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Görlitz

Nächster Anlauf für unterlegenen AfD-Kandidaten

Am Sonnabend entscheidet sich die Karriere des Ex-OB-Kandidaten aus Görlitz. Am Ende müsste er Ministerpräsident Michael Kretschmer schlagen.

© Foto: Nikolai Schmidt

Am Sonntag war er noch Kandidat bei der OB-Wahl in Görlitz, an diesem Sonnabend aber könnte AfD-Landtagsabgeordneter Sebastian Wippel schon wieder Kandidat sein: dann kommt die AfD in Görlitz zu einem Kreisparteitag zusammen. 

Ein Anlass: Aufstellung ihres Kandidaten im Görlitzer Wahlkreis zur Landtagswahl am 1. September.  Nachdem Kreisvorsitzender Tino Chrupalla seine Ambitionen zur Landtagswahl aufgegeben hat, steht Sebastian Wippel nichts mehr im Wege. Eine SZ-Anfrage ließ er unbeantwortet, Tino Chrupalla weigerte sich auf die SZ-Fragen zu antworten. 

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Dagegen sagte Sachsens AfD-Chef Jörg Urban auf Anfrage der Sächsischen Zeitung: „Ich wünsche mir, dass Sebastian Wippel zur Landtagswahl am 1. September als AfD-Direktkandidat im Wahlkreis Görlitz antritt. Ich bin mir sicher, dass er sich bei dieser Wahl siegreich durchsetzt und den CDU-Kandidaten Michael Kretschmer auf die Plätze verweisen wird.“ Auch der AfD-Europa-Abgeordneter Maximilian Krah postete bereits am Sonntagabend im sozialen Netzwerk Facebook: "Nun wird  Sebastian Wippel gegen Michael Kretschmer um das Direktmandat zur Landtagswahl antreten." 

Die AfD-Mitglieder hatten Wippel eigentlich schon Mitte Januar in Niesky zum Direktkandidaten im Görlitzer Wahlkreis bestimmt. Damals hatte er mit Martin Poplawski einen Gegenkandidaten. Doch dann wurde die Wahl annulliert, mindestens ein Unberechtigter hätte mit abgestimmt, hieß es von der AfD anschließend. Als die Partei die Nominierung ihrer Direktkandidaten zur Landtagswahl wiederholte,  verschob sie die Abstimmung für den Görlitzer Wahlkreis auf die Zeit nach der OB-Wahl. Der AfD bleibt jetzt nicht mehr viel Zeit: Bis zum 26. Juni, also Mittwoch nächster Woche,  müssen die Direktkandidaten an die Landeswahlleitung gemeldet werden.

AfD-Kandidat Sebastian Wippel gratuliert dem Gewinner der OB-Wahl, Octavian Ursu von der CDU.
AfD-Kandidat Sebastian Wippel gratuliert dem Gewinner der OB-Wahl, Octavian Ursu von der CDU. © Foto: Nikolai Schmidt

Sebastian Wippel blieb am Sonntag der Triumph bei der OB-Wahl verwehrt. Mit 44,8 Prozent bekam er zwar viele Stimmen, aber sein CDU-Kontrahent lag zehn Prozent vor ihm, Wippel akzeptierte das Ergebnis noch am Abend und fuhr zur Wahlparty des Ursu-Lagers in die Görlitzer Altstadt, um dem künftigen Oberbürgermeister Octavian Ursu zu gratulieren. Die faire Geste wurde nach einem zuletzt immer schmutzigeren Wahlkampf in den sozialen Netzwerken als ein Zeichen gewertet, dass nun wieder mehr Normalität in das politische Görlitz Einzug halten könnte.   

Ein Rückkehrer wirbelt die Görlitzer Politik durcheinander

Zuvor hatte Wippel mit seinem guten Ergebnis im ersten Wahlgang der OB-Wahl die Verhältnisse in Görlitz ziemlich durcheinandergewirbelt. Eine AfD-Hochburg war die Stadt zwar schon bei der Bundestagswahl, aber nun schien sie drauf und dran, sogar erstmals in Deutschland ein Rathaus zu gewinnen. Wie tief die Verunsicherung bei den politischen Wettbewerbern war, zeigte sich auch darin: Selbst Linkspolitiker riefen schließlich zur Wahl von CDU-Bewerber Ursu auf, um einen AfD-Oberbürgermeister im Görlitzer Rathaus zu verhindern. 

Für die eine Hälfte in der Stadt ist Wippel der engagierte Polizist und Landtagsabgeordnete, der sich für Recht und Sicherheit einsetzt, als moderat gilt, gut vernetzt in der Stadt ist, dessen Vater erfolgreicher Internet-Unternehmer und Chef des Görlitzer Unternehmerverbandes ist.  Wippel ist verheiratet,  Vater dreier Kinder. Typ: Schwiegermutters Liebling, smart und gewinnend.

