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„Wir helfen der Natur auf die Sprünge“

Hans-Jürgen Held erfüllt Kinderwünsche. Ein Segen sind künstliche Befruchtungen aber nicht für jeden. Die Kritik der Autorin Sybille Lewitscharoff hat den Mediziner und seine Patienten aufgewühlt. Foto: Steffen Füssel

© steffen füssel, steffen fuessel

Die Bilder, die Sybille Lewitscharoff Anfang März in ihrer Dresdner Rede von der Fortpflanzungsmedizin gezeichnet hat, waren drastisch. Auf der einen Seite sah die Schriftstellerin Patienten, die „zweifelhafte Geschöpfe“ zeugen. Auf der anderen Ärzte, die in Horror-Kabinetten arbeiten. Hans-Jürgen Held hat dazu naturgemäß eine andere Meinung. Der 66-Jährige ist aus der Branche, die Lewitscharoff heftig attackiert. In seinem Dresdner Kinderwunschzentrum haben sich allein voriges Jahr 2 300 neue Patienten angemeldet, um Hilfe bei der Familiengründung zu bekommen.

Herr Held, für Sybille Lewitscharoff sind Sie „Doktor Frankenstein“. Was halten Sie von diesem Vergleich?

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Der ist völlig überzogen. Was wir machen, ist der Natur auf die Sprünge zu helfen. In bestimmte Bereiche können wir gar nicht eingreifen und wollen es auch nicht. Frau Lewitscharoff hat in ihrer Rede Grenzen überschritten. Ich fühle mich als Mediziner nicht persönlich angegriffen, weil ich eine vernünftige Einstellung zu meiner Arbeit habe. Aber mir tun unsere Patienten leid, die häufig einen langen Leidensweg hinter sich haben und glücklich sind, wenn sie schwanger werden. Für sie sind solche Aussagen ein Angriff.

Wie haben Ihre Patienten reagiert, die ja nach der Ansicht von Frau Lewitscharoff in Ihrer Praxis „auf abartigen Wegen Halbwesen“ zeugen?

Wir sind von einigen darauf angesprochen worden. Es gab auch ein paar, die wissen wollten, ob es die Möglichkeit gibt, dass sich Eltern für eine Sammelklage gegen Frau Lewitscharoff zusammenschließen. Der Verband der reproduktionsmedizinischen Zentren hat schließlich eine Stellungnahme herausgegeben, in der es heißt, dass man nicht weiter auf ihre Äußerungen eingeht, weil sich Frau Lewitscharoff damit schon selbst diskreditiert habe.

Wie stehen Sie zu dem Unbehagen, das sie gegenüber der Reproduktionsmedizin hat – unabhängig von den Beschimpfungen, die sie äußert?

Sie gibt ja zu, dass Sie nie einen Kinderwunsch hatte und nie schwanger war. Das Problem ist, dass sie sich also nicht richtig mit diesem Thema auseinandergesetzt hat. Bei ihr kommen viele klerikale Gedanken durch. Und sie hat offensichtlich in ihrer eigenen Familie Frustrationen erfahren. Mit dem Paragrafen 218 hat sie scheinbar kein Problem, äußert also Verständnis für Schwangerschaftsabbrüche. Aber wenn eine Frau einen Kinderwunsch hat und alles dafür tut, um ihn zu ermöglichen, dann versteht Frau Lewitscharoff das überhaupt nicht. Das ist für mich ein Widerspruch.

Fühlen sich Ihre Patienten mit dem Weg, den sie einschlagen, immer wohl?

Jedes Paar beschäftigt sich lange damit. Es ist ja nicht so, dass die Patienten hierherkommen und sofort eine künstliche Befruchtung vornehmen lassen. Bei manchen Frauen reicht es schon, den Eisprung-Termin einzugrenzen. Oder wenn die Frauen keinen Eisprung haben, ihn mit Medikamenten hervorzurufen. In einigen Fällen kommt es zu einer künstlichen Befruchtung. Das ist der Fall, wenn der Mann sehr wenige Spermien hat, oder wenn bei der Frau Eileiter verschlossen sind. Wenn die Patienten über die medizinischen Methoden aufgeklärt werden, können sie meist gut damit umgehen. Klar, auf diesem Weg gibt es Gesprächsbedarf und wir als Ärzte müssen versuchen, diesen zu erfüllen. Wir müssen uns Zeit nehmen, auch wenn sie nicht einkalkuliert ist. Ich will nicht jammern, aber es wäre gut, wenn man sagen könnte: Ich habe jetzt eine Stunde mit Ihnen geredet und das verschwindet nicht im Regel-Leistungs-Volumen. So arbeitet man oft am Limit. Es wäre schön, wenn die Krankenkassen die sprechende Medizin mehr in den Vordergrund rücken würden.

Die Reproduktionsmedizin hat ungeahnte Möglichkeiten geschaffen. Ist die öffentliche Diskussion über die Ethik dabei zu kurz gekommen?

