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„Wir haben einfach einen gesoffen“

Nach dem Europapokal-Spiel 1971 machen vier Dynamos Party in Amsterdam. Einem wird danach unterstellt, er wollte abhauen.

© kruczynski, frank

Von Sven Geisler

Diese Einladung konnten sie nicht ausschlagen. „Wir wollten doch auch mal etwas Neues erleben“, meint Dieter Riedel. Für ihn ist es sowieso eine besondere Nacht, denn er feiert in seinen 24. Geburtstag hinein. Als Ajax-Profi Horst Blankenburg die Dynamos nach dem Europapokal-Hinspiel am 15. September 1971 in die Amsterdamer Piccadilly-Bar einlädt, sind vier Dresdner sofort dabei. Außer Riedel fahren Torwart Peter Meyer, Eduard Geyer und Frank Ganzera mit in die City.

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29.September 1971, Dresden, Rudolf-Harbig-Stadion: Schiedsrichter Ken Burns aus England führt die Mannschaften von Dynamo und Ajax (3.v.r. Johan Cruyff) zum Rückspiel im Europapokal auf den Rasen. Dynamos Partygänger von Amsterdam sind mit dabei. Doch für
29.September 1971, Dresden, Rudolf-Harbig-Stadion: Schiedsrichter Ken Burns aus England führt die Mannschaften von Dynamo und Ajax (3.v.r. Johan Cruyff) zum Rückspiel im Europapokal auf den Rasen. Dynamos Partygänger von Amsterdam sind mit dabei. Doch für

Walter Fritzsch, der strenge Trainer, gewährte bis Mitternacht Ausgang, obwohl die Schwarz-Gelben bei ihrer Premiere im Cup der Landesmeister mit 0:2 verloren hatten. Ein schmeichelhaftes Ergebnis, räumt Riedel ein. „Wir hatten keine Chance, sind kaum aus unserer Hälfte gekommen. Es hätte ein Debakel geben können.“ Das verhindern die Torhüter. Erst Manfred Kallenbach, der jedoch zur Pause ausgewechselt werden muss. Bei einem Zusammenprall mit dem eigenen Libero Hans-Jürgen Dörner hatte er sich am Auge verletzt.

Mit Peter Meyer hat Dynamo jedoch einen „begnadeten Torwart“ auf der Bank, wie Riedel sagt. „Bei Torschussübungen im Training sind wir an ihm beinahe verzweifelt. Wie der geflogen ist – und das auf dem Hartplatz!“ Aber Meyer war eben auch bekannt dafür, dass er ab und zu mal über die Stränge schlägt, kein einfacher Charakter. Das sagt der heute 70-Jährige über sich selbst. „Ich hatte meinen eigenen Kopf, war schwer zu nehmen.“ Die Nacht in Amsterdam sollte für ihn besonders lang werden. Und folgenschwer enden.

„Wir haben ein paar Whisky-Cola getrunken und das Mischungsverhältnis erst hinterher richtig gemerkt“, erzählt Riedel. Als sie gegen drei Uhr mit dem Taxi am Mannschaftshotel vorfahren, fehlt einer. Meyer steigt zu Blankenburg, der aus Heidenheim stammt, ins Auto, um mit dem Landsmann aus dem Westen noch einen Absacker zu nehmen. Erst drei Stunden später meldet auch er sich zurück. „Die dachten, ich bin abgehauen“, erinnert sich Meyer an den Empfang durch die Aufpasser aus Berlin, die jede Reise begleiteten. „Ich habe ihnen zugerufen: Keine Angst, ich bin ja da! Und bin auf mein Zimmer durchmarschiert.“

Im Rückspiel noch dabei

Das böse Erwachen kam, allerdings nicht gleich am nächsten Tag. Zwar muss das abtrünnige Quartett Stellungnahmen schreiben, aber bis zum Rückspiel zwei Wochen später passiert nichts. Meyer, Riedel, Geyer und Ganzera spielen 90 Minuten, Dynamo scheidet mit einem achtbaren 0:0 gegen den späteren Cupsieger aus. Torhüter Meyer erhält besonders gute Kritiken, weil er die Großchancen von Arnold Mühren und Cruyff vereitelt.

