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"Wir Ostdeutschen müssen uns an die eigenen Nasen fassen"

Ein Gespräch mit dem Dresdner Schriftsteller Ingo Schulze über Utopien und ein falsch verstandenes Mauerfall-Jubiläum.

Ingo Schulze gehört seit seinem Debüt „33 Augenblicke des Glücks“ in die erste Reihe deutscher Autoren.
Ingo Schulze gehört seit seinem Debüt „33 Augenblicke des Glücks“ in die erste Reihe deutscher Autoren. © S. Fischer Verlage/Gaby Gerster

Geld allein macht nicht glücklich. Auf diesen einfachen Nenner könnte man den Roman von Ingo Schulze bringen. Doch so einfach ist es nie bei diesem großartigen Erzähler. Der 57-Jährige betrachtet die Gesellschaft stets von mehreren Seiten. Für jeden neuen Text sucht er eine neue Form. „Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“ ist ein Schelmenroman über einen, der die Welt mit der Naivität eines Kindes sieht und sie beim Wort nimmt. Die Bühnenfassung kommt am 7. Februar in Dresden heraus, für Ingo Schulze die dritte Uraufführung am Staatsschauspiel.

Die Hauptfigur Peter Holtz würde gern das Beste von Sozialismus und Kapitalismus vereinen. Als Sie das Buch schrieben, waren die Konflikte im Land noch nicht so zugespitzt wie heute. Oder täuscht die Erinnerung?

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Leider polarisiert sich die Gesellschaft immer weiter. Das zeigt sich zuerst im Ökonomischen. Auf der einen Seite steigt das Risiko der Armut, auf der anderen Seite steigert sich der Wert von Immobilien und Aktien extrem. Die Spekulation mit Geld ist nicht geringer geworden und auch nicht die Gefahr einer neuen Krise. Insofern hat sich der grundsätzliche Konflikt, den das Buch beschreibt, noch verschärft.

Wo sehen Sie Ursachen für die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft?

Als Materialist würde ich das natürlich zuerst mit der Entwicklung der sozialen und ökonomischen Verhältnisse erklären. Wenn jemand von der Gesellschaft keine Solidarität erfährt, ist er auch weniger bereit, Solidarität zu üben.

Mancher Politiker würde Ihnen widersprechen und auf hohe Zufriedenheitswerte bei Umfragen verweisen.

Das muss kein Widerspruch sein. Ich selbst bin mit meiner eigenen Situation halbwegs zufrieden, bin aber höchst beunruhigt, in welche Richtung sich unsere Gesellschaft und die Welt im Allgemeinen bewegt. Ich kenne viele, die jeden Euro umdrehen müssen, sei es in der Rente oder davor. Zentral ist die Frage nach der Gerechtigkeit und dem Selbstbild in der Gesellschaft. Die Frage Ost/West ist dabei nur eine Ebene, aber auch die steht sichtbar im Raum.

Ostdeutsche besetzen nur 1,7 Prozent der Führungspositionen im Land. Das war so gewollt, sagte der Literaturwissenschaftler Peter Geist neulich in einer Diskussion bei der Sächsischen Akademie der Künste. Hat er recht?

Man muss sich darüber gar nicht streiten, ob gewollt oder ungewollt, auf jeden Fall hatte das Bündel der Gesetze, die im Osten eingeführt wurden, das zur Folge, von der Treuhand über die Evaluation an den Universitäten, in den Ämtern bis zu den Gesetzen über das Eigentum. Es war letztlich, wie es in einem Gedicht von Volker Braun heißt: Krieg den Hütten, Friede den Palästen. Wer über Besitz verfügte oder über den richtigen Beruf, profitierte auch im Osten. Doch als Ostdeutsche müssen wir uns an die eigenen Nasen fassen. Wir waren nicht in der Lage, nach der Eroberung der Macht unsere Verhältnisse erst mal hier selbst zu klären und dann selbstbewusst dem Westen gegenüberzutreten. So haben wir es nicht zu einer Vereinigung gebracht, sondern nur zum Beitritt. Meine Erfahrung ist allerdings, dass sich heute jene am meisten über Fremdbestimmung aufregen, die 1990 gar nicht schnell genug die D-Mark bekommen konnten, also Bundesrepublik werden wollten.

Was wollten Sie damals?

Für mich war das Wichtigste von 89/90 der Versuch, in allen Bereichen die eigenen Chefs zu wählen. Das war revolutionär. Die eroberte Freiheit, die Mitbestimmung allerorten war eben nichts, was vor der Ökonomie haltgemacht hätte.

© Screenshot Verlag S. Fischer

Aber dann verzichtete das Volk doch aufs Volkseigentum, wie es in Ihrem Roman um Peter Holtz heißt. Beneiden Sie ihn mitunter um seine Gelassenheit?

Manche Äußerungen im Umfeld des Mauerfall-Jubiläums habe ich tatsächlich nur schwer ausgehalten. Ich wunderte mich über mich selbst, dass ich so dünnhäutig reagiere.

Worauf reagieren Sie dünnhäutig?

