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„Wir haben keine Flausen im Kopf“

Er ist ein Idol, hat Dynamos Glanzzeiten mitgeprägt. Jetzt spricht Hans-Jürgen Dörner über Vergangenheit und Zukunft.

© Robert Michael

Wenn es um seinen Spitznamen geht, kann „Dixie“ Dörner, der mit Vornamen Hans-Jürgen heißt, auch nicht aufklären. „Den hatte ich von klein auf, schon als Straßenfußballer in Görlitz“, sagt der 67-Jährige. „Das Verrückte ist, dass mich auch in Dresden sofort alle so gerufen haben.“ Mit 14 wurde er als Talent entdeckt und – wie es in der DDR üblich war – an die Kinder- und Jugendsportschule delegiert, spielte fortan bei Dynamo. Als Weltklasse-Libero prägte er die Spielweise der Schwarz-Gelben in den erfolgreichen 1970er- und 1980er-Jahren mit, war an je fünf Meistertiteln und Pokalsiegen beteiligt, bestritt 100 Länderspiele und wurde dreimal zum „Fußballer des Jahres“ gewählt.

Seit November 2013 hat er eine Stimme im Aufsichtsrat des Vereins – ein Gespräch über Tradition und modernen Fußball.

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Herr Dörner, was macht für Sie den Mythos Dynamo aus?

Die Erfolge in der Vergangenheit mit den internationalen Spielen und den Titeln sind natürlich prägend. Aber auch die Tatsache, dass sich der Verein trotz großer Schwierigkeiten wieder zurückgemeldet hat. Es wird wieder positiv über Dynamo gesprochen.

Tradition oder Kommerz – ist das für Sie ein Gegensatz?

Dynamo ist ein Traditionsverein. Wir haben nicht die finanziellen Möglichkeiten wie Leipzig, Leverkusen oder Wolfsburg. Wir sind anders aufgestellt, anders gewachsen. Trotzdem müssen wir versuchen, mehr Sponsoren zu bekommen, damit wir im Profi-Fußball bestehen können. Dafür reicht es nicht, uns auf die Tradition zu berufen, sondern wir brauchen die wirtschaftliche Grundlage, ohne zu sagen: Wir wollen einen Investor.

Wie kann sich Dynamo trotzdem abgrenzen von anderen Vereinen?

Zum Beispiel darin, dass die Ausgliederung der Profiabteilung für uns nicht infrage kommt. Wir sind ein Verein, in dem die Mitglieder mitbestimmen und mitwirken können. Mit der zweimaligen Sonderumlage haben sie beispielsweise mehr als zwei Millionen Euro für die Rückzahlung des Kölmel-Darlehens aufgebracht. Wenn Dynamo finanziell in Not geraten ist, waren es oft die Mitglieder und Fans, die den Verein vor dem Aus bewahrt haben. Deshalb gehen wir unseren Weg mit ihnen gemeinsam.

Wie war es eigentlich für Sie, als Sie von Motor WAMA Görlitz zu Dynamo gekommen sind?

Das war eine ganz andere Zeit. Natürlich ist es den kleinen Vereinen auch schwergefallen und sie haben gemeckert, wenn ein Dörner von Görlitz oder ein Kirsten von Riesa nach Dresden gegangen sind. Aber letztlich haben sie sich auch gefreut, wenn ihre Jungs bei Dynamo erfolgreich waren. Nach 1990 war es jahrelang so, dass niemand mehr gesagt hat: Den schicken wir zu Dynamo. Dieses Bild hat sich wieder gewandelt. Unsere Nachwuchsmannschaften spielen in den höchsten Ligen, das ist ein Aushängeschild, um zu sagen: Jungs, kommt nach Dresden. Wir machen hier gute Arbeit, obwohl wir finanziell nicht die Möglichkeiten haben wie andere.

Und wie haben Sie den Wechsel damals erlebt?

Es war schon schwierig, de facto über Nacht das gewohnte Umfeld zu verlassen, in Dresden im Internat zu wohnen unter sehr, sehr einfachen Verhältnissen auf engstem Raum. An einen Fernseher war nicht zu denken. Auch die Umstellung von zweimal auf vier- bis fünfmal Training in der Woche war nicht einfach. Aber wir hatten mit Kurt Kresse einen Jugendtrainer, der sich um die Spieler gekümmert hat, außerdem war ich nicht alleine. Siegmar Wätzlich, Gerd Heidler, Frank Richter, mit denen ich später in der Oberliga gespielt habe, wohnten auch im Internat.

Welcher Erfolg in Ihrer Karriere ist Ihnen im Rückblick besonders wichtig?

Die erste Meisterschaft 1970/71, die mit dem Double verbunden war. Damit hatte niemand gerechnet, es war erst das zweite Jahr nach dem Wiederaufstieg in die DDR-Oberliga. Es war schon eine Überraschung, dass wir den Titel geholt haben. Als Krönung kam das Pokalfinale in Halle gegen den BFC dazu, das wir in der Verlängerung mit 2:1 gewinnen konnten.

Wenn man so erfolgreich ist wie Dynamo zu Ihrer Zeit: Wird das irgendwann selbstverständlich?

Nein, selbstverständlich wird es nie. Mit Magdeburg, Carl Zeiss Jena, Lok Leipzig, später mit den Berlinern waren es ziemlich gleichwertige Mannschaften. Unser Anspruch war es, jedes Jahr in den internationalen Wettbewerb zu kommen. Es war trotzdem Druck da, das Stadion war ja voll, wir haben nicht vor 5 000 Leuten gespielt.

Zum Mythos Dynamo gehört auch die Spielweise, der berühmte „Kreisel“. Wie kam es dazu?

