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Wir können etwas tun

Tausende junger Afrikaner kommen auf der Flucht nach Europa ums Leben. Das muss nicht sein. Auch Deutschland kann helfen.

© Reuters

Von Rupert Neudeck

Anfang April gab es einen EU-Afrika-Gipfel in Brüssel, auf dem zwischen den Spitzen Europas und Afrikas vieles beredet wurde, nur nicht die wichtigste Frage: Was können die Staaten Afrikas tun, um ihrer wachsenden jungen Millionenbevölkerung Ausbildung und eine wirtschaftliche Perspektive zu geben? Was tun Afrikas Regierungen, um jungen Afrikanern eine Ausbildungsperspektive zu geben, statt sie auf die Boote nach Europa zu zwingen?

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Der Journalist und Gründer der Hilfsorganisationen Cap Anamur und Grünhelme, Rupert Neudeck.
Der Journalist und Gründer der Hilfsorganisationen Cap Anamur und Grünhelme, Rupert Neudeck. © dpa

In den Staaten Nordafrikas werden sie drangsaliert, ausgenommen, vergewaltigt, bis aufs Hemd erniedrigt, bis sie irgendeine Schlepperbande gefunden haben. Die Schlepperwirtschaft ist in allen Küstenstaaten Afrikas ein boomender Geschäftszweig, manchmal mit Beteiligung der Regierungen. Da die Regierungen sich nicht darum kümmern, müssen die Völker etwas tun. Mit Hilfe von Kirchen und Wirtschaft.

Die deutsche Wirtschaft hat eine ganz andere Einstellung zu der Frage der Aufnahme junger lernwilliger Menschen aus Afrika wie die Politik. Die Wirtschaft hat ausgerechnet, dass ihr 2040 sechs Millionen ausgebildete Arbeitskräfte fehlen werden. Das kann nur geschultert werden durch viele Ausbildungsinitiativen in Ländern Afrikas wie auch bei uns.

Wir gehen von 18 Millionen jungen Afrikanern aus, die innerhalb Afrikas auf dem Wege sind. Bis vier Millionen gehen nach Südafrika – das einzige Land, das mit seiner Wirtschaftskraft am globalisierten Welthandel beteiligt ist. Aber 14 Millionen gehen in Richtung Norden, auf der sehnsuchtsvollen Reise nach einem Leben mit Berufsausbildung. Die Bewegung ist fast nur eine von jüngeren Menschen. Die werden losgeschickt als Garantie für einen Kredit ihres Dorfes oder ihres Großclans.

Es sind aber auch verfolgte und bedrohte Menschen, die sich von den Gestaden des Mittelmeeres und der Westküste Afrikas auf den Weg machen nach Europa. Das sind Menschen, die es schaffen, aus der Hölle des syrischen Bürgerkriegs herauszukommen. Die dann lange in Kairo, Beirut, Istanbul, Amman herumhängen, bis sie einen Schlepper erreichen. Jüngst hat jemand die Flucht zu uns in einem Kühlwagen geschafft mit 19 anderen, er hat dafür 9.000 Dollar hinblättern müssen. Das Überleben und Nicht-Erfrieren verdanken die 20 Geflüchteten der Tatsache, dass der LKW-Kühlwagenfahrer die Temperatur auf eine schwächere Stufe gesetzt hatte.

Es gab bisher drei Routen, auf denen sich diese Migranten in Afrika bewegten. Eine westafrikanische Route, die an der Küste oft bis zu den Kanarischen Inseln und den beiden Enklaven Ceuta und Melilla reicht. Und es gibt eine ostafrikanische Route, die sich den Nil hochzieht und den Sinai, Israel und die Türkei zu erreichen versucht, um von der Türkei einen Transit nach Europa zu bekommen. Die dritte Route steht aktuell nicht mehr so zur Verfügung, seit Schwarzafrikaner in Libyen als Kollaborateure von Ex-Diktator Muammar Gaddafi gelten.

In der mauretanischen Hafenstadt Nouadhibou befinden sich neben einer normalen Einwohnerschaft von etwa 70.000 Menschen noch weitere 60.000 Migranten. Alles junge Leute aus 17 afrikanischen Staaten: das sind mehr als die Hälfte der Subsahara Staaten, aus denen sie sich aufmachen, um unseren Kontinent zu erreichen.

