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„Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter“

Barbara Lange soll die illegale Prostitution in Bautzen gefördert haben. Sie sieht das locker – schweigt aber vor Gericht.

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Von Christoph Scharf

Bei Renate (19) mit großer Oberweite wird es lustvoll. Attraktive mollige Frau (59) verwöhnt den Herren. Neu in BZ! Lydia (28) blond und Witalina (29) brünett bieten Spitzenservice. Solche Anzeigen finden sich Woche für Woche in den Gratisblättern. Sie alle werben für sexuelle Angebote in Bautzen. Der Haken daran: Prostitution in der Kreisstadt ist illegal – weil sie weniger als 50000Einwohner hat.

Genau deshalb muss sich seit gestern Barbara Lange vor dem Bautzener Amtsgericht verantworten. Der 70-Jährigen wird die Förderung der käuflichen Liebe vorgeworfen. Sie soll in einem Einfamilienhaus in Altrattwitz und in einer Wohnung in der Löhrstraße mehreren Frauen die Gelegenheit geboten haben, sexuelle Dienste auszuüben. Laut Staatsanwaltschaft besorgte die Görlitzerin die Räume, schaltete einschlägige Inserate und händigte den Damen Mobiltelefone aus, auf denen die Freier anrufen sollten: Zum Beispiel bei „Selly, 22 J., schlk.“, die Interessenten im Juni 2011 den Weg ins Wohngebiet Altrattwitz wies.

Weil dort wochenlang Dutzende Herren per Auto vorfuhren, war ein Nachbar misstrauisch geworden und hatte die Polizei alarmiert. Da sich zunächst nichts rührte, fotografierte der Nachbar zahllose Autos samt Nummernschildern und übergab die Daten der Polizei.

Die Ermittler vernahmen nach dem Stichprobenprinzip einen einzigen Freier. Der räumte ein, im Haus Sex gegen Geld gehabt zu haben. „Wie hoch die Summe war, weiß ich nicht mehr“, sagte der Kripo-Beamte gestern als Zeuge aus.

Auch sonst waren die Erinnerungen an die Ermittlungen überschaubar. An eine Kontrolle vor Ort in Altrattwitz erinnerte sich der Polizist allerdings: Da traf er Barbara Lange, die den Vorwurf der Prostitution gleich einräumte – allerdings angab, dafür eine Genehmigung der Finanzbehörden zu besitzen. „Als wir ihr sagten, dass das in Kleinstädten nicht zulässig sei, tat sie erschrocken und wollte sich beim Landratsamt kundig machen.“ Der Haken an der Aussage ist nur: Der Polizist hatte die Görlitzerin vor der Befragung nicht belehrt – so war es gestern für Rechtsanwalt Florian Berthold ein leichtes, der Verwertung dieser Aussage zu widersprechen.

Barbara Lange zog es vor, im Verfahren um die Ordnungswidrigkeit gleich ganz zu schweigen. Dabei ist sie den Umgang mit Behörden und Gerichten gewöhnt: Die 70-Jährige kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Sie hat selbst als Prostituierte gearbeitet und kam mit dem Gesetz in Konflikt. In Görlitz ist sie Vorsitzende zweier Vereine, hinter denen die Stadtverwaltung eine „bordellähnliche Tätigkeit“ vermutet. Barbara Lange weist solche Vorwürfe zurück.

Sie sieht auch nicht ein, warum sie die 400Euro Bußgeld zahlen soll, die das Landratsamt für die Vorfälle in Altrattwitz und an der Löhrstraße fordert. Im Sitzungssaal des Amtsgerichts sagt sie zum Vorwurf der Prostitution gar nichts. Auf Nachfrage der SZ lächelt sie und betont nur: „Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter.“

Ohne ihre Aussage lässt sich der Vorwurf aber nicht beweisen – zumal die Angaben der Polizei lückenhaft blieben. Nun müssen vier Damen, ein Freier und der Nachbar als Zeugen aussagen. Das Verfahren wird im Januar fortgesetzt.