Für die andere Hälfte der Stadt ist er aber die größte Bedrohung, seit bei der Bundestagswahl vor 20 Monaten die AfD stärkste Kraft im Landkreis Görlitz wurde. Der Fraktionschef der „Bürger für Görlitz“, Rolf Weidle, sah für den Fall von Wippels Wahl viele Erfolge der letzten Jahre gefährdet.

Unter anderen Umständen wären über Wippel Schlagzeilen wie „Ein Görlitzer kehrt zurück“ zu lesen. Der 36-Jährige ist gebürtiger Görlitzer, ging hier zur Schule. Dann aber wollte er zur Bundeswehr, verpflichtete sich, zwölf Jahre zu dienen. Da kam der Afghanistan-Krieg, und Deutschland schickte eigene Soldaten an den Hindukusch, weil nach einem berühmten Satz von Verteidigungsminister Peter Struck, „Deutschlands Freiheit“ in Zentralasien verteidigt wird. Wippel aber wollte nicht nach Afghanistan, er sorgte sich, dass das erst der Anfang der Auslandseinsätze sein wird. Das widerstrebte Wippel, er widerrief und blieb nur zwei Jahre bei der Bundeswehr, um als Reserveoffizier auszuscheiden. Während er noch diente, bewarb er sich in verschiedenen Bundesländern für eine Polizeiausbildung.

Die Niedersachsen reagierten am schnellsten, so dauerte sein Studium der Betriebswirtschaft in Chemnitz, das er zur Überbrückung begonnen hatte, nur ein paar Monate. Wippel zog nach Hannoversch Münden im Südharz, später in die Nähe von Oldenburg. Hier gehörte er zur Bereitschaftspolizei, die bei Demonstrationen oder auch Fußballspielen eingesetzt wurde. „Diesseits des Weißwurst-Äquators kenne ich viele Stadien“, sagt Wippel über jene Jahre. Politisch engagierte er sich in der FDP, trat dem Kreisverband Ammerland bei, der das Oldenburger Umland umfasst.

Doch schnell will er die Diskrepanz zwischen der Einstellung der Mitglieder im engsten Umfeld und der Parteispitze bemerkt haben. Er selbst bezeichnet sich als Nationalliberalen. Später gehörte er zu den Unterlegenen bei der FDP-internen Abstimmung über den Euro-Kurs. Der Polizist Wippel sah für sich keine Zukunft mehr bei den Liberalen. „Das passte nicht mit dem basisdemokratischen Anspruch der FDP als Rechtsstaatspartei zusammen.“ Das war im Dezember 2011. Er trat aus. Im November 2013 – er ist mittlerweile nach Görlitz, in seine alte Heimatstadt zurückgekehrt – saß er mit 15 Gleichgesinnten im Weinhübler Gasthaus „Zur Landeskrone“ und gründete den Görlitzer Kreisverband der AfD. Anschließend machte er politisch Karriere, 2014 zog  er über die AfD-Liste in den Landtag ein. Zugleich wurde er auch Kreisrat.

Ein historisches Dokument: Der Gründungsvorstand des AfD-Kreisverbandes Görlitz 2013: Sebastian Wippel (rechts) gehörte dazu.
Ein historisches Dokument: Der Gründungsvorstand des AfD-Kreisverbandes Görlitz 2013: Sebastian Wippel (rechts) gehörte dazu. © Foto: Nikolai Schmidt

Aufmerksamkeit und Aufregung mit allen Mitteln

Im Wahlkampf tourte Wippel bis zuletzt durch Görlitzer Gasthäuser und Stadtteile, spielte sogar für den FC Landtag im Görlitzer Stadtteil Hagenwerder Fußball. Trotz Trainingsrückstands, auch wenn es „lausig“ war. Seine Plakate hingen als erste noch vor Ostern. „Ein Görlitzer“ stand da drauf. Für Wippel sind das vor allem jene, die in Görlitz geboren wurden. Seinem Gegenkandidaten Ursu als Wahl-Görlitzer billigte er den Status "Görlitzer" nur auf Nachfrage bei einer SZ-Podiumsdiskussion zu: Identitätspolitik nach Art der AfD.

Wippel versteht es, Aufregung zu produzieren. Bis zu drei Presseinformationen schickte er im Wahlkampf täglich – so viele wie kein anderer Kandidat, und nicht selten sind Berichte oder Informationen der SZ der Anlass, die ansonsten wahlweise als "Schmierblatt" oder "Lügenpresse" von seinen Anhängern betitelt wird : Sei es, wenn es um die Stadthalle geht oder um den Berzdorfer See oder die Sicherheitspolitik. Penibel verfolgte er dann, ob seine Informationen abgedruckt wurden oder die seiner Kontrahenten, er konnte das so genau erzählen, als führte er Buch darüber. Um nachweisen zu können, dass die AfD nicht nur von den Altparteien oder den Gewerkschaften wie am 1. Mai ausgegrenzt werde, sondern auch von den Medien.