Trainer Walter Fritzsch hatte eine klare Idee vom Fußball: Dass von hinten rausgespielt wird, wenig lange Pässe geschlagen werden. Das haben wir gepaukt. Es bedeutete, mit viel Laufaufwand zu spielen. Wenn sich keiner bewegt, kommt kein Kombinationsspiel zustande. Wir hatten nicht nur Filigranfußballer, sondern andere, die im Zweikampf richtig dazwischen gehauen haben, dass es auch mal gekracht hat. Die Typen haben gepasst.

Erkennen Sie die Spielweise in der derzeitigen Mannschaft wieder?

Der Fußball hat sich verändert, ist ein bisschen athletischer und schneller geworden, die Räume sind enger. Zumindest sage ich: Dynamo versucht’s. Für meinen Geschmack übertreiben sie es manchmal, geraten dadurch unter Druck, kassieren Gegentore. Man muss genau wissen: Hier kann ich spielen, hier muss ich den Ball wegschlagen. Man hat über mich gesagt, ich sei leichtsinnig, aber ich habe immer gewusst, was ich mache. Wenn ich den Ball ins Aus spiele, spiele ich ihn eben ins Aus, egal, ob die Zuschauer pfeifen. Man muss aber dazusagen: Wir waren gespickt mit Nationalspielern, sechs sind 1976 Olympiasieger geworden, Siegmar Wätzlich und Hansi Kreische waren 1974 bei der WM. Das lässt sich nicht vergleichen.

Würde ein Libero wie „Dixie“ Dörner heute noch funktionieren?

Es spielt ja keine Mannschaft mehr mit Libero.

Anders gefragt: Wo würde er heute spielen?

Auf der Sechs, also im defensiven Mittelfeld. Das könnte ich mir gut vorstellen. Hintendrin in der Viererkette würde es schon wegen meiner Größe nicht funktionieren, aber davor zu spielen, zu dirigieren, das könnte ich mir vorstellen.

Sie sind ein Idol, ein Gesicht des Vereins. Trotzdem waren Sie bei Dynamo eine Zeit lang nicht gefragt. Wie haben Sie das erlebt?

Die schlimmste Zeit war nach der Wende, als hier Leute hergekommen sind, die vom Fußball keine Ahnung hatten und von uns sowieso keinen kannten. Es war traurig, das muss ich ehrlich sagen. Im Westen haben die Vereine schon damals an ihren alten Säcken, so will ich sie mal nennen, festgehalten, ohne, dass man reinquatscht. Aber das macht Tradition zum Beispiel aus.

Warum sind Sie nie Trainer bei Dynamo geworden?

Es hat einfach nicht gepasst. 1992 hat mich der damalige Präsident Wolf-Rüdiger Ziegenbalg angesprochen, ob ich als Nachfolger von Helmut Schulte zur Verfügung stehe. Ich war aber gerade mit der Nationalmannschaft im Trainingslager zur Vorbereitung auf die EM. Also habe ich gesagt: Ja, ich würde es machen, aber erst nach der EM. Das hat ihm zu lange gedauert. Es gab noch mal eine Anfrage, als Dynamo in der Amateuroberliga gespielt hat. Aber das kam unter den Rahmenbedingungen, die sie mir geboten haben, nicht infrage. Das Schlimmste war: Dem Holländer (Cor Pot/d. A.), der dann kam, haben sie alles genehmigt.

Wie sehr haben Sie unter dem Absturz des Vereins gelitten?

Es tat weh zu erleben, was nach dem Zusammenbruch 1995 passiert ist, wie Dynamo in den Amateurstatus zurückgefallen und auch im Nachwuchsbereich alles zusammengebrochen ist. Das hat sich Gott sei Dank wieder eingespielt, woran – wie am Anfang gesagt – die Fans und Mitglieder einen entscheidenden Anteil hatten, weil sie in diesen sportlich schlechtesten Zeiten trotzdem zur Mannschaft gestanden haben. Zudem wurde mit Christoph Franke ein Trainer geholt, der trotz wirtschaftlicher Probleme sportliche Stabilität reingebracht hat.

Sie gehören seit gut vier Jahren dem Aufsichtsrat an, halten sich aber im Hintergrund. Worin sehen Sie Ihre Rolle im Verein?

Ich habe mich mit Ralf Minge ausgetauscht, ohne dass wir jeden Tag telefonieren. Wenn er meine Meinung wissen wollte, habe ich ab und zu einen Spieler beobachtet. Das passiert jetzt mit Kristian Walter. Ich sehe mich als Unterstützung, als einen, der seine Sicht kundtut. Darüber würde ich aber nie öffentlich sprechen.

Wo sehen Sie Dynamo in der Zukunft?

Wir haben keine Flausen im Kopf. Die Euphorie ist hier schnell riesengroß. Wir haben zwei Jahre erlebt mit dem Aufstieg und dem fünften Platz in der zweiten Liga, und jeder dachte – ich habe es ja auch gehofft –, es geht so weiter. Davor haben Ralf Minge und andere gewarnt, dass es im Fußball nicht nur bergauf geht. Wichtig ist es, dass wir uns etablieren und drei, vier, fünf Jahre stabilisieren – unabhängig vom Tabellenplatz. In der Zeit muss sich die Mannschaft so entwickeln, dass man nicht mehr fünf bis acht neue Spieler holen muss, sondern nur zwei, drei. Dann kann man auch mal sagen, es ist mehr drin. Aber das sehe ich im Moment noch nicht. Für uns wird es immer schwer sein, einen überdurchschnittlichen Spieler zu halten. Wir müssen uns kontinuierlich entwickeln, eine Hauruck-Aktion bringt nichts.

Das Gespräch führte Sven Geisler

Noch mehr rund um das Vereinsjubiläum lesen Sie in unserem Dossier „65 Jahre Dynamo“