merken
PLUS

„Wir müssten hier jetzt jede Menge Kitas bauen“

Torsten Bork, Leiter der neuen Wirtschaftsregion Lausitz, über Kohle-Aus, Tesla, Tourismus und Zukunftsbranchen der Region.

Torsten K. Bork leitet die Wirtschaftsregion Lausitz mit Sitz in Cottbus. Er soll mit dafür sorgen, dass die Region das Aus der Kohleverstromung gut bewältigt.
Torsten K. Bork leitet die Wirtschaftsregion Lausitz mit Sitz in Cottbus. Er soll mit dafür sorgen, dass die Region das Aus der Kohleverstromung gut bewältigt. © Wolfgang Wittchen

Ein Herrnhuter Stern hing in der Adventszeit in der Küche der Wirtschaftsinitiative Lausitz in Cottbus. Den anzubringen, das war eine der ersten Amtshandlungen von Torsten Bork. Der gebürtige Potsdamer und bisherige Unternehmer leitet seit Anfang September die Wirtschaftsregion Lausitz GmbH. Das ist eine Kooperationsgemeinschaft der Landkreise Dahme-Spreewald, Elbe-Elster, Spree-Neiße, Oberspreewald-Lausitz, Görlitz, der Stadt Cottbus und in Kürze des Landkreises Bautzen. Sie soll helfen, den Ausstieg aus der Braunkohle in der Region mittelfristig zu bewältigen. Die SZ hat mit dem 53-Jährigen über die Lausitz, die Zukunft der Region und den Kohleausstieg gesprochen.

Anzeige
KarriereStart 2020: Zukunft selbst gestalten

Den eigenen Weg finden - Orientierung bietet die KarriereStart. Vom 24. bis 26. Januar präsentieren sich über 570 Aussteller in der Messe Dresden, so viele wie nie zuvor.

Herr Bork, Sie sind seit knapp vier Monaten in Sachen Lausitz hauptamtlich aktiv, was ist für Sie typisch Lausitz?

Wie nahe Herzberg und Leipzig sind oder dass Dresden und Berlin an die Lausitz grenzen. Oder die Erlebnisse in Forst und Zittau, einmal kurz abbiegen und schon ist man in einem anderen Land. Das ist sicher nicht die Antwort, die man erwartet, vor allem, wenn viele beim Stichwort Lausitz an den Kohleausstieg denken. Aber die Nähe zu Anderen und den europäischen Nachbarn ist auch etwas Typisches, das mich beeindruckt und die Region ausmacht. Für mich ist die Lausitz eine Europaregion, mit überraschendem Potenzial.

Kohlelausitz und Kohleausstieg, wie wollen Sie weg vom einseitigen Bild ?

Das ist eine unserer Kernaufgaben. Wir müssen uns aus der Betroffenheit lösen. Das Aus für die Kohle ist nicht der Grund, warum wir über die Entwicklung reden, sondern der Anlass, der alles beschleunigt. Es geht jetzt zum einen darum, die Ober- und Niederlausitz als Lebens- und Wirtschaftsraum neu zu denken, mit einem volkswirtschaftlichen Blick und zum anderen, jetzt konsequent konkrete Projekte in die Umsetzung zu bringen.

Was heißt „volkswirtschaftlich“?

Wir müssen von oben auf die gesamte Region schauen. Das heißt, Fragen beantworten: Wie sind die Bedingungen heute und was wird sich ändern? Was hat das für Konsequenzen? Um es mal konkret zu machen. Wir haben hier sechs Landkreise und die kreisfreie Stadt Cottbus. Das ist die Lausitz, die man aber nicht für sich allein betrachten kann. Sie grenzt an Berlin, an Dresden, Leipzig ist nicht weit, Breslau ebenso wenig. Da gibt es Verflechtungen. Schaut man auf die Kohle, gibt es im Moment eine Schwerpunktregion, ein Zentrum, in dem Wertschöpfung passiert. Da wird sich nach dem Ende der Kohleverstromung möglicherweise einiges verschieben. Neben den Einzugsregionen zu Berlin und Dresden werden wir weitere Zentren, neue Entwicklungsräume haben – wie Cottbus, Hoyerswerda, Bautzen. Und neue Verbindungslinien. Daraus ergeben sich dann praktische Schritte. Es gab beispielsweise einmal eine Bahnlinie Hoyerswerda – Bautzen, die abgebaut wurde. Die müssen wir schnell neu errichten.

Sie sprechen von Bautzen, Cottbus, Hoyerswerda als neuen Zentren, weil es dort Industrie jenseits der Kohle gibt?

Auch deswegen. Es sind Beispiele. Aber man muss generell schauen, wo sind künftig die Arbeitsplätze, wie laufen Pendlerbewegungen. Die nüchterne Analyse ergibt die künftigen Schwerpunkte. Das mag Betroffenheit auslösen. Aber die müssen wir überwinden und die Chancen sehen, die sich ergeben. Und es müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden dafür.

Welche Rahmenbedingungen sind das?

Mobilität, Fachkräfte – das ist ein Thema, das die ganze Region verbindet. Sie zu gewinnen, ist eine echte Herausforderung. Dann geht es um Infrastruktur, nicht nur um Straßen und Schienen, sondern auch um Internet, Breitband, Strom- und Wasserversorgung, Strompreise, den öffentlichen Nahverkehr, Kultureinrichtungen, Ver- und Entsorgung, Schulen und Kindergärten. Eigentlich müssten wir hier jetzt jede Menge neuer Kitas bauen?

