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"Wir müssen die Fragen der Wende neue stellen"

Welche Rolle kann Kirche in einer zerrissenen Gesellschaft spielen? Ein Gespräch mit dem neuen Bautzener Superintendenten Tilmann Popp.

Superintendent Tilmann Popp vor dem Dom St. Petri in Bautzen. Die Simultankirche hat für ihn einen besonderen Reiz, denn dort wird die Ökumene – die Zusammenarbeit verschiedener Konfessionen – greifbar.
Superintendent Tilmann Popp vor dem Dom St. Petri in Bautzen. Die Simultankirche hat für ihn einen besonderen Reiz, denn dort wird die Ökumene – die Zusammenarbeit verschiedener Konfessionen – greifbar. © Steffen Unger

Bautzen/Kamenz. Pfarrer Tilmann Popp ist neuer Superintendent des Kirchenbezirks Bautzen-Kamenz. Die SZ sprach mit dem Theologen über die Zusammenarbeit zwischen den Konfessionen, die AfD-Wahlergebnisse in der Region und wie sich Kirche in den gesellschaftlichen Diskus einbringen kann.

Herr Popp, wir treffen uns vor dem Dom St. Petri. Was bedeutet dieser Ort für Sie?

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Die gotische Kirche hat eine wunderbare Ausstrahlung. Ich freue mich, dass ich in meiner neuen Tätigkeit als Superintendent im Dom St. Petri Gottesdienst halten kann. Diese Kirche ist ein Ort, wo Menschen schon über Jahrhunderte hinweg hingekommen sind und ihren Raum gefunden haben, um Gott zu begegnen. Teil dieses Raums und dieser Geschichte zu werden, finde ich eine spannende und schöne Sache. Bisher hatte ich dort meinen Einführungsgottesdienst und auch, als ich überlegt habe, ob ich mich hier bewerbe, bin ich in den Dom gegangen.

Der Dom St. Petri ist ja auch eine Kirche mit einer besonderen Geschichte der Toleranz ...

Das ist für mich auch spannend, dieser Ort als Simultankirche. Ich habe in meiner vorherigen Tätigkeit als Studentenpfarrer in Dresden immer eng mit der katholischen Studentengemeinde zusammengearbeitet. Ökumene ist mir wichtig. Deswegen hat mich bei meiner Bewerbung der Gedanke fasziniert, dass in Bautzen Ökumene mit dem Dom verbunden ist. Hier wird sie greifbar und man kann ihr nicht entgehen. Das möchte ich mit Leben füllen.

Warum ist Ökumene – die Zusammenarbeit der verschiedenen Konfessionen – für Sie so wichtig?

Ich wuchs in Bayern eher in einem katholisch geprägten Umfeld auf, habe in Wien studiert und dort viele katholische Gottesdienste besucht. Ich fand die Impulse immer bereichernd und habe die katholische Kirche ein stückweit als Heimat wahrgenommen. Die gegenseitigen Schätze, die Botschaft, die wir als Kirche haben, das ist eine Sache, die wir nur gemeinsam wahrnehmen und nach außen tragen können. Wir haben bei vielem einen ähnlichen Auftrag. Es wäre schade, nicht zusammenzustehen, bei den Unterschieden, die da sind.

Jetzt schauen wir auf den Petri-Dom. Mit dem Blick auf welche Kirche sind Sie großgeworden?

Da gibt es nicht die Eine. Ich bin sehr oft umgezogen, mein Vater hat bei der Post gearbeitet. Dabei wurde ich fast in Seeligstadt geboren, in meinem heutigen Kirchenbezirk. Dort kam meine Mutter her. Mein Vater stammt aus Bamberg, wo wir kurz vor meiner Geburt 1966 hinzogen. Dann ging es weiter nach Stuttgart, wieder zurück nach Bamberg. So ganz klar vorgezeichnet, war es bei mir ja auch nicht, dass ich mal Theologe werde. Es gab ganz viele Impulse, bis ich gesagt habe: Pfarramt und Theologie – ist mein Weg.

Was waren solche Impulse?

Ich habe Fernmeldehandwerker gelernt, wollte dann Nachrichtentechnik studieren. Mein Beruf hat mir sehr viel Spaß gemacht. Durch den Zivildienst öffneten sich allerdings andere Horizonte. Da habe ich mit geistig behinderten Kindern gearbeitet und dabei gemerkt: Es macht Spaß, mit Menschen zu arbeiten. Darauf hatte ich Lust. Dann kam der Gedanke dazu, dies mit meinem Glauben zu verbinden Alles hat sich so ergeben – oder gefügt, wenn man es theologisch deutet.

Wie hat es sich aber gefügt, dass Sie als Studentenpfarrer in Dresden auf den Kirchenbezirk Bautzen-Kamenz aufmerksam geworden sind?

Meine Stelle in Dresden war befristet. So habe ich mich umgeschaut. Das Interessante an der Stelle eines Superintendenten ist für mich die Nähe zur Gemeinde mit Gottes- und Pfarrerdiensten verknüpft mit einem Leitungsamt. Ich finde es spannend, bei Menschen Gaben und Potenziale zu entdecken. Als ich hörte, die Stelle in Bautzen-Kamenz wird frei, bin ich in die Stadt gefahren – und habe mich in den Petri-Dom gesetzt, auch um zu schauen, ob ich es mir vorstellen kann, hier Gottesdienste zu halten. Beim Gang durch die Stadt gefiel mir die Atmosphäre. Das Arbeitsumfeld ist ja das eine, das andere ist: Es muss ja auch eine Heimat werden. Und hier hatte ich das Gefühl, ich begegne Menschen, mit denen ich leben und arbeiten kann.

