merken
PLUS Riesa

Winzerfamilie schließt ihr Restaurant

Zwei Schicksalsschläge und ein freudiges Ereignis haben Carola und Jan Ulrich zu der Entscheidung bewegt. Durch Corona könnten andere Gaststätten folgen.

Carola Ulrich steht an der Theke im Weindomizil. Das macht Ende das Jahres zu.
Carola Ulrich steht an der Theke im Weindomizil. Das macht Ende das Jahres zu. © Jörg Richter

Diesbar-Seußlitz. Ulrichs Weindomizil gilt für viele als eine der besten gastronomischen Adressen entlang der Elbe zwischen Meißen und Riesa. Nicht nur das Essen wird von Gästen als ausgezeichnet geschätzt, auch das Ambiente ist besonders. Das Winzerpaar Jan und Carola Ulrich hat viel Geld investiert, um aus dem angestaubten "Rosengarten" ein modernes Weinrestaurant mit Terrasse, Weinkeller und barrierefreiem Zugang zu machen.

Das findet nicht nur bei den Gästen großen Anklang. 2017 zeichnete der Tourismusverband Sächsisches Elbland Ulrichs Weindomizil als erste Gaststätte mit dem damals neuen Prädikat „Besonders empfohlen im Weinland Sachsen“ aus. 

Wandern
Schritt für Schritt
Schritt für Schritt

Gerne an der frischen Luft und immer in Bewegung? Wanderwege, Tipps und Tricks finden Sie hier.

Der Umbau ist gerade mal sieben Jahre her. Doch seit Kurzem tauchen im Internet Informationen auf, wonach die Winzerfamilie Ulrich ihre Gaststätte schließen will. Viele Stammgäste und ehemalige Besucher reagieren überrascht. „Aber für uns ist diese Entscheidung keine Überraschung, sondern wohl überlegt“, sagt Carola Ulrich, die die Gaststätte leitet, während sich ihr Mann Jan um den Weinanbau kümmert. Die 49-Jährige bestätigt, dass das Restaurant am Ende des Jahres schließt. Gleichzeitig dementiert sie Gerüchte, Ulrichs seien insolvent. Da sei absolut nichts dran. Das Geschäft mit den prämierten Weinen läuft sehr gut, trotz mancher Rückschläge in der Vergangenheit. 

Vor ein paar Jahren wurden in mehreren sächsischen Weinen Rückstände von Pflanzenschutzmitteln gefunden. Jan Ulrich war der einzige Winzer, der offen darüber sprach, während viele andere abtauchten und die Vorwürfe nicht kommentierten. Der Diesbar-Seußlitzer schüttete 12.000 Flaschen weg, büßte rund 100.000 Euro ein. Daran hatten sich wohl noch einige Leute erinnert, als jetzt die ersten Gerüchte auftauchten, dass das Restaurant schließen soll.

Erst vor sieben Jahren wurde der ehemalige "Rosengarten" als Ulrichs Weindomizil mit Gaststätte, Vinothek und Pension neu eröffnet.
Erst vor sieben Jahren wurde der ehemalige "Rosengarten" als Ulrichs Weindomizil mit Gaststätte, Vinothek und Pension neu eröffnet. © Jörg Richter

Die Schließung der bis nach Dresden bekannten Gaststätte hat andere Gründe. Carola Ulrich nennt erst einmal die großen Personalsorgen, die nicht nur ihr, sondern vielen Gastwirten in der Region schon seit einiger Zeit schlaflose Nächte bereiten. Im Weindomizil sei dieses Problem vor allem im letzten Jahr akut gewesen. „Es gibt kaum noch Köche und Kellner“, sagt sie. Ihre Branche würde permanent in ein schlechtes Licht gerückt: zu niedrige Löhne und dann dauernd am Wochenende arbeiten. Das halte viele davon ab, sich zu bewerben.  

Die Zwangsschließung wegen der Corona-Krise hat zusätzlich bei vielen Gastwirten und Hoteliers Existenzängste geschürt. Doch die Entscheidung, das Restaurant zu schließen, haben Carola und Jan Ulrich viel früher getroffen. Bereits Ende des letzten Jahres. Und es war keine wirtschaftliche Entscheidung, wie viele vermuten, sondern eine persönliche. 

Nach Schlaganfall alles anders

Carola Ulrich hatte am 17. Oktober 2019 einen Schlaganfall. "Als ich früh munter wurde,  war alles anders", erzählt sie. Seitdem plagen sie Kopfschmerzen. Wenige Wochen später stürzt ihre Mutter und muss ins Krankenhaus eingeliefert werden.  Als Carola Ulrich in Bad Elster zur Reha ist, erhält sie die traurige Nachricht, dass die 84-Jährige im Sterben liegt. "Das reißt einen runter, denn ich hatte ein sehr gutes Verhältnis zu ihr", sagt sie und fügt hinzu: "Nach zwei solchen Schicksalsschlägen kriegt man einen anderen Blick auf das Leben." 

