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"Wir halten nur die Beine still, nicht den Kopf"

Für den Kreisseniorenrat sind Besuche in Altenheimen derzeit tabu. Wie der Kontakt dennoch gehalten wird, sagt Vorsitzender Joachim Herrmann im SZ-Gespräch.

Der Vorsitzenden des Kreisseniorenrates Joachim Herrmann wohnt in Löbau und ist gern in der Natur. Eine Alltagsmaske hat er in der Öffentlichkeit stets dabei.
Der Vorsitzenden des Kreisseniorenrates Joachim Herrmann wohnt in Löbau und ist gern in der Natur. Eine Alltagsmaske hat er in der Öffentlichkeit stets dabei. © Matthias Weber/photoweber.de

Herr Herrmann, im Dezember übernahmen Sie den Vorsitz des Kreisseniorenrates. Sie sind zusammen mit den drei regionalen Seniorenvertretungen im Landkreis auf ehrenamtlicher Basis für die  Rentner zuständig. Wie geht es in dieser Corona-Zeit den alten Menschen? 

Für uns als Rat und für die Senioren heißt es in erster Linie, mit den Beschränkungen klar zu kommen. Natürlich sind wir lieber vor Ort, sprechen mit den Senioren persönlich und hören uns ihre Sorgen und Nöte, aber auch ihre Freuden an. Das ist jetzt nicht möglich. Aber ein Besuchsverbot ist kein Kontaktverbot. Telefon und die modernen Medien erlauben es uns, weiter mit ihnen und dem Personal im Kontakt zu bleiben.

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Dabei zeigt es sich, dass die Befindlichkeiten und das Zurechtkommen mit einer bisher nie dagewesenen Pandemie recht unterschiedlich bei den Senioren sind. Die fehlenden sozialen Kontakte, also die Besuche der Familien, machen sich in der Psyche der Heimbewohner schon bemerkbar.  Aus unserer Erfahrung ist deshalb die Situation in den Alten- und Pflegeheimen angespannter als bei den Senioren, die zu Hause wohnen.     

Im häuslichen Umfeld scheint die Nachbarschaftshilfe noch oder wieder zu funktionieren. Ist das auch Ihr Eindruck?

Mit meiner Frau wohne ich in Löbau-Nord in einem Neubaugebiet. In meinem Aufgang leben zehn Familien und nicht wenige sind Rentner wie wir. Da wird schon gegenseitig gefragt, ob Einkäufe zu erledigen sind oder andere Hilfe gebraucht wird. Zudem ist es gegenwärtig besser, wenn nicht jeder in den Supermarkt geht. Auch um der eigenen Gesundheit wegen. Hinzu kommt, dass einige Läden und Märkte einen Einkaufservice anbieten, so dass man seine Artikel nur noch abholen muss oder gar ins Haus geliefert bekommt. Das wird von den Senioren gern angenommen, ebenso die Hilfe in der Familie oder von Nachbarn.

Erschwerend, auch für Ihre Arbeit, kommt dazu, dass die Klubs und Treffpunkte für Senioren jetzt ebenfalls geschlossen sind. Damit fällt auch eine kulturelle Betreuung der Rentner weg. 

Diese Begegnungsstätten sind für uns ein fester Anlaufpunkt in der Seniorenarbeit. Aber dort findet jetzt nichts statt. Umso mehr begrüße ich solche spontanen Aktionen wie kleine Konzerte vor Altenheimen. So merken die Senioren, dass sie von der Außenwelt nicht vergessen sind. Uns als Mitglieder im Kreisseniorenrat bleibt jetzt nur, die Beine still zu halten, aber nicht den Kopf. Denn die Probleme, vor allem in den Heimen,  bleiben und verschärfen sich durch Corona noch.

Sie sprechen dabei das medizinische und das Pflegepersonal an?

