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Freital

„Wir müssen auf schrumpfende Gemeinden reagieren“

Superintendentin Hiltrud Anacker über Kirchenreform, Unzufriedenheit und ihre nächsten Aufgaben.

Hiltrud Anacker (51) ist die neue Superintendentin im Kirchenbezirk Freiberg, der auch das Osterzgebirge und die Region Freital umfasst.
Hiltrud Anacker (51) ist die neue Superintendentin im Kirchenbezirk Freiberg, der auch das Osterzgebirge und die Region Freital umfasst. © privat

Der evangelisch-lutherische Kirchenbezirk Freiberg hat nach mehr als einem Jahr eine Leitung bekommen. Am Sonntag wurde Hiltrud Anacker im Freiberger Dom als neue Superintendentin eingeführt. Sie tritt die Nachfolge von Christoph Noth an, der Ende April 2018 mit 65 Jahren in den Ruhestand ging. Im Gespräch mit der Sächsischen Zeitung erklärt die 51-Jährige, welchen Aufgaben sie sich nun zuwenden will, wie sie die Lage der Gesellschaft empfindet und wie die Kirche auf den demografischen Wandel reagieren muss.

Frau Anacker, warum haben Sie sich um das Amt des Freiberger Superintendenten beworben?

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Es gab zwei Gründe, weshalb ich mich um die Stelle beworben habe. Zum einen habe ich 2017/2018 die Superintendentur in Chemnitz vertretungsweise übernommen. Ich hatte das Gefühl, dass ich so eine Stelle ausfüllen kann. Und zum anderen hat mich das Landeskirchenamt gefragt, ob ich mich auf die Freiberger Stelle bewerben würde. Und das habe ich dann auch getan.

Eigentlich sollte Karsten Loderstädt im Oktober 2018 die Stelle in Freiberg antreten. Er hatte die Wahl im Mai 2018 gewonnen, zog sich dann aber aus persönlichen Gründen überraschend zurück. Das sorgte für Irritationen. Sind diese nun Geschichte?

Ich glaube, das ist Geschichte. Ich werde jedenfalls alles tun, um mich so schnell wie möglich einzuarbeiten.

Wie gut kennen Sie den Kirchenbezirk Freiberg?

Ich bin dabei, ihn kennenzulernen. Nach den Vorschriften unserer Kirche dürfen sich nur Pfarrer oder Pfarrerinnen außerhalb des betroffenen Kirchenbezirks um die Stelle des Superintendenten bewerben. Damit wird verhindert, dass aus zwei vormals gleichberechtigten Kollegen ein Vorgesetzter und ein Angestellter werden. Zudem bringt jemand von außen neue Ideen mit, ist nicht in den gewachsenen Strukturen verankert. Der Nachteil ist: Zunächst kennt man sich in der Region nicht so gut aus. Aber das möchte ich jetzt ändern.

Ihr Vorgänger Christoph Noth meinte zum Abschied, dass sein Nachfolger beziehungsweise seine Nachfolgerin unangenehme Entscheidungen treffen müsse. Damit meinte er Entlassungen. Wie sehen Sie das?

Unsere Landeskirche hat eine Strukturreform beschlossen. Erste personelle Konsequenzen stehen für 2020 an. Die Kirchgemeinden kennen diese bereits. Wir müssen auf den demografischen Wandel und kleiner werdende Gemeinden reagieren. Deshalb werden wir bis 2040 neue Strukturen bilden. Den Rahmen hat die Landeskirche bereits vorgegeben. Demnach sollen die neuen Regionen je drei Pfarrer, 1,35 Gemeindepädagogen und 0,9 Kirchenmusiker haben. Es bleibt den Gemeinden überlassen, wie sie sich zusammenfinden. Auf dem Land sollen die neuen Regionen 2040 je 4 000 Gemeindemitglieder haben, in den Großstädten Dresden und Leipzig je 6 000 und in Chemnitz 5 000. Den Gemeinden steht es frei, festzulegen, wie sie sich neu organisieren. Es gibt vier Möglichkeiten. Sie können sich zu einer neuen Kirchgemeinde vereinen, sie können in Schwesternkirchverhältnissen weiter zusammenarbeiten, einen Kirchgemeindebund gründen oder sich als Kirchspiel organisieren. Meine Aufgabe ist es, diesen Prozess zu begleiten und zu moderieren. Ich hoffe, dass wir es schaffen, fünf Regionen im Kirchenbezirk zu bilden.

Steht schon fest, wie diese Regionen aussehen werden?

Die Kirchenbezirkssynode hat im November einen Beschluss dazu gefasst. Der Prozess läuft in den Regionen unterschiedlich.

In den letzten Jahren hat sich das politische Klima in Sachsen geändert. Es ist rauer geworden. Können Sie sich erklären, wie es dazu gekommen ist?

Unsere Gesellschaft polarisiert sich zunehmend. Das spüren wir auch. Denn als Kirche leben wir nicht im luftleeren Raum. Auch bei uns werden Diskussionen geführt. Es gibt Unzufriedenheit und Menschen, die sich abgehängt fühlen, obwohl es uns im Großen und Ganzen gut geht. Mein Eindruck ist, dass viele verlernt haben zuzuhören, sich mit der Meinung der anderen auseinanderzusetzen. Es gibt eine Angst, das Gespräch mit den anderen zu suchen.

Was kann die Kirche leisten, um zu vermitteln?

Wir müssen ein Podium zum Austausch bieten und neue Angebote machen. Vor einigen Tagen hatten wir ein Treffen mit Vertretern aller Gemeinden. Jede sollte jede ihre Stärken vorstellen. Mir hat eine Initiative ganz gut gefallen. In der Gemeinde Dorfchemnitz gibt es Hauskonzerte. Musiker spielen dort ohne Gage in einem kleinen Rahmen. Danach können sich die Besucher zu den Themen austauschen, die sie bewegen.

Wie wichtig ist Ihnen die Zusammenarbeit mit anderen christlichen Gemeinden?

Ökumene war und ist mir sehr wichtig. Schließlich glauben wir Christen alle an den einen Gott, nur in anderen Sichtweisen. Deshalb möchte ich auch in meiner neuen Funktion mit Katholiken und anderen christlichen Gemeinschaften zusammenarbeiten.

Was steht für Sie in den nächsten Monaten an?

Ich möchte möglichst viele Kirchgemeinden besuchen und kennenlernen. Ich möchte zuhören, erfahren, wie es dort weitergehen könnte und mit wem sie sich eine Zusammenarbeit vorstellen können. Ich werde es am Anfang allerdings nicht schaffen, alle Gemeinde zu besuchen, möchte das aber im Laufe der Jahre tun.

Welche Hobbys pflegen Sie?

Meine Vorfahren waren Pfarrer und Kirchenmusiker. Deshalb konnte ich mich lange nicht entscheiden, in welche Richtung ich gehen sollte. Ich wurde Pfarrerin. Singen ist mein großes Hobby geworden. Ich möchte gern im Freiberger Domchor mitsingen. Das ist fast wie eine Rückkehr zu den Wurzeln meiner Familie. Mehrere meiner Vorfahren haben hier in Freiberg gewohnt. Mein Urururgroßvater August Ferdinand Anacker war Dom- und Stadtkantor in Freiberg und hat 1823 die Singeakademie gegründet. Er hat die Kantate Bergmannsgruß komponiert, die heute noch gespielt wird.

Das Gespräch führte Maik Brückner.

Sie wollen noch besser informiert sein? Schauen Sie doch mal auf www.sächsische.de/freital und www.sächsische.de/dippoldiswalde vorbei.

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