Umso größer seine Genugtuung, wenn er einen großen Coup landete. So wie mit dem Video über den Blumendieb vom Wilhelmsplatz. Die Görlitzer haben zur Platzbepflanzung in der Innenstadt ein besonders inniges Verhältnis, kein Jahr vergeht, wo sie sich nicht in den Leserbriefspalten der SZ für die gelungenen Blumenkompositionen bedanken. Und dann diese unverfrorene Tat am helllichten Tag. Ein Görlitzer filmt den Dieb, der zögert nicht – und schlägt zu. Das Video aber bleibt erhalten, und Wippel erklärt gegenüber der SZ, dass der Zeuge ihn ausdrücklich gebeten habe, das Video ins Internet zu stellen. Er habe sogar noch 24 Stunden gewartet und nochmals den Zeugen gefragt, der blieb aber dabei. Und Wippel stellt das Video an einem Sonntagmittag ins Netz. Seine Kollegen von der Polizei erklären in einer Pressemitteilung wenig später, dass der Täter längst gefasst worden war.

Als die Bild-Zeitung zwei Tage später groß berichtet, nimmt Wippel das Video wieder aus dem Netz und erklärt, es habe seinen Zweck erreicht: Die Medien hätten berichtet. Das Video wurde zwischenzeitlich über 2.000-mal geteilt und von mehr als 60.000 Menschen gesehen. Die Polizei wehrt sich gegen den Eindruck, man habe nur wegen des Videos die Tat vermeldet, muss aber einräumen, dass Journalisten bei der Polizei aufgrund des Videos nachgefragt haben. Daraufhin vermeldet die Polizei die Tat am Sonntagnachmittag statt am Montagmorgen. Wippel nennt diese Methode die Aufgabe der Opposition, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Am Wahlabend ruft er seinen Anhängern zu, er habe die größe Werbekampagne für Görlitz gefahren: So viele Journalisten hätten in den vergangenen Monaten noch nie über die Stadt berichtet.

Aber kann Wippel auch gestalten, Lösungen anbieten, Mehrheiten zusammenbringen für seine Vorschläge, Kompromisse schließen? Zur OB-Wahl legte er zehn Thesen vor: Sie reichten von Familienpolitik über niedrigere Gewerbesteuern bis hin zu einer Technischen Universität in Görlitz. Natürlich spielte auch die Sicherheit eine Rolle, das AfD-Thema. Keine dieser Thesen war überzogen, manche schon überholt wie die Straßenausbaubeiträge, die bereits abgeschafft sind in Görlitz. Bei den Antworten zu 26 Wahlthesen, um die die SZ vor dem ersten Wahlgang gebeten hatte, gab es viel Übereinstimmung mit den Mitbewerbern, vor allem mit der CDU, aber überraschenderweise auch mit der grünen Kandidaten. Mehr jedenfalls, als diese mit dem CDU-Bewerber vereinte.

Sebastian Wippel als Spieler der Landtagsauswahl in Görlitz.
Sebastian Wippel als Spieler der Landtagsauswahl in Görlitz. © Foto: Nikolai Schmidt

Kritik vom Görlitzer Bürgermeister

Die Erleichterung über seine Nicht-Wahl dürfte auch in der Chefetage des Görlitzer Rathauses groß sein. Niemand hat sich so kritisch mit der AfD auseinandergesetzt wie Bürgermeister Michael Wieler, der seit 2008 im Rathaus arbeitet und der bis mindestens 2022 gewählt ist. Zuvor war er Intendant des Görlitzer Theaters. Wieler, der Vorsitzender der Wählervereinigung "Bürger für Görlitz" ist, die in den vergangenen zehn Jahren Koalitionspartner der CDU im Görlitzer Stadtrat war, nutzte den Neujahrsempfang 2018, um der AfD ein „kulturell protektionistisches, nationalkonservatives Menschen- und Gesellschaftsbild“ vorzuwerfen, „das von einer „durchgreifenden Angst vor dem Fremden und Unverstandenen durchzogen ist. Einer Angst, die hinter allem und jedem ideologische Indoktrinierung von Staatswegen ausmacht. Angst vor Marginalisierung und einer zunehmend als Bedrohung empfundenen Komplexität der Lebenswirklichkeit“.

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Nur selten bricht es auch aus Sebastian Wippel heraus. Beispielsweise im August 2016 im Landtag, als er nach zwei Terroranschlägen in Süddeutschland bedauerte, dass "keine politisch Verantwortlichen unter den Opfern" waren. Oder, als er beim Zuckerfest der Muslime in Görlitz Postkarten verteilte, auf denen die Flüchtlinge aufgefordert wurden, doch in ihre Heimat zurückzukehren. Als Jörg Meuthen kürzlich in Görlitz Wahlkampf machte, da versprach Wippel: "Ich werde keinen Görlitzer vergessen. Nicht einen." Es klang für die einen wie die Verheißung, für die anderen wie eine Drohung.

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