Der große Lichtblick in dieser Zeit war die Geburt ihres ersten Enkels. Leon kam im November zur Welt und ist der Liebling der ganzen Familie. Oma Carola nimmt ihn gern zu sich. Der süße Fratz hat ebenfalls ihre Sicht auf viele Dinge verändert. Sie möchte mehr Zeit mit ihm verbringen. Doch das funktioniert nicht, wenn man die Verantwortung für ein Restaurant hat. Auch deshalb habe die Familie gemeinsam entschieden, die Gaststätte aufzugeben. Allerdings erst Ende dieses Jahres. Dann sei ein großer Teil des Kredits zurückgezahlt.   

Jan und Carola Ulrich haben alle zehn Angestellten der Gaststätte bereits kurz nach ihrer Entscheidung über die Schließung informiert. "Wir wollten fair sein", sagt die Wirtin. Für das letzte Jahr halten sie trotzdem zur Stange. Das rechnet sie ihren Mitarbeitern hoch an. 

Carola Ulrich zeigt einen der vielen prämierten Weine des Weinguts Jan Ulrich. Sie und ihr Mann wollen sich in Zukunft auf die Winzerei konzentrieren.
Carola Ulrich zeigt einen der vielen prämierten Weine des Weinguts Jan Ulrich. Sie und ihr Mann wollen sich in Zukunft auf die Winzerei konzentrieren. © Jörg Richter

Der Gaststätten-Raum soll auch nach dem 31. Dezember 2020 genutzt werden. Hier sollen die Pensionsgäste weiterhin ihr Frühstück erhalten. Auch kleinere Veranstaltungen soll es geben, aber dann nur noch mit kleinen Snacks. Gutscheine würden ihre Gültigkeit behalten. Und alle Absprachen und Tischbestellungen bis Jahresende werden eingehalten, vorausgesetzt, dass sie im Einklang mit den Corona-Bestimmungen stehen. Deswegen mussten in den letzten Wochen und Monaten schon Hochzeiten und Familienfeiern abgesagt werden.

Jan und Carola Ulrich wollen sich in Zukunft auf ihr eigentliches Geschäft konzentrieren. "Wir sind Weinbauern aus Leidenschaft und wollen dem Wein treu bleiben", sagt die Winzerin. "Denn Wein ist unser Leben."   

Erschreckende Umfrage unter 8.000 Gastwirten

Während sich das Winzerpaar Ulrich auf seinen ursprünglichen Beruf besinnt, blicken viele Gastwirte wegen Corona in eine ungewisse Zukunft. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) hat erst in dieser Woche die Ergebnisse einer bundesweiten Umfrage unter 8.000 Gastronomen  veröffentlicht. "Nach der Wiedereröffnung der Restaurants und Cafés fällt die Bilanz der Wirte erschreckend aus", heißt es in einer Dehoga-Pressemitteilung. 81,5 Prozent der befragten Betriebe geben an, dass ein wirtschaftliches Handeln unter Berücksichtigung der coronabedingten Auflagen nicht möglich ist. „Auch wenn die Betriebe wieder Gäste bewirten dürfen, stehen sie aufgrund der geltenden Abstandsgebote und Kontaktbeschränkungen mit dem Rücken zur Wand“, sagt Dehoga-Präsident Guido Zöllick.  „Die aktuellen Zahlen beweisen die katastrophale Ausnahmesituation, in der sich die Branche nunmehr seit fast drei Monaten befindet.“ 

Nach der Wiedereröffnung berichten 83,5 Prozent der Betriebe, dass sich ihre Umsatzerwartungen nicht erfüllt hätten. So meldet fast jedes dritte Restaurant (31,9 Prozent) lediglich einen Umsatz zwischen 25 und 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 29,1 Prozent der Betriebe kommen auf einen Umsatz zwischen zehn und 25 Prozent der Vorjahreswerte. 17,3 Prozent der Betriebe erzielen sogar weniger als zehn Prozent der Normalumsätze. Nur bei 21,8 Prozent der Befragten lagen die Umsatzverluste bei weniger als 50 Prozent.

Weiterführende Artikel

Tourismusverband: "Ulrichs werden fehlen"

Tourismusverband: "Ulrichs werden fehlen"

Das Diesbar-Seußlitzer Winzerpaar Jan und Carola Ulrich erfahren viel Verständnis für die Ankündigung, ihre Gaststätte zu schließen. Keiner ist darüber glücklich.

Ulrichs Weindomizil ist „Gästeliebling“

Ulrichs Weindomizil ist „Gästeliebling“

Die Pension wird vom Landestourismusverband mit einer Auszeichnung überrascht. Eine weitere könnte folgen.

Das Ausmaß der dramatischen Betroffenheit wird deutlich bei der Antwort auf die Frage nach den coronabedingten Umsatzeinbußen seit dem 1. März. So beklagen die Betriebe durchschnittliche Umsatzverluste in Höhe von 80 Prozent. Bezogen auf das Gesamtjahr rechnen die Betriebe mit einem Umsatzrückgang von mindestens 55 Prozent. „Keine oder nur geringe Einnahmen bei laufenden Fixkosten verdeutlichen die existenzielle Betroffenheit nahezu aller Betriebe“, macht Zöllick deutlich und ruft die Politik zum schnellen Handeln auf.

Mehr lokale Nachrichten aus Riesa lesen Sie hier.

Mehr lokale Nachrichten aus Großenhain lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Riesa