind solche Verträge – sogenannte Power purchase agreements (PPA) – längst üblich, vor allem in den USA. In Deutschland hat die Deutsche Bahn gerade so einen PPA-Vertrag mit dem Energiehändler RWE Supply & Trading unterzeichnet. Er garantiert der Bahn grünen Strom aus dem Offshore-Windpark Nordsee Ost mit einer Laufzeit von fünf Jahren. Beginnend ab 2024 wird die Bahn 25 Megawatt aus diesem Windpark beziehen. Dies entspricht der installierten Leistung von vier Windkraftanlagen und rund acht Prozent der Gesamterzeugung des Windparks. Der Strom wird in dem Offshore-Windpark zu einem Festpreis produziert und direkt von der Deutschen Bahn genutzt.

Auch Daimler will ab 2022 seine Werke weitgehend mit Ökostrom versorgen. Der erste PPA-Vertrag mit dem norwegischen Energieversorger Statkraft ist bereits abgeschlossen. Er sichert Mercedes Benz Strom aus den sechs Bürgerwindparks mit 46 MW Gesamtleistung. Der Autohersteller werde damit sein Werk in Bremen sowie die deutschen Batteriestandorte wie Kamenz und Stuttgart-Untertürkheim versorgen. Dieser Stromabnahmevertrag ermöglicht Mercedes-Benz-Cars den direkten Bezug von Strom aus Windkraftanlagen in Deutschland, deren Förderung aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) nach 2020 ausläuft. Der große Vorteil: Der wirtschaftliche Betrieb von Bestandsanlagen, die sonst wahrscheinlich wegen Unwirtschaftlichkeit abgeschaltet werden würden, bleibt so gesichert.

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Schon jetzt wird der neue Hightech-Produktionsstandort von Mercedes-Benz im polnischen Jawor mit Windstrom betrieben. 22 Windräder des Dresdner Projektentwicklers VSB (Ventus, Sol, Energia Biologica) im zehn Kilometer entfernten Windpark Taczalin liefern hier grünen Strom für das gesamte Daimler-Werk. „Es ist wegweisend, dass ein internationaler Automobilkonzern sich für die lokale Stromlieferung aus erneuerbaren Energien entschieden hat. Wir freuen uns, Mercedes Benz auf dem Weg zur CO2-neutralen Produktion zu unterstützen“, meint Marko Lieske, Geschäftsführer der VSB Gruppe. Dass der Produktionsstandort von Vierzylindermotoren für Mercedes-Benz-Pkws direkt mit Windenergie versorgt werden kann, ermöglicht das polnische Fördersystem für erneuerbare Energien. Dieses erlaubt dem Produzenten, seinen Strom frei am Markt zu handeln oder über ein PPA zu verkaufen. In Deutschland geht das nicht mehr, wenn der Produzent vorher schon eine finanzielle Vergütung für die Einspeisung seiner regenerativen Energie in das Stromnetz erhalten hat.

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