Diese jungen Menschen nennen unseren Kontinent „Schengen“, nicht Europa. Sie haben gute Informationen darüber, dass sie, wenn sie eine Pirogge nehmen können zu den Kanarischen Inseln, dass sie dann ihren Fuß in Schengen-Europa haben. Voraussetzung dafür: Sie haben vorher ihren Pass ins Meer geworfen.

Menschen ertrinken auf Meeren und Ozeanen. Heute im Atlantik, im Roten Meer, im Indischen Ozean, im Mittelmeer. Aber sie sterben und verdursten auch auf den unendlichen Wegen in der brütenden Hitze der Transsahara Wüsten, um einen Hafen zu erreichen.

Es gibt Möglichkeiten zur Hilfe. In Deutschland könnte ein erstes Berufsausbildungszentrum eröffnet werden mit 300 Plätzen. Eine Landesregierung würde diese 300 aus Ghana in einem abgesprochenen Verfahren aufnehmen, sie würden vorher in Ghana mithilfe einer deutschen Organisation Deutsch lernen. Wenn das alles gut als Pilotprojekt klappt, kann man auch daran denken, jeweils 80 junge Afrikaner aus Lampedusa, je 50 aus Malta, Melilla, Sizilien und 150 aus Griechenland hierher zu bringen, damit wir sie hier ausbilden. Diese 300 würden ihre Ausbildung durch Arbeit bezahlen. Die Hälfte des Lohns bleibt auf einem Konto, das ausbezahlt wird, wenn sie wieder in ihrem Land zurück sind und dort einen Laden oder ein Gewerbe aufmachen. Gleichzeitig muss man in Ländern Afrikas die Gelder der Entwicklungshilfe nur noch auf Ausbildung und besonders Berufsausbildung konzentrieren.

Ich kenne die Lage in vielen Ländern Afrikas: Die jungen Menschen sind keine Wirtschaftsflüchtlinge, sie wollen nur das Recht beanspruchen, für sich eine bessere Perspektive, eine Ausbildung und einen Arbeitsplatz herauszuschinden. In Lampedusa war ich 2010, in Malta im November 2013, um mir die Lager der angelandeten 2008 Migranten und Flüchtlinge anzusehen. Überall gieren diese jungen Menschen nach einer Berufsausbildung, aber sie bekommen sie in der Regel nicht.

Die Berufsausbildung von einigen jungen Afrikanern könnte für den deutschen Arbeitsmarkt von großem Interesse sein. Deshalb ist eine Zusammenarbeit mit der deutschen Wirtschaft und den Industrie- und Handelskammern notwendig. Das Projekt muss durchschaubar sein als eine Win-Win Situation für uns Deutsche, aber auch für das betreffende afrikanische Land.

Die hier auszubildenden Afrikaner müssen unbedingt betreut werden: Sie könnten Paten bekommen in Gestalt von Pfadfindern, Gewerkschaftsjugend, CVJM-Gruppen, von einzelnen lokalen Gemeinden, die sich um eine Gruppe oder auch einen Einzelnen kümmern, ihn mal in eine Familie holen, am Wochenende Ausflüge oder Sportveranstaltungen organisieren. Es müsste geradezu ein Wettbewerb darin bestehen, diesen jungen Afrikanern das Leben so einfühlsam wie möglich zu machen. Bei jungen Christen wäre auch der gemeinsame Kirchenbesuch, bei Muslimen die Anbindung an eine Moschee wichtig.

Wir sind in guten Gesprächen mit dem Handwerker Verband Kolping und dem Deutschen Bauernverband, die beide an solcher Ausbildung junger Afrikaner interessiert sind, die vorher darauf vorbereitet und ausgewählt werden. Das Kolping Bildungswerk verfügt über genügend Plätze, um diese 300 jungen Afrikaner für diese Ausbildung aufzunehmen.

Die Sprache sollte Deutsch werden. Die Sprache sollte schon in Ghana (oder einem anderen Land in Afrika) gelernt werden, einmal durch Deutsch-Kurse einer Nicht-Regierungs-Organisation, die die Auswahl der Kandidaten vor Ort mitsamt der Sprachkurse organisieren würde. Diese jungen Leute brauchen in Deutschland von allem Anfang an Begleiter, Migrations-Stewards, die sich bereiterklären, mit ihnen zu arbeiten. Allein diese Menschen abwehren, wird nicht gelingen. Sie riskieren ihr Leben, in Frachträumen von Flugzeugen, auf mickrigen Piroggen, in Kühlcontainern – wo auch immer.