Die Debatte ist immer dann lauter geworden, wenn bestimmte Themen behandelt werden, so wie gerade das Urteil über die Präimplantationsdiagnostik. Unsere Gesellschaft ist heute so komplex. Schnell kommen wieder andere Debatten über die Politik oder das Klima, da gerät die Medizin wieder in den Hintergrund. Das ist schade, denn es ist ein Thema des Lebens. Und man muss davon ausgehen, dass heutzutage jede sechste oder siebente Partnerschaft ungewollt kinderlos ist, man die Reproduktionsmedizin also endlich entmystifizieren müsste. Die Verschmelzung der DNS-Ketten von Eizelle und Spermium, das ist ein völlig natürlicher Vorgang – egal, wie man die Zellkerne aneinanderbringt.

Welche Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf, wenn Sie genau das tun?

Konkret ist das in erster Linie Aufgabe der Biologen. Mich beeindruckt am meisten, wenn man ein paar Wochen, nachdem man einen Embryonen-Transfer bei einer Frau unternommen hat, auf dem Ultraschall einen richtigen kleinen Menschen entdeckt, mit Armen, Beinen und allem, was dazugehört. Das berührt mich immer wieder. Man freut sich für seine Patienten. Aber es gibt ja auch Patienten, die einen großen Aufwand auf sich nehmen, persönlich, aber auch finanziell. Wenn es dann trotz guter Voraussetzungen nicht klappt, das lässt mich nicht kalt.

Belastet Sie diese Verantwortung?

Die Verantwortung spüre ich am meisten, wenn ich zum Beispiel eine Patientin habe, die vielleicht schlechtere Voraussetzungen hat. Man führt eine Behandlung durch, schreibt Rezepte für Medikamente auf, die sehr teuer sind. Wir sagen natürlich, dass die Chancen nicht sehr groß sind, aber der Kinderwunsch ist eben da und ich weiß, dass sie in die Apotheke geht und die teuren Rezepte einlöst. An dieser Stelle merke ich, wie ich manchmal stellvertretend für das System ein schlechtes Gewissen habe.

Wie sehr profitiert die Pharmaindustrie von der Reproduktionsmedizin?

Die Pharmaindustrie hat sicherlich hohe Gewinne, sie hat die Medikamente ja auch sehr aufwendig entwickelt. Aber wenn ich zum Beispiel sehe, dass die gleichen Medikamente in Deutschland viel teurer als in den USA sind, dann frage ich mich, wieso.

Drei künstliche Befruchtungen werden in Deutschland von den Krankenkassen mitfinanziert, das Land Sachsen unterstützt sogar eine vierte. Danach müssen die Paare die Kosten übernehmen. Raten Sie vielen, es weiter zu versuchen?

Das hängt von den Befunden ab. Ich würde einer Patientin nur zuraten, wenn sie gute Ergebnisse hat. Es ist eher selten der Fall, weil relativ wenige Patienten überhaupt so weit kommen. Viele entschließen sich selbst, mit den Behandlungen aufzuhören.

Die künstliche Fortpflanzung kostet Geld – von Hormonspritzen bis zu Depots von Sperma und Eizellen, die für spätere Befruchtungen eingelagert werden, gegen eine hohe Miete. Birgt das nicht automatisch Konfliktpotenzial?

Auf jeden Fall. Ich habe als Mediziner verschiedene Zeiten erlebt, auch die vor der Gesundheitsreform, als die Kosten für künstliche Befruchtungen noch komplett von den Kassen übernommen wurden. Ein Konflikt ist, dass die Behandlung heute viele Patienten finanziell belastet und kein Ansatz geschaffen wird, die Kosten einkommensabhängig zu staffeln. Ein zweiter Konflikt ist, dass man Patienten, die unverheiratet sind, die Kostenübernahme versagt. Und drittens gibt es eine soziale Komponente: Der Kinderwunsch entwickelt sich immer später. Das Durchschnittsalter der Paare, die eine Kinderwunschbehandlung machen, liegt mittlerweile bei 35. Die Reproduktionsmedizin wird aber immer schwieriger, je älter die Patienten sind.

Schließt die Reproduktionsmedizin am Ende eine Lücke, für die die Politik verantwortlich wäre, indem sie etwa familienfreundlichere Strukturen schafft?

Finanzielle Anreize wie das Elterngeld sind nicht ausschlaggebend, dass man sich ein Kind anschafft. Vielleicht sollte man sich auf die psychologische Seite konzentrieren, also den Willen zum Kind zu stärken.

Wann beginnt für Sie Leben?

Juristisch betrachtet beginnt es mit der Kernverschmelzung. Für mich ist es schön, wenn sich die befruchtete Zelle in der Gebärmutter eingenistet hat und das Schwangerschaftshormon gebildet wird. Wir respektieren den Embryo. Aber ein Mensch kann sich nicht in einer Zellkultur entwickeln, der Embryo muss spätestens am fünften Tag in die Gebärmutter übertragen werden. Für mich als Frauenarzt zählt ein positiver Schwangerschaftstest.

Interview: Doreen Reinhard.