Wir waren mit meinem Hörspiel „Die Verwirrungen in der Silvesternacht“ eingeladen zum Hörspielpreis nach Karlsruhe. Ich war sehr angetan von der Umsetzung des Textes beim MDR. Es ist eine Liebesgeschichte, aber eigentlich geht es um die Entwurzelung im Arbeitsleben, die mit und nach 1990 stattfand. Keine der Figuren arbeitet danach in dem Beruf, in dem sie vorher war. In der Jury saßen fünf Frauen, die, so mein Eindruck, am Eigentlichen vorbeiredeten. Ich fragte dann, ob eine von ihnen aus dem Osten käme. Da war die Aufregung groß, überhaupt so eine Frage zu stellen. Ich finde die Frage auch nicht besonders gut, jedenfalls ist das nicht die entscheidende Frage, das war unsouverän von mir, aber die Selbstverständlichkeit, mit der die Osterfahrung rausfiel, hatte mich getroffen. Was vor 30 Jahren passierte, bestimmt heute mein Leben, und wenn das ausgeblendet wird, wird es falsch.

Beim Akademie-Abend sagten Sie, der Ost-West-Konflikt sollte eingebunden werden in den Konflikt zwischen oben und unten. Wie meinen Sie das?

Die neue Bundesrepublik bedeutete auch für viele im Osten eine materielle Bereicherung, wiederum profitierten noch mehr im Westen davon. Jene aber, die keine Stelle im Osten erhielten, die keine Wohnungen mit Sonderabschreibung kaufen konnten, haben die Art und Weise des Beitritts mitbezahlt. Die Erfahrungen mit Hartz IV sind im Ruhrgebiet kaum anders als in der Lausitz.

Hätten Sie gedacht, dass der Ost-West-Konflikt nach 30 Jahren noch mal aufbrechen würde?

Ich war darauf nicht vorbereitet, auch bei mir selbst nicht. Offenbar gibt es Zeitspannen von 25, 30 Jahren, nach denen man die Dinge mit einem anderen Abstand betrachtet. Yana Milev sagte neulich: Nach 30 Jahren beginnt die Geschichtsschreibung, alles davor ist Soziologie. Wir sehen heute tatsächlich viel deutlicher, wie sehr die Jahre 89/90 nicht nur Deutschland beeinflusst haben. Die politischen Prozesse liefen weltweit, in afrikanischen Staaten, in Indien und China. Die Grenzen des Kapitalismus, der damals als Neoliberalismus die gesamte Welt eroberte, werden heute unübersehbar. Das Prinzip, möglichst viel Profit zu generieren und das Geld dorthin zu schicken, wo es sich möglichst schnell und möglichst stark vermehrt, ist keine Art und Weise, wie unsere Zivilisation überleben kann, sozial nicht, nicht im Frieden und auch ökologisch nicht.

Das Gegenmodell ist allerdings 89/90 in sich zusammengefallen. Fehlt Ihnen ein solches Modell?

Die Alternative liegt nicht in der Vergangenheit, auch wenn es einiges dort gibt, was für uns heute eine Anregung und Ermutigung sein könnte. Mit 89/90 ging eine Schwächung der linken Parteien einher, aber auch der Ideen von einer anderen Welt, zumindest im allgemeinen Bewusstsein, ich habe das an mir selbst erlebt. Nehmen Sie nur das Stichwort vom „Ende der Geschichte“, als wären wir mit 89/90 in einen dem Menschen gemäßen Naturzustand zurückgekehrt. Die großen Think Tanks haben ganze Arbeit geleistet.

Vielleicht ist es auch gar nicht möglich, ein Gegenmodell zu entwickeln, weil die Prozesse viel zu komplex sind?

Wir brauchen keine Utopien zu bemühen, wir müssen uns fragen, wie überleben wir in Frieden und sozial gerecht und ohne unsere Lebensgrundlagen zu zerstören. Es geht um volkswirtschaftliches Denken statt betriebswirtschaftliches Denken, um Weltinnenpolitik statt Nationalismus. Wenn es großen Gewinn bringt, Waffen zu produzieren, wird man es schwer haben mit der Abrüstung.

Die Welt in Ihrem neuen Buch „Die rechtschaffenen Mörder“ erscheint zunächst viel überschaubarer. Hauptfigur ist ein Antiquar aus Blasewitz.

Ja, der ist ein richtscher Dräsdner.

Muss man sich fürchten, wenn Sie das so sagen?

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Die Schriftsteller Ingo Schulze und Kurt Drawert diskutieren über ihre neuen Romane, die beide in der Stadt spielen und noch mehr gemeinsam haben.

Ich bin ja von meiner Prägung her auch einer. Es ist schwer, über den Inhalt des Buches zu sprechen, weil die Art und Weise, in der erzählt wird, auch immer den Zweifel wachhält, ob es so tatsächlich gewesen ist. Über den Antiquar Norbert Paulini kann ich auch vom Umgang mit Büchern in den letzten fünfzig Jahren erzählen. Dass er womöglich eine bedenkliche Wendung genommen hat, ist das eine. Aber bei der Figur des Schriftstellers Schultze, im Unterschied zu mir mit einem t geschrieben, ist ebenfalls Vorsicht angebracht.

Das Gespräch führte Karin Großmann.

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