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"Wir nehmen den Regenschirm nicht weg"

Der Dresdner Sparkassenchef Joachim Hoof über Corona-Hilfen und was seine Bank aus der Krise gelernt hat.

Der Vorstandsvorsitzenede der Ostsächsischen Sparkasse Dresden, Joachim Hoof. "Wir sind in Sachsen breiter aufgestellt als etwa Baden-Württemberg."
Der Vorstandsvorsitzenede der Ostsächsischen Sparkasse Dresden, Joachim Hoof. "Wir sind in Sachsen breiter aufgestellt als etwa Baden-Württemberg." © Sven Ellger

Herr Hoof, zu Beginn der Krise haben Sie gesagt, eine seriöse Prognose für die wirtschaftliche Entwicklung in Ostsachsen sei für dieses Jahr nicht möglich. Sehen Sie mittlerweile klarer? 

Aus Gesprächen mit Firmenkunden weiß ich, dass wir zurück sind zum "sächsischen Tun". Der Sachse möchte gerne etwas tun. Einige Unternehmen sind noch in den Startblöcken, andere haben schon die ersten Meter hinter sich, und die meisten nehmen die Herausforderung sehr gut an. Handwerker, Unternehmer sind zuversichtlich, aber sie sagen auch: Man muss uns einfach mal arbeiten lassen. Die Wirtschaft lechzt nach Lockerungen. 

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Aber die Krise ist trotzdem nicht zu übersehen, oder?

Eine Bank kann Krisen immer am besten daran feststellen, dass Liquidität nicht mehr da ist. Aber da muss man der Politik ein Riesenkompliment machen, sie hat sehr, sehr schnell reagiert und Milliarden auf Bundes- und Landesebene zur Verfügung gestellt. Unsere Kunden sind liquiditätsmäßig hervorragend ausgestattet. Trotzdem werden wir Schleifspuren in der wirtschaftlichen Entwicklung in einigen Unternehmen haben und wir werden auch Bremsspuren in unserer Sparkassen-Bilanz sehen. Frühestens im September, Oktober werden wir seriös sagen können, was da rauskommt.

Gibt es Unterschiede zwischen der Krisenfestigkeit der Wirtschaft in Ost und West?

Ich bin froh, hier in Sachsen zu sein, weil das Unternehmertum, etwas anzupacken und nach vorne zu bringen, hier sehr, sehr stark ausgeprägt ist. Wir haben den Vorteil, wir sind nicht nur in der Automobilindustrie  verhaftet. Sie spielt zwar eine große Rolle für Sachsen, aber wenn wir etwa nach Baden-Württemberg schauen, wo die Automobilindustrie und auch der Maschinenbau einen viel größeren Anteil an der Wirtschaftsleistung haben, dann fällt auf: Wir sind hier breiter aufgestellt und deshalb kommen wir sehr gut aus den Startblöcken heraus.

Sie versprühen Optimismus. Befürchten Sie nicht, dass am Ende etliche Firmen Insolvenz anmelden müssen?

Die Politik hat gesagt: Wir werden allen oder zumindest vielen helfen. Wir werden die eine oder andere Insolvenz sehen, aber ich erwarte keine riesige Insolvenzwelle. Richtig ist, denen zu helfen, die erst durch Corona in Schwierigkeiten gekommen sind.

Hat die Ostsächsische Sparkasse Dresden ihre Ertragsprognose angepasst und was bedeutet das für die Kunden?

Wir haben die gute Ertragslage in den letzten Jahren genutzt, um Reserven zu bilden. Das haben nicht nur wir gemacht, das hat die ganze sächsische Industrie getan, als Lehre aus der Finanzkrise 2008/2009. Die Eigenkapitalbildung hat sich seitdem um 10 bis 15 Prozentpunkte verbessert. Wir sind als Sparkasse in der Lage, als verlässlicher Partner zur Verfügung zu stehen, und unsere Kunden brauchen keine Sorgen zu haben. Man wirft Banken gern vor, es würden Regenschirme verteilt, wenn die Sonne scheint, und wenn es regnet, werden die wieder eingesammelt. Wir werden aber die Regenschirme auch draußen haben, wenn es regnen sollte.

Ist das eine gute Nachricht auch für Vereine, Sportler, Kulturschaffende, die von der Sparkasse über Jahre hinweg unterstützt wurden?

Glücklicherweise haben wir einen Verwaltungsrat, der sehr interessiert ist, dass es der Region weiterhin vernünftig geht. Nicht die Ausschüttung ist hier das Wichtige, sondern dass die Sparkasse ihren Gemeinnützigkeitsgedanken weiter nach vorne bringen kann. Deshalb haben wir gerade in der jetzigen Phase vielen Vereinen Signale gesendet: Wir verlängern entweder deinen Vertrag jetzt sofort für das nächste Jahr oder sogar für die nächsten drei Jahre. Zum Beispiel geht es um den Skulpturen-Sommer in Pirna oder um das Festival Sandstein und Musik, aber auch um die Handballer in Dresden oder die  Volleyball-Damen.

Für Sparer war es wegen der Nullzinspolitik der EZB schon vor Corona nicht leicht. Risikofreie Anlagen bringen keinen Ertrag. Wächst jetzt die Risikobereitschaft? 