Der Eklat von Amsterdam wird nicht publik, was in der damaligen Medienlandschaft, erst recht staatlich kontrolliert in der DDR, nicht allzu schwierig ist. Während die anderen mit glimpflichen Strafen davonkommen, trifft es Meyer hart. „Ich wurde zwar nicht sofort rausgeschmissen, aber unbegrenzt für die DDR-Oberliga gesperrt.“ Sein Aus bei Dynamo. „Ich war gebrandmarkt.“ Dafür reichte der Verdacht, dass er sich absetzen wollte. „Klar haben wir darüber gesprochen“, erzählt Meyer. „Blankenburg meinte: Bleib’ hier, du kannst bei uns spielen! Und ich habe ihm geantwortet: Horst, ich kann nicht. Damit war das Thema erledigt, und wir haben einfach einen gesoffen.“

Meyer wollte seine damalige Frau und Sohn Enrico nicht allein lassen. Die Ehe ging wenig später in die Brüche, trotzdem hadert er im Rückblick nicht. „Ich hatte nie die Absicht, abzuhauen.“ Für die Folgen der Amsterdamer Nacht macht er niemandem Vorwürfe. „Ich wusste doch, was passieren kann.“ Im Mai 1972 endet für Meyer nach sechs Jahren seine Zeit bei Dynamo, die auch ungewöhnlich begonnen hatte. Eigentlich sollte er 1965 von Motor Zwickau zum Klub nach Karl-Marx-Stadt wechseln. Aber das passte dem Junioren-Nationaltorwart nicht, stattdessen ließ er sich zum Wehrdienst einziehen.

Dynamo-Trainer Manfred Fuchs, der wie er aus Zwickau stammte, sorgte dafür, dass Meyer nach einem halben Jahr von Frankenberg nach Dresden verlegt wurde. In die Kaserne ging er nur noch zum Schlafen. Im Aufstiegsjahr 1968/69 wurde er zur Nummer eins bei den Schwarz-Gelben, verlor den Stammplatz aber in der nächsten Saison wieder an Kallenbach. Bei einem Zusammenprall mit dem Rostocker Klaus-Dieter Seehaus hatte er sich eine schwere Leberquetschung zugezogen.

Die beiden Spiele gegen Ajax blieben seine einzigen Einsätze im Europapokal. Meyer konnte von Glück reden, weiter Fußball spielen zu dürfen. „Ich denke, Walter Fritzsch hat ein gutes Wort für mich eingelegt“, sagt er. Bis 1984 hält er in Werdau, danach in Cainsdorf und bei Motor Thurm. Seine letzten Punktspiele bestreitet er 2002 mit 60, als Thurm im Abstiegskampf der Bezirksklasse dringend Ersatz für seinen verletzten Torwart braucht. „Wir haben noch die Klasse gehalten.“ Der Kontakt zu Dynamo hielt bis 1994, als er mit der Traditionsmannschaft ein Freundschaftsspiel bestritt. In einer Woche wird er die Wegbegleiter wiedertreffen, denn zum Testspiel der Schwarz-Gelben gegen Ajax kommt er nach Dresden.

Für diesen Ausflug verlässt Peter Meyer sogar mal die Kneipe. Seit elf Jahren bewirtschaftet er mit seiner zweiten Frau Marcella die „Planschwiese“ im Zwickauer Stadtteil Pölbitz. Die Gartenanlage ist von der Mulde überflutet worden, wie schon 2002 stand die braune Brühe knapp einen Meter hoch im Gastraum. „Viele Helfer haben angepackt, nach fünf Tagen konnten wir wieder öffnen“, berichtet „Perle“, wie ihn seine Freunde rufen. Die Zwickauer Legenden treffen sich hier dienstags ab halb zehn zum Stammtisch.

Seine Episode aus Amsterdam kennt natürlich jeder. „Was sich die sozialistischen Bürger im Ausland so erlaubt haben“, meint Dieter Riedel grinsend. Für ihn bleibt die Geburtstagsnacht so unvergesslich wie die Spiele gegen Ajax. „Das war eine Weltklasse-Mannschaft.“ Dreimal in Folge gewann der niederländische Rekordmeister zwischen 1971 und 1973 den Europapokal der Landesmeister. „Und wir haben ihnen in Dresden ein 0:0 abgetrotzt!“

SZ verlost Plätze auf der Ehrenbank

Für Sonnabend, den 6. Juli, hat Riedel die Dynamo-Legenden von damals eingeladen. Sie werden beim Test der Zweitliga-Mannschaft gegen den Champions-League-Teilnehmer aus Amsterdam auf einer Ehrenbank sitzen. Auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, können darauf Platz nehmen! Die Sächsische Zeitung vergibt zwei Plätze neben Meyer, Riedel, Ganzera, Dörner, Sammer und Co. Waren Sie 1971 im Stadion? Dann schreiben Sie uns Ihre Geschichte – ob kurz oder länger – und schicken sie an:

Sächsische Zeitung, Sportredaktion, Ostra-Allee 20, 01067 Dresden.

Oder per Mail: [email protected]

Einsendeschluss ist Mittwoch, der 3. Juli. Die Gewinner werden benachrichtigt.