Wie erleben Sie die Region, die Ihnen nun zumindest für eine bestimmte Zeit eine neue Heimat wird?

Ich erlebe die Region durchweg positiv, wir sind freundlich aufgenommen worden. Das tut gut. Ich weiß aber um die Spannungen und die Schwierigkeiten im politischen Bereich und auch um Vorfälle, die sich hier ereignet haben. Auch das wird für mich in meiner neuen Heimat eine Rolle spielen. Damit rechne ich.

Aber?

Es war eine bewusste Entscheidung, nach Bautzen zu gehen, ich finde Herausforderungen etwas Spannendes. Schwierigkeiten, die es hier gibt, auch im Umfeld der Kirche, eröffnen doch auch Gestaltungsspielräume. Die will ich nutzen.

Sie sprachen von den Spannungen. Am Wochenende hat in manchen Orten des Kirchenbezirks fast jeder Zweite die AfD gewählt. Dieses Wahlergebnis ist auch ein Thema für Kirchen ...

...und es ist nicht nur ein Thema für Kirche, sondern auch in der Kirche. Natürlich gibt es innerhalb der Kirche Polarisierungen, dem müssen sich Gesellschaft und Kirche stellen. Das fängt mit der Frage an: Was bewegt die Menschen? Und da denke ich auch – ohne gleich Antworten darauf zu haben – wir müssen die Fragen der Wende noch mal neu ins Gespräch stellen. Wir müssen fragen, was beschäftigt die Menschen. In Ostdeutschland gibt es Phänomene, die mit den Umbrüchen zu tun haben. Das müssen wir ausloten. Darüber müssen wir reden.

Wie kann sich an dieser Stelle Kirche in die Diskussion einbringen?

Stärke von Kirche ist immer, miteinander im Gespräch zu sein. Ich glaube, dass es in der Kirche viele Menschen gibt, die es geübt haben, miteinander zu reden. Es war doch kein Zufall, dass sich zur Wende bestimmte Sachen in der Kirche kristallisiert haben und das Potenzial ist nach wie vor da. Außerdem kann Kirche auf den Glauben zurückgreifen, auf die Hoffnung, das Vertrauen und das Wissen, dass sich Dinge auch zum Guten wenden können.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, und noch einige andere Theologen positionieren sich inzwischen immer lauter gegen Rechts und die AfD. Welche Verantwortung trägt Kirche bei diesem Thema?

Nehmen wir ein AfD-Plakat. Natürlich könnte man sagen: Hier wird Klartext geredet. Rechtspopulisten bestechen durch einfache Wahrheiten und Lösungen. Aber ist die Wirklichkeit so? Ich glaube, heute ist vieles sehr komplex und es ist schwierig, einfach eine Wahrheit zu finden. Für mich hat Kirche ihre Stärke im Gespräch. Hier darf um Wahrheit gerungen werden. Gleichwohl bedarf es schon, Dinge anzusprechen. Vielleicht waren wir als Kirche manchmal zu zögerlich. Auch beim Thema Rechtspopulismus.

Aber viele wünschen sich von der Kirche mehr Standpunkt …

Ich kann diesen Wunsch verstehen. Aber gleichzeitig gilt: Eine Medaille hat immer zwei Seiten. Die Stärke, dialogisch zu agieren, birgt in sich die Gefahr, Konflikte zu scheuen. Wenn wir uns an der Bibel orientieren, müssten wir sicherlich öfters klarer sein. Was Nächstenliebe bedeutet oder wie wir mit Fremden umgehen sollen, wird dort klar benannt. Es genügt eigentlich, diese Stellen einfach zu verlesen.

Ein weiteres Thema ist die schwindende Mitgliederzahl in den Kirchen. Wie kann Kirche wieder attraktiver werden?

Für mich ist das Entscheidende, Menschen zu beteiligen. Kirche muss zudem viel mehr nach draußen gehen. Wir laufen Gefahr, uns in unseren Binnenstrukturen und -denken zu verlieren. Eine Begegnung nach außen ist immer eine Bereicherung. Gott sei Dank finden solche Begegnungen ja vielfältig statt, zum Beispiel beim Religionsunterricht oder wenn es um den Erhalt einer Dorfkirche geht.

Warum ist Kirche so sehr mit sich selbst beschäftigt?

Das ist ja nicht nur typisch für Kirche, auch in einem Sportverein ist man sich schnell selbst genug. Wenn dort zehn Leute dazukommen, die etwas anderes denken, bringt es eine Gruppe durcheinander. Da ist es bequemer unter sich zu bleiben. Aber das kommt für Kirche nicht infrage. Schließlich haben wir einen Auftrag. Ein Teil davon ist das diakonische Handeln.

Was sind ganz konkret Ihre nächsten Aufgaben?

Ich bin gerade dabei, Menschen und dazugehörige Orte kennenzulernen. Menschen zu entdecken, mit denen ich Kirche gestalten kann. Außerdem glaube ich, dass Kirche Antworten auf die Fragen der Zeit hat. Diese müssen wir wieder ins Spiel bringen. Dazu will ich meinen Beitrag leisten.

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