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„Wir brauchen den aufmerksamen Bürger“

Der Görlitzer Polizeichef Conny Stiehl über die Unterschiede bei der Kriminalität an der polnischen und tschechischen Grenze.

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Von Matthias Klaus

Eigentlich klingt es für die Bewohner der Grenzorte zwischen Zittauer Gebirge und Oberland nach einer guten Nachricht: An der deutsch-tschechischen Grenze gibt es weniger Kriminalität als an der deutsch-polnischen. Das sagt zumindest die Statistik der Polizeidirektion Görlitz. Aber die gute Nachricht ist keine. Das weiß auch Polizeichef Conny Stiehl. „Wenn ich einem direkten Grenzanwohner, dessen Haus vielleicht schon dreimal von Dieben heimgesucht wurde, sage, dass es bei ihm weniger Kriminalität gibt, nimmt er mir das nicht ab. Das ist völlig verständlich!“, sagt der Leiter der Polizeidirektion Görlitz.

Kriminalität an der deutsch-tschechischen Grenze in der Oberlausitz wird anders wahrgenommen als an der deutsch-polnischen, so Conny Stiehl. Was beide Bereiche gemeinsam haben, ist die relativ dichte Bebauung hüben wie drüben. „Aber an der deutsch-polnischen Grenze sieht es noch etwas anders aus. Wir haben es hier mit relativ großen Städten zu tun“, schildert er. Conny Stiehl nennt Bogatynia und Zittau und natürlich Görlitz-Zgorzelec. „Anders ist das bei den kleineren Orten zwischen Zittauer Gebirge und Oberland“, sagt der Chef der Polizeidirektion. Kriminalität, etwa ein Autodiebstahl, werde hier ganz anders wahrgenommen. Conny Stiehl: „Um es einmal ganz drastisch zu sagen: Wenn in Dresden in der Nacht ein Auto gestohlen wird, ist da am nächsten Morgen ein freier Stellplatz. In einem 2 000-Einwohner-Dorf an der tschechischen Grenze haben sie am nächsten Morgen 2 000 Opfer.“ Das subjektive Empfinden, höherer Kriminalität ausgesetzt zu sein, sei in einem kleineren Ort, in dem jeder jeden kennt, viel stärker ausgeprägt, als in einer größeren Stadt.

Um das Sicherheitsempfinden der Grenzanwohner zu stärken, setzt Conny Stiehl vor allem auf die Polizeipräsenz auf den Straßen, auf Streifendienste, bezieht dabei die Kollegen von Bundes- und Bereitschaftspolizei und Zoll auch mit ein. „Und das möglichst rund um die Uhr, flächendeckend“, sagt er. Die Polizei muss zudem schnell vor Ort sein, wenn der Bürger ruft. „Zudem müssen der oder die Täter, so es sie gibt, dann auch kriminaltechnisch schnell ermittelt werden“, so der Leiter der Polizeidirektion Görlitz. Eines seiner Rezepte: Die kleineren Standorte erhalten, etwa Seifhennersdorf, Ebersbach, Oppach, Ostritz ... „Wir müssen nahe an die Leute ran“, ist Conny Stiehls Anspruch. Deshalb setzt er auf Polizeistandorte beispielsweise in Gemeindeämtern und Rathäusern, wie Großschönau und Ebersbach.

Im Streifendienst werde es in den kommenden Jahren keine personellen Abstriche geben, so der Chef der Polizeidirektion. Es komme zwar immer wieder zu Umstrukturierungen zwischen den einzelnen Orten, die Zahl derer, die tatsächliche Polizeiarbeiten leisten, bleibe aber in der Summe gleich. Dafür arbeite die Polizeidirektion Görlitz schon heute mit einem relativ kleinen Stab – auf einem Niveau, wie es erst 2020 gefordert wird. Der berühmte „demografische Wandel“, die Überalterung der Gesellschaft, macht auch vor den Polizeistrukturen nicht halt.

„Im Grenzgebiet kommt zu den Kriminellen aus dem eigenen Land eben noch eine Besonderheit hinzu: Die Täter aus dem Ausland“, sagt Conny Stiehl. Er wisse, dass die Kriminalitätsentwicklung an der tschechischen Grenze zwar einigermaßen konstant ist: „Aber eben auf einem recht hohen Niveau.“ Mit den polnischen Kollegen gibt es inzwischen eine tägliche gemeinsame Polizeistreife, mit den Tschechen zwar nicht immer täglich, aber regelmäßig.

Neben „seinen“ Leuten setzt Conny Stiehl deshalb auch auf die Anwohner des Grenzgebietes selbst. „Wir brauchen den aufmerksamen Bürger. Einen, der uns anruft, wenn im Haus gegenüber eingebrochen wird, nicht wegsieht“, sagt er. In den vergangenen Jahren hat sich die Zahl entsprechender Hinweise verstärkt. Conny Stiehl begrüßt das. „Lieber einmal mehr anrufen und es stellt sich als Fehlalarm heraus, als gar nicht“, sagt er. Natürlich, so der Polizeichef, müssen sich die Bürger darauf verlassen können, dass nach dem Anruf auch möglichst schnell eine Streife kommt.

Wenn die Kriminalitätsbelastung in der Grenzregion tatsächlich gesenkt werden könne, dann nur gemeinsam mit der Bevölkerung und der Polizei, so Conny Stiehl. Es liege in beiderseitigem Interesse, die gesamte Region sicherer zu machen. Zu schaffen macht der Polizei in der Region derzeit immer noch der Fahrradklau. „Vor allem hochwertige Räder werden gestohlen, tauchen dann in Ersatzteile zerlegt wieder auf“, so Conny Stiehl. Polen und Deutschland, weniger Tschechien seien dabei die Ziele. „Für uns ist das ein schwieriges Pflaster“, sagt der Leiter der Polizeidirektion. Die Oberlausitz sei ein Radler-Gebiet. Conny Stiehl: „Wir können nicht jeden Radfahrer anhalten und kontrollieren.“