Unser Eindruck ist, dass die Senioren im Landkreis in den Alten- und Pflegeheimen, aber auch in den Krankenhäusern, hervorragend vom Personal betreut werden. Die Angestellten tun ihr Bestes, obwohl sie sich selbst in Ansteckungsgefahr begeben, in der Unterzahl sind und besondere Schutzmaßnahmen zu befolgen haben. Für die alten Menschen in den Heimen ist der oder die Pfleger/in derzeit die einzige Kontaktperson.  Somit kommt zu ihrer fachlichen Verantwortung jetzt auch eine stärkere soziale Verantwortung. Das verdient unseren Respekt und einen großen Dank an alle Mitarbeiter.  

Dieser Zustand wird wohl noch eine Zeit lang anhalten. Gehen Sie mit den von Bund und Land getroffenen Anordnungen zur Eindämmung des Coronavirus mit? 

Die von der Bundes- und Staatsregierung veranlassten Maßnahmen trage ich voll mit. Wollen wir Corona überwinden, müssen wir alle auf Abstand gehen und uns einschränken, um weitere Infektionsketten zu vermeiden. Das habe ich auch in einem Brief an Ministerpräsidenten Michael Kretschmer vor einer Woche zum Ausdruck gebracht. Es ist und bleibt wünschenswert, ja notwendig, dass sich unsere Bürger in überwiegender Mehrheit an Gebote halten, die in solchen Zeiten weder Beschränkungen, noch Maßregelungen darstellen, sondern die eigentlich von jedem Normaldenkenden als gesunder Menschenverstand zu empfinden sind. 

Corona bringt sicherlich die Arbeit des Kreisseniorenrates durcheinander. Mit was beschäftigen Sie sich als Gremium gegenwärtig? 

Wir steckten mittendrin, eine Konferenz auf Kreisebene zum Thema Altenpflege vorzubereiten. Zusammen mit Landes- und Kommunalpolitikern, Pflegeeinrichtungen und Verbänden wollten wir die Konferenz am 30. März durchführen. Aber Corona kam uns dazwischen. Ausfallen lassen wir diese für uns wichtige Konferenz aber nicht.  

Was ist der Anlass zu dieser Konferenz?

Als Kreisseniorenrat stellen wir fest, dass sich kaum noch ein Rentner einen Platz in einer Pflegeeinrichtung leisten kann, ohne Zuzahlungen in Anspruch zu nehmen - und sei es von der eigenen Familie. Die Ost-Renten reichen bei weitem nicht aus, um einen Pflegeplatz bezahlen zu können. Deshalb wollen wir uns mit den Beteiligten an einen Tisch setzen und darüber beraten, wie die Pflege im Alter sozial verträglich und finanziell erschwinglich werden kann.   

Sie sind seit vier Monaten der neue Vorsitzende. Welche Ziele verfolgen Sie persönlich in dem Gremium?  

Wir sehen uns als ein Ansprechpartner für die Senioren, für ihre Probleme wie Rente, soziale Lagen, Gesundheit, würdevolles Altern, ÖPNV, Ärzte und, und, und. Dass so ein Gremium notwendig ist, unterstreicht ein Kreistagsbeschluss des neuen Landkreises Görlitz von 2008 mit der Gründung eines Kreisseniorenrates. Aber auch, dass jeder der Altkreise NOL und Löbau/Zittau sowie der Stadt Görlitz eine regionale Seniorenvertretung bekommen hat. Traf sich der Seniorenrat bisher nur einmal im Jahr, möchte ich, dass wir uns quartalsweise zusammenfinden und beraten. 

Auch wenn das jetzt nicht möglich ist, werden wir in den Senioreneinrichtungen präsent sein und uns nach der Betreuung erkundigen, aber auch um die Sorgen und Nöte des Personals kümmern. Außerdem möchte ich, dass wir mehr von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Zum Beispiel durch mehr Präsenz in den lokalen Medien. Im nächsten - im Mai erscheinenden Landkreisjournal - werden wir uns als Ansprechpartner den Bürgern vorstellen und fortan mit aktuellen Aktivitäten. Ebenso auf der neuen Homepage des Landkreises.

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