merken
PLUS

„Wir brauchen wieder mehr Lokalpatriotismus“

Der Handels- und Gewerbeverein besteht seit 20 Jahren. Im Verein fehlen vor allem Händler, sagt Pressesprecher Peter Kirsten.

Herr Kirsten, wie viele Mitglieder hatte der Verein zu Gründung, wie viele sind es heute?

Als Vorläufer wurde 1992 die Interessen Gemeinschaft Handel mit 40 Händlern gegründet. Die Gründung und Eintragung als Handels- und Gewebeverein Lommatzsch e.V. (HGV) erfolgte im September 1993. Gegenwärtig hat der Verein 47 Mitglieder. Zur Gründung waren übrigens alle Mitglieder Betreiber eines Einzelhandelsgewerbes. Gegenwärtig gibt es in Lommatzsch insgesamt gerade noch um die 20 derartige Geschäfte, wovon lediglich sieben im HGV organisiert sind. Davon betreiben die meisten Mitglieder einen Handwerksbetrieb, sind Vertreter oder freiberuflich tätig. Demnach wäre die Bezeichnung Gewerbe- und Handelsverein derzeit zutreffender. Sieben der damaligen 40 Gewerbetreibenden sind heute noch Vereinsmitglied.

Oppacher Mineralquellen
Genieß‘ die Heimat mit Oppacher!
Genieß‘ die Heimat mit Oppacher!

Oppacher füllt Heimat in Flaschen ab und überzeugt seine Kunden mit regionalem Mineralwasser in ausgezeichneter Qualität.

Das ist jetzt kein riesiger Zuwachs in 20 Jahren?

Nein. Es gab mal Zeiten, da war es eine Selbstverständlichkeit, es gehörte zum guten Ton sich als Lommatzscher Unternehmen für Lommatzscher Anliegen zu engagieren, als Unternehmer im hiesigen Unternehmerverein präsent zu sein. Es gab so etwas wie Lokalpatriotismus und Aufbruchstimmung. Es wäre schön, wenn sich dieser Geist wieder beleben ließe.

Was tut der Verein, um mehr Mitglieder zu gewinnen?

Gegenwärtig bemühen wir uns, die noch vielen nicht im HGV organisierten Unternehmen für eine Mitgliedschaft im Verein zu gewinnen. Mit einer größeren Mitgliederzahl würden sich ja auch die finanziellen Spielräume erhöhen. Das ist aber nicht leicht. Die erste Frage, die meist in Gesprächen gestellt wird, ist : „Was hab´ ich denn davon ?“, das ist schon etwas ernüchternd.

Und was haben die Mitglieder davon?

Wir bieten den Unternehmen eine Plattform für den unternehmerischen Austausch und die Zusammenarbeit zu Gunsten lokaler wirtschaftsfördernder Projekte. Leben kann dieses Ziel aber erst durch die Mitarbeit aller Beteiligten.

Ein Ärgernis in Lommatzsch sind die unterschiedlichen Öffnungszeiten, vor allem Schließzeiten über Mittag. Was kann der Verein tun, um hier einheitliche Zeiten durchzusetzen?

Nicht viel. Unser Verein hat darauf nur sehr, sehr geringen Einfluss. Lediglich sieben Geschäftsinhaber sind Mitglieder des HGV, betreiben ein klassisches Einzelhandelsgewerbe mit Ladenlokal in der Innenstadt um den Markt angesiedelt. Einige dieser Geschäfte werden von Einzelpersonen betrieben. Da ist es schwer möglich, von Montag bis Sonnabend durchgängig zu öffnen. Man kann eine Kleinstadt wie Lommatzsch nicht mit Städten wie Meißen oder Riesa vergleichen.

Eine Veranstaltung der Stadt im Schützenhaus zur besseren Vermarktung der Innenstadt brachte eine enttäuschende Resonanz und noch weniger Ergebnisse. Welche Vorstellungen hat der Verein, um Lommatzsch attraktiver für das Einkaufen zu machen?

