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„Wir können es noch immer nicht fassen“

Der 38-jährige Roberto Harz stirbt im November bei einem Autounfall. Warum die Familie nicht zur Ruhe kommt.

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Von Jens Ostrowski

Es ist seit dem Unfall noch kein Tag vergangen, an dem seine Mutter keine Blumen oder Kerzen zu dem kleinen Holzkreuz brachte. Tausende Autofahrer kommen täglich daran vorbei, wenn sie die Kreuzung Am Lutherplatz in Riesa passieren. Tagsüber können sie die Rosen und Nelken sehen, die Robertos Mutter, seine Freunde und Bekannten dort abgelegt haben. Und nachts erinnert der gedämpfte Schein der Trauerkerzen an das, was hier am 3. November geschehen ist.

Roberto Harz steht in der Blüte seines Lebens, als er gegen etwa halb zwei Uhr nachts für immer das Mehrfamilienhaus an der Pausitzer Straße verlässt. Er kümmert sich regelmäßig und vor allem liebevoll um seine beiden elf und sieben Jahre alten Kinder, die nach der Trennung bei ihrer Mutter leben. Viele in der Stadt kennen Roberto Harz, den erfolgreichen Manager der Riesaer McDonald's-Filiale.

Ein lauter Knall

Kurz, nachdem in dieser Nacht die Tür ins Schloss fällt, sieht ihn sein Neffe Rico Burgdorff, der wie fast die gesamte Familie mit im Haus wohnt, davon fahren. Bis heute kann die Familie nur erahnen, wo Roberto zu dieser Zeit noch hin will. „Wir denken, dass er noch mal zur Arbeit wollte. Es war für ihn nicht ungewöhnlich, an Wochenenden zu später Stunde dort nach dem Rechten zu schauen. Er hat seinen Job geliebt und gelebt“, weiß seine Schwester Katrin Burgdorff.

Es dauert keine Minute, da hört Rico den lauten Knall. Aus dem Badezimmerfenster kann er die Kreuzung Am Lutherplatz einsehen, die Tragödie aber nicht erkennen. Denn Robertos Passat steht 35 Meter weiter Richtung August-Bebel-Straße, ist durch die Wucht des Aufpralls gegen eine Laterne geschleudert worden. Von rechts hat ihn ein 21-jähriger Audi-A5-Fahrer erwischt. Das alles weiß Rico Burgdorff zu diesem Zeitpunkt nicht. Doch er ahnt, dass etwas nicht stimmt, greift zum Handy und wählt Robertos Nummer. Es tutet, aber niemand nimmt ab. Roberto kann nicht abheben, er sitzt mit schwersten Kopfverletzungen im Fahrersitz seines völlig demolierten Wagens.

Kein Kondolenzschreiben

Als Rico Burgdorff die Feuerwehr ausrücken und Krankenwagen zur Kreuzung eilen sieht, macht er sich selbst zum Lutherplatz auf. Rettungskräfte, die ihn kennen, kommen ihm entgegen, erzählen von dem Unfall, sagen, es sehe nicht gut aus. Er weckt Robertos Eltern, seine Schwester – die Familie eilt ins Elblandklinikum. Noch ahnt keiner, wie schlimm es um ihn wirklich steht. Doch noch, bevor er den OP erreicht, stirbt Roberto. „Es war für mich wie ein Schlag. Ich kann es noch immer nicht fassen, dass er nicht mehr da ist“, sagt seine Schwester Katrin auch noch nach über vier Monaten danach. Und was bis heute an ihren Nerven zehrt: „Unsere gesamte Familie kann nicht abschließen, solange die Umstände um den Unfall nicht aufgeklärt sind.“

Denn für sie steht fest: „Wir gehen davon aus, dass der 21-jährige Unfallgegner viel zu schnell unterwegs war“, sagt Katrin Burgdorff. Zwar ist es eindeutig, dass Roberto Harz in der fraglichen Nacht bei ausgeschalteter Ampel keine Vorfahrt hatte, als er die Kreuzung Richtung Erdgasarena überqueren wollte, doch das spielt nur noch eine untergeordnete Rolle, wenn sich der Verdacht bestätigt, dass der Audi A 5 mit hohem Tempo die Straße befuhr. Schon in der Unfallnacht hatte sich ein herbeigeeilter Sachverständiger in einer ersten Einschätzung zu der Aussage hinreißen lassen, dass der Audi mindestens doppelt so schnell unterwegs gewesen sein muss als erlaubt. Heißt: 100 statt 50 Stundenkilometer. Und auch nach Informationen der Sächsischen Zeitung schreibt das seit Januar fertiggestellte Gutachten dem Audifahrer eine Geschwindigkeit zwischen 97 und 110 Stundenkilometern zu. Öffentlich zugänglich ist das Gutachten bislang noch nicht. Das Verfahren läuft noch. Ob es zur Anklage gegen den Unfallfahrer kommen wird, kommt auch auf die weiteren Inhalte des Gutachtens an und muss die Staatsanwaltschaft erst noch klären. Das alles dauert der Familie zu lange. „Wir müssen endlich zur Ruhe kommen können. Das geht aber nur, wenn das Verfahren abgeschlossen ist“, sagt Katrin Burgdorf.

Sollte es zur Anklage kommen, müsste sich der 21-Jährige wohl wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Entscheidend für eine Verurteilung ist hierbei, ob das Unfallereignis und seine tragische Folge bei pflichtgemäßem Fahrverhalten des Beschuldigten nicht eingetreten wären. „Wir wollen nicht vorschnell urteilen. Aber wenn er wirklich doppelt so schnell unterwegs war, muss er dafür auch die Konsequenzen tragen“, findet Rico Burgdorff.

Enttäuscht sei seine Familie auch über die Art und Weise, wie der junge Mann mit dem Unfall umgehe. Dass der 21-Jährige seit Januar schon wieder hinter dem Steuer eines anderen Audi A5 sitze, zeuge nicht gerade von einem vorausschauenden Umgang mit der Situation, sagen sie. „Zumal er ja in der Angelegenheit damit rechnen muss, verurteilt zu werden und ein Fahrverbot zu bekommen“, sagt Katrin Burgdorff. Und: „Ob schuldig oder nicht – wir hätten uns in unserer Situation jedenfalls eine Beileidskarte gewünscht. Das ist doch das Mindeste, das man in solch einer Situation tun kann.“

Jetzt bittet die Familie die Behörden, die Umstände des tödlichen Unfalls möglichst schnell juristisch aufzuklären. „Erst dann können auch wir versuchen, damit abzuschließen“, sagt Katrin Burgdorff und legt Blumen vor dem Holzkreuz nieder. Doch vergessen wird sie ihren Bruder nie.