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Bautzen

„Wir haben jahrelang auf Lohn verzichtet“

Ralf Thomas ist seit 1985 Busfahrer mit Leib und Seele. Aber an diesem Mittwoch hat er wie viele Kollegen gestreikt.

Busfahrer Ralf Thomas (Bildmitte) hat am Mittwoch wie viele Regiobus-Mitarbeiter im Landkreis Bautzen für höhere Löhne gestreikt.
Busfahrer Ralf Thomas (Bildmitte) hat am Mittwoch wie viele Regiobus-Mitarbeiter im Landkreis Bautzen für höhere Löhne gestreikt. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Es ist fast schon ein gewohntes Bild, das sich am Mittwoch am Bautzener Regiobus-Gelände bietet. Kein Bus rückt ein oder aus, stattdessen steht einer an der Einfahrt zum Unternehmen. Im Fahrzeug und davor haben sich etwa 20 Mitarbeiter des Unternehmens postiert. Hinter der Frontscheibe begründen vier Ziffern und ein Komma, warum an diesem Tag kein Linienbus ausrückt: 15,66.

Zum dritten Mal binnen vier Wochen hat die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zum Warnstreik aufgerufen. An diesem Donnerstag verhandeln Arbeitgeber und Gewerkschaft wieder über höhere Löhne für Sachsens Busfahrer, da soll am Tag zuvor noch einmal Druck gemacht werden. 15,66 Euro Stundenlohn fordert Verdi für die Busfahrer, außerdem höhere Vergütungen für Lehrlinge. Um den Forderungen Nachdruck zu verleihen, hat die Gewerkschaft an diesem Mittwoch ab 2 Uhr für 24 Stunden die Mitarbeiter von zehn Busunternehmen im Freistaat erneut zum Warnstreik aufgerufen.

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Zum dritten Mal dabei

Die Bautzener sind zum dritten Mal dabei, nach dem 10. und 25. April. Einer von ihnen ist Ralf Thomas. Der heute 56-Jährige ist Busfahrer mit Leib und Seele, seit mehr als 30 Jahren. Als er 1985 von der Armee zurück ins Berufsleben kam, hieß der Betrieb noch VEB Kraftverkehr Bautzen. Ralf Thomas hat alles miterlebt: Wie 1990 aus dem volkseigenen Betrieb zunächst die Treuhand-Firma Ostsachsen-Trans wurde. Wie die damaligen Landkreise Bautzen, Bischofswerda und Kamenz 1992 aus Ostsachsen-Trans ihre gemeinsame Tochtergesellschaft Regionalbus Oberlausitz machten. Und wie diese 1995 privatisiert wurde. Seitdem gehören fast drei Viertel der Firmenanteile von Regiobus einem Verkehrsunternehmen im nordrhein-westfälischen Moers.

„Das war doch damals überall so: raus aus dem öffentlichen Dienst, rein in die Privatisierung“, erinnert sich Ralf Thomas. „Als Preis mussten wir Lohneinbußen hinnehmen.“ Mehr als zehn Jahre lang hätten die Regiobus-Beschäftigten stillschweigend auf Geld verzichtet, wieder und wieder – als Gegenleistung für sichere Arbeitsplätze. 

Doch der Wind auf dem Arbeitsmarkt hat sich gedreht. Nicht nur für Busunternehmen ist es schwieriger geworden, neue Mitarbeiter zu finden. „Der Beruf muss attraktiver werden“, findet Ralf Thomas. Dienste beginnen oder enden mitten in der Nacht. Zwölf-Stunden-Schichten sind keine Seltenheit. „Da finden die Betriebe heute kaum noch junge Leute, die Bus fahren wollen“, sagt der 56-Jährige. Und sieht höhere Löhne als Anreiz, sich hinters Lenkrad zu setzen und Verantwortung für die sichere Fahrt von Menschen zu übernehmen – ob es nun früh um vier oder abends um elf ist, Werktag oder Feiertag.

Nächste Verhandlungen am Donnerstag

Verdi-Mitglied Thomas zeigt den Warnstreikaufruf seiner Gewerkschaft. „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“, heißt es unter anderem auf dem A-4-Blatt. „In Sachsen-Anhalt geht’s doch auch mit den 15,66 Euro“, sagt er. „Obwohl das Bundesland dort wirtschaftlich schwächer dasteht als Sachsen.“ Als verheirateter Familienvater zweier Kinder weiß er ja auch, dass das Leben immer teurer wird. Da sei ein deutliches Lohnplus mehr als gerechtfertigt.

Er ist an diesem Mittwochmorgen seit 4 Uhr hier an der Regiobus-Einfahrt. Um diese Zeit rücken sonst die ersten Fahrzeuge aus. Die Streikenden haben sich in Schichten eingeteilt, nicht nur in Bautzen, sondern auch in Kamenz, Königswartha und allen anderen Orten, wo sonst Busse des Unternehmens ihre Stellplätze haben. „So, dass immer jemand vor Ort ist“, erklärt Ralf Thomas. Insgesamt würden sich etwa 200 Regiobus-Mitarbeiter am Warnstreik beteiligen. Ab Donnerstag früh soll dann alles wieder nach Plan rollen. Wenige Stunden später verhandeln Arbeitgeber und Gewerkschaft. „Ich denke schon, dass die Arbeitgeber nach drei Warnstreiks jetzt mit einem ordentlichen Angebot kommen“, hofft der erfahrene Regiobus-Fahrer.

Der Arbeitgeberverband Nahverkehr (AVN) kündigte inzwischen an, bei der nächsten Verhandlungsrunde am Donnerstag ein für die Verkehrsunternehmen „bezahlbares Tarifergebnis“ zu finden. Das jüngste Angebot des AVN lag bei einem Lohnplus von 3,5 Prozent in diesem Jahr und je weiteren drei Prozent in den nächsten beiden Jahren. 

Regiobus-Geschäftsführerin Andrea Radtke hatte zuletzt gegenüber der SZ die bisherigen „moderaten Lohnsteigerungen“ verteidigt. An diesem Mittwoch war sie für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Ebenso war in der Unternehmenszentrale nicht zu erfahren, wie viele Fahrzeuge in ihren Depots blieben. Beim ersten Warnstreik am 10. April waren es etwa 145, am 25. April rund 60 Busse.