Der Sachse ist äußerst sicherheitsorientiert. Aber viele sagen sich jetzt: Wir müssen auch die Chancen sehen, die sich auf den Kapitalmärkten und den Wertpapiermärkten entwickeln können. Gerade die fallenden Kurse machen es für viele interessant, nachzukaufen. Im März und April haben wir 5.000 Gespräche zu diesen Themen geführt. Die Faustregel lautet: Der normale Kunde legt 75 Prozent seines Vermögens sicher in Bankprodukten an - natürlich ist die Verzinsung hier um die null Prozent - und mit einem Viertel geht er in die Wertpapiermärkte rein.

Dabei wächst gerade der Druck auf Ihr Haus, Negativzinsen zu verlangen. Die Barreserve der Sparkasse ist binnen Jahresfrist um mehr als 300 Millionen Euro auf 1,3 Milliarden Euro angewachsen ...

Wir haben ein hervorragendes Kreditgeschäft, und das ermöglicht es uns, bei unseren langjährigen, treuen Kunden derzeit den Zinssatz bei null Prozent zu belassen und keine Negativzinsen zu verlangen. Aber ich kann natürlich keine Garantie für die Ewigkeit geben. Das gute Kreditgeschäft haben wir nicht nur auf der Firmenseite, sondern auch auf der privaten Seite, das sind zwei große, stabile Säulen. Während andere nur das Firmenkunden- oder das Privatkundengeschäft betreiben, haben wir erfreulicherweise beides.

Acht Prozent Ihrer Firmenkunden haben sich zu Corona beraten lassen, fünf Prozent haben bereits Hilfen erhalten. Ist das viel oder wenig?

Viele sind in der Lage, dank der gebildeten Reserven mal vier, acht oder zwölf Wochen auch zu überbrücken. Deshalb ist es verständlich, dass nicht alle sofort zur Sparkasse gingen. Sie hätten zwar einen Kredit bekommen, aber für die Branchen, die sofort betroffen waren - wie etwa Hotellerie, Gastronomie oder Soloselbstständige -, waren Zuschüsse wichtiger. Deshalb haben sich viele an die Sächsische Aufbaubank gewandt. In unserem Haus war denn auch das Mittel Tilgungsaussetzung stärker nachgefragt als Hilfskredite. 

SZ-Redakteur Domokos Szabó (li.), Sparkassenchef Joachim Hoof. "Keine Negativzinsen für unsere langjährigen, treuen Kunden; aber auch keine Garantie für die Ewigkeit."
SZ-Redakteur Domokos Szabó (li.), Sparkassenchef Joachim Hoof. "Keine Negativzinsen für unsere langjährigen, treuen Kunden; aber auch keine Garantie für die Ewigkeit." © Sven Ellger

Viele Sparkassen-Filialen wurden wegen Corona zunächst geschlossen. Gibt es da Veränderungen in absehbarer Zeit? 

Anfangs hatten wir 29 Filialen geöffnet, jetzt sind wir in einem ersten Schritt auf 50 gegangen. Am 2. Juni,  am Dienstag nach Pfingsten, werden wir weitere 20 Filialen öffnen. Mit diesen 70 Filialen erreichen wir 96 Prozent aller Kunden. Für die Differenz von 4 Prozent gleichen wir das mit der mobilen Filiale aus, wir werden die Frequenzen etwas erhöhen. 

Gibt es einen Plan, wann diese restlichen 30 kleinen Filialen im ländlichen Bereich wieder ans Netz gehen oder gibt es Überlegungen, dauerhaft bei der mobilen Lösung zu bleiben? 

Natürlich versuchen wir, so viele Filialen wie möglich zusätzlich ans Netz zu bringen, aber ich brauche eine gewisse Reserve auch beim Personal. Wir würden gern in den September, Oktober kommen, um eine vernünftige Aussage zu diesem Thema zu treffen. Wir sind aber eine der Sparkassen, die treueste Betreiber von Filialen sind. In den letzten 15 Jahren haben wir gerade mal eine Filiale geschlossen. Wir stehen zum Filialnetz, das ist unser Alleinstellungsmerkmal.

Wie wird Corona die Sparkasse mittelfristig verändern?

Die Deutschen lieben ihr Bargeld über alles, verlieren aber jetzt in der Corona-Zeit etwas diese Liebe. Wir sehen, dass die Bargeldhaltung ungefähr um 30 Prozent zurückgeht, viele bezahlen bargeld- oder sogar kontaktlos. Auch bei der Beratung, im Servicebereich wird die digitale Welt noch mehr einziehen. Und das betrifft nicht nur die Jüngeren, gerade durch Corona sagen sich auch viele über 70: Ich probiere es einfach mal aus. Aber auch wir als Sparkasse werden digitaler. Wir haben den Anteil der Kollegen, die Homeoffice machen können, von 10 auf mindestens 20 Prozent verdoppelt. Was Videokonferenzen angeht, sind wir mittlerweile alle fit und haben massiv dazugelernt. Wir können uns vorstellen, dass wir das eine oder andere davon auch in Zukunft nutzen werden. 

Das Gespräch führte Domokos Szabó.

Folgende Sparkassen-Filialen öffnen ab 2. Juni zusätzlich: 

Dresden

Bühlau, Cossebaude, Gittersee, Langebrück, Laubegast, Pillnitz, Südvorstadt, Uniklinikum und Zschertnitz.

Sächsische Schweiz-Osterzgebirge

Pirna-Copitz, Heidenau-West, Hermsdorf, Königstein, Kreischa, Lohmen, Stolpen, Freital-Pesterwitz und Tharandt.

Lausitz

Lohsa, Panschwitz-Kuckau, Arnsdorf und Radeberg/Heidestraße.

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