Weil wir darauf hoffen, dass viele junge Menschen viele Kinder bekommen?

Weil wir damit das Signal aussenden, dass wir hier an die Zukunft glauben, daran, dass junge Familien hier leben und arbeiten werden. Das ist allerdings ein Prozess. Wir haben etwa 20 bis 30 Jahre bis zum Ende der Kohle. Wir können in Ruhe entwickeln, planen und umsetzen.

Welche Branchen können der Lausitz künftig eine Zukunft bieten?

Alles rund um das Thema Energie wird weiterhin eine Rolle spielen, auch Digitalisierung, Industrie 4.0 und die chemische Industrie. Speichertechnik, Forschung, Wissenschaft – die berühmte deutsche Ingenieurskunst. Der Gesundheitssektor kann ein wesentlicher Pfeiler sein. Auch der Tourismus.

Warum auch? Weil wir Alpen- Massentourismus nicht bekommen werden?

Tourismus bringt auch nicht die gleiche Wertschöpfung wie die Industrie. Er ist wichtig, aber nur darauf zu setzen, ist zu wenig.

Es gibt eine Initiative, die den US-Konzern Tesla bewegen möchte, hier Elektroautos zu bauen. Ist das realistisch?

Die Aktion zeigt, dass sich Menschen, mobilisieren lassen. Dies zu schaffen und deutlich zu machen, ist ein gutes Stück Arbeit. Die Eintrittswahrscheinlichkeit für Tesla in der Lausitz? Wenn Sie mich fragen – fünf Prozent, ein Prozent – vielleicht ja doch 100 Prozent?

Die vom Bund eingesetzte Kommission „Wachstum, Strukturwandel, Beschäftigung“ wird ihren Bericht zur Situation und Zukunft der Braunkohleregionen in Deutschland nun doch nicht mehr 2018 vorlegen. Bremst das aus?

Die Ministerpräsidenten der Länder wollen Klarheit: Wie viel Geld bekommen wir für den Strukturwandel, wie verlässlich fließt das Geld, in welcher Form und zu welchen Bedingungen. Es ist verständlich, dass dies geklärt sein muss. Natürlich kann man auch nachvollziehen, dass die Menschen spüren wollen, es geht jetzt los.

Wie viele Leute arbeiten in der Wirtschaftsregion Lausitz GmbH und was machen sie?

Wir haben derzeit 18 Stellen. Ich gehe davon aus, dass wir bald auf 25, 30, 40 Mitarbeiter anwachsen. Wir leisten sehr umfangreich Grundlagenarbeit und machen gemeinsam viele Projekte. Unsere Zukunftswerkstatt Lausitz hat in einem Zukunftsatlas für die Region gerade ein Diskussionsangebot zu Chancen und Perspektiven zusammengetragen. Wenn ich konkret von mir ausgehe – ich führe Gespräche, Gespräche, Gespräche. In der Lausitz, in Dresden, Potsdam, in Berlin und in Brüssel. Man kann von Lobbyarbeit für die Lausitz reden, aber es geht auch darum, Informationen zu transportieren. Dafür fahre ich 5 000 bis 6 000 Kilometer im Monat und arbeite hart. Und ich werbe für „WR. Lausitz“. Das ist etwas, das für Ausländer nach „we are Lausitz“ klingt, also „wir sind Lausitz“. Das müssen wir hier und außerhalb den Menschen bewusstmachen. Was die Lausitz ist, wo, wer und was dazugehört. Darum habe ich je ein Büro in Potsdam und Dresden eingerichtet, um nahe an den Entscheidern zu sein. In Brüssel soll es zumindest eine Art Verbindungsbüro geben.

Die Wirtschaftsregion Lausitz wird ein Leitbild für die Region entwickeln. Was soll drinstehen?

Wir formulieren die unmittelbaren, mittelbaren und langfristigen Ziele für die Region und einen Umsetzungsplan. Dabei ist ein Leitbild immer eine Momentaufnahme. Daraus ergibt sich ein Prozess, der gar nicht abgeschlossen werden kann, werden darf. Denn Weiterentwicklung ist dauerhaft nötig. Brecht meinte „Fortschritt bedeutet nicht fortgeschritten sein, Fortschritt heißt fortschreiten“. Das gilt auch für uns und die Zukunft unserer Lausitz. Lassen sie uns aufbrechen, selbstbestimmt fortschreiten in eine chancenreiche Zukunft.

Wer gestaltet die Zukunft – die Behörden, Politiker, Bürgermeister, oder alle Menschen in der Ober- und Niederlausitz?

Politiker und Behörden müssen die Rahmenbedingungen schaffen. Am Ende müssen aber alle zu Botschaftern für die Region werden. Der Schweißer im Tagebau, die Friseurin, der Big-Data-Analyst. Wichtig ist, dass die Menschen, die vom Kohle-Aus betroffen sind, sozial versorgt sind, niemand darf ins Nichts fallen. Dann können diese Menschen auch sagen, ich werde vielleicht meine Arbeit verlieren, aber meine Kinder und Enkel haben hier Chancen und eine Zukunft.

www.wirtschaftsregion-lausitz.de