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„Wir haben unsere Mutter verloren“

Eine 51-jährige Frau stirbt bei einem Verkehrsunfall auf der Autobahn.Ein Transporterfahrer aus Meißen ist schuld. Docher wird nicht verurteilt.

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Von Jürgen Müller

Da hat die Familie Glück im Unglück gehabt. Ein 70 Kilogramm schweres Wildschwein war in einer Oktobernacht vor drei Jahren auf der Autobahn von Dresden nach Prag 15 Kilometer hinter der deutschen Grenze in ihren Mercedes gelaufen. Nahezu unverletzt überstehen die vier Insassen – darunter ein sechs Monate alter Säugling – den Unfall. Sie wollen gerade die Unfallstelle auf der linken der beiden Fahrspuren absichern und sich hinter der Mittelleitplanke in Sicherheit bringen, als ein Meißner mit seinem Transporter kommt. Er fährt 120 Sachen, das ist erlaubt auf tschechischen Autobahnen. In der konkreten Situation bei Nacht und nach einer Krümmung ist er aber zu schnell unterwegs. So erkennt er das beschädigte Auto zu spät, kracht hinein. Eine 51-jährige Frau – Mutter von vier Kindern – wird erfasst und schwer verletzt. Zwei Notoperationen können ihr Leben nicht retten. Fünf Tage nach dem Unfall stirbt sie im Krankenhaus.

Wegen fahrlässiger Tötung soll sich der Meißner Todesfahrer vor dem hiesigen Amtsgericht verantworten. Er hatte gegen einen Strafbefehl Einspruch eingelegt, in dem er schuldig gesprochen und zu einer Geldstrafe von 4000 Euro verurteilt wurde. Die Amtsrichterin Ute Wehner hat zehn Zeugen, zwei Sachverständige aus Tschechien und Dolmetscher geladen. Doch kein einziger wird gehört, eine Verhandlung findet gar nicht statt. Ohne die Hauptverhandlung zu eröffnen, einigen sich Staatsanwalt Peter Lässig, Gericht und Verteidiger, das Verfahren wegen „geringer Schuld“ gegen eine Geldauflage von 1350 Euro einzustellen.

Angehörige sind empört

Die Angehörigen des Todesopfers sind fassungslos, empört und entsetzt. „Was hier rauskommt, stand schon vorher fest. Die Richterin hat vom Schreibtisch aus entschieden. Wieso lädt sie so viele Zeugen, lässt uns Hunderte Kilometer anreisen und hört uns dann gar nicht an? Wo leben wir denn? Das nennt sich Rechtsstaat“, schimpft Besnik Qorraj. Der 26-Jährige ist eines von vier Kindern der Getöteten. „Wir haben unsere Mutter verloren. Ihr Leben ist dem Gericht gerade mal 1350 Euro wert. Das ist ein Witz“, sagt er fassungslos. Die Familie, die aus dem Kosovo stammt und seit mehr als 20 Jahren in Deutschland lebt, ist extra aus Hannover angereist.

Deutliche Wort findet auch Siegfried Reszat. Der Rechtsanwalt aus Hannover vertritt die Familie als Nebenkläger. „Der Staatsanwalt wollte die Akte zumachen. Hier wurde mit dem Wischlappen über die Unzulänglichkeiten der Justiz gewischt“, schimpft er. Seit 42 Jahren ist er Rechtsanwalt. „So etwas wie heute in Meißen habe ich in meiner ganzen beruflichen Laufbahn noch nie erlebt“, sagt er.

Sein Kollege Ralf Petzold aus Meißen, der den Angeklagten vertrat, ist dagegen mit dem Ergebnis zufrieden. Er spricht von einer „pragmatischen Lösung, um den Unfall abzuarbeiten.“ Er sei tragisch, aber nicht zu verhindern gewesen. Seinen Mandanten treffe nur eine geringe Schuld. So etwas könne jedem passieren.

Tatsächlich hat der Sachverständige Tomas Rozlirka aus Tschechien in seinem Gutachten festgestellt, die Ursache des Unfalls sei in der nicht gesicherten Unfallstelle zu suchen. „Die Reaktion des Fahrers war ausreichend und angemessen, um einen Zusammenstoß zu verhindern. Aus technischer Sicht war der Unfall nicht zu vermeiden“, heißt es in dem Gutachten. Die Zeugen sagen etwas anders. Die Warnblinkanlage sei eingeschaltet gewesen, außerdem hätten sie mit Taschenlampen geleuchtet. Doch sie werden gar nicht angehört. Der Gutachter geht davon aus, dass auf der rechten Spur zum Unfallzeitpunkt ein Lkw fuhr, der Transporterfahrer deshalb nicht habe ausweichen können. Stimmt nicht, sagt Siegfried Reszak. „Kein Zeuge hat einen Lkw gesehen. Das ist eine reine Schutzbehauptung des Angeklagten. Durch Befragung der Zeugen hätte das Gericht dies aufklären können“, so der Anwalt.

Ralf Petzold spricht von einem „Freispruch zweiter Klasse“ für seinen Mandanten, gibt aber zu, dass das Ergebnis für alle nicht befriedigend sei. Vor allem nicht für die Angehörigen. „Dieser Mann hat unsere ganze Familie zerstört“, sagt Besnik Qorraj. Er selbst sei psychisch zusammengebrochen, habe seinen Job im öffentlichen Dienst verloren. Sein Vater habe den Tod seiner Frau bis heute nicht verkraftet. Der Lehrer sei seit diesem Tag erwerbsunfähig, lebe von einer Witwenrente von 206 Euro und müsse zum Sozialamt gehen. „Wir mussten uns verschulden, um die Beerdigung bezahlen zu können“, sagt er.

Die Familie hat 450000 Euro Schadensersatz und Schmerzensgeld gefordert. Die Versicherung des Angeklagten hat bisher keinen einzigen Cent gezahlt, wollte erst das Strafverfahren abwarten. Mit der Verfahrenseinstellung dürften nun die Chancen der Angehörigen auf Schmerzensgeld deutlich sinken.