Sie sehen bereits an der Anzahl der im HGV organisierten Händler, dass derzeit viele der Ladeninhaber lieber eigene Wege gehen möchten. Es fehlt im Moment die Vision, gemeinsam Verbesserungen erreichen zu können, sei es in Zusammenarbeit mit dem HGV oder der Stadtverwaltung. Wenn man realistisch ist, bedürfen spürbare Verbesserungen immer finanzieller Mittel. Egal ob es da um Marketingaktionen, neue Blumenkübel oder die Anschaffung weihnachtlicher Beleuchtung geht, ohne Finanzen ist da nichts zu machen. Unser kleiner Verein, der sich ja ausschließlich über die Mitgliedsbeiträge finanziert, hat da keine großen Spielräume.

Eine ganze Reihe von Läden steht leer. Wie können diese genutzt oder zumindest gestaltet werden, damit diese Schandflecke verschwinden?

In der Lommatzscher Kernstadt stehen im Moment etwa eine Handvoll Geschäftsräume von guter Qualität frei. Diese sind optisch in Schuss und werden von den Besitzern zur Miete angeboten. Eine Nutzung auch nur als Ausstellung oder Werbefläche ist denkbar.

Der Verein hat sich aus den Märkten zurückgezogen, die Organisation der Stadt überlassen. Deren Aufgabe ist es aber nicht, Märkte zu organisieren. Sollten das nicht vor allem diejenigen tun, die am meisten davon profitieren, also die Händler und Gewerbetreibenden?

Ja und nein, gemeinsam zum Vorteil aller Beteiligten zusammenzuarbeiten, wäre wichtig Es gibt durchaus Kommunen, die erfolgreich Märkte und Feste organisieren. Für den Krautmarkt trifft dieses auch auf Lommatzsch zu. Allerdings sah sich die Stadtverwaltung nicht in der Lage, auch einen Weihnachtsmarkt zu organisieren. Aufgrund dessen haben sich in diesem Jahr einige HGV Mitglieder zusammengeschlossen und die Lommatzscher Hofweihnacht ins Leben gerufen. Bezüglich Ihrer Frage ist zu sagen, der Eindruck mit derartigen Märkten und Festen in einer Kleinstadt wie Lommatzsch Profit zu machen, den kann man wirklich vernachlässigen. Zählt man die vielen Stunden der Vorbereitung und Organisation in die Kalkulation ein, ist man froh, wenn am Ende eine schwarze Null steht.

Also muss die Stadt wieder ran?

Derartige Märkte und Feste sind auch ein Aushängeschild für die Stadt. Das haben viele Kommunen bereits erkannt und führen selbst Regie bei derartigen Veranstaltungen oder unterstützen die Betreiber nach Kräften. An dieser Stelle wäre aus unserer Sicht eine bessere Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung wünschenswert. In vielen Kommunen sind die Verwaltungen direkt mit in den Gewerbevereinen aktiv, um mit ihren Möglichkeiten zu unterstützen. Auch wäre dann die Kommunikation direkter und somit einfacher. Da haben wir also noch Nachhol- und Verbesserungsbedarf.

Was wäre nötig, um die Innenstadt attraktiver zu machen?

Ein zentraler Platz mit Sitzgelegenheiten zum Verweilen der Gäste der Stadt wäre wünschenswert. Schön wäre eine Neugestaltung des Marktplatzes, um den Wochenmarkt unabhängig von einer Straßensperrung in der Innenstadt zu ermöglichen. Der angedachte Spielplatz auf dem Gelände am Markt 6 wäre ebenfalls eine willkommene Bereicherung.

Das alles müsste die Stadt tun. Und was macht der HGV?

Unsere finanziellen Möglichkeiten im HGV erlauben nur wenige, kleine Maßnahmen. Sollten sich eines Tages einmal mehr Unternehmen, auch die größeren ansässigen Betriebe und Handelsdiscounter im HGV engagieren, dann könnten wir auch einen größeren Beitrag leisten. Daher bitten wir um das ideelle und finanzielle Engagement der gesamten lokalen Wirtschaft, um spürbare Akzente setzen zu können.

Gespräch: Jürgen Müller