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„Wir schleckern einfach weiter“

Dieselben Kollegen, das gleiche Sortiment, eine alte Filiale. Diese Frauen lassen sich von der Pleite nicht unterkriegen.

Von Jens Ostrowski

Diese Frau nimmt ihr Glück selbst in die Hand: Anderthalb Jahre nach der Pleite der Drogerie-Kette haucht Anja Schwager der alten Schlecker-Filiale in Strehla wieder neues Leben ein. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn bis auf den Namen ist hier eigentlich wieder alles beim Alten. Die 33-Jährige hat das Rad förmlich zurückgedreht. „Mir war es wichtig, dass sich die ehemaligen Kunden auch nach der Pause in ihrem Laden sofort wieder zurecht finden“, sagt die 33-Jährige. Deshalb setzt sie nicht nur auf das nahezu gleiche Sortiment wie einst der Drogerie-Riese. Auch die Verkaufsregale sind noch immer dieselben – und stehen sogar in der gleichen Anordnung wie einst. Nur die farbliche Innengestaltung des Geschäfts und den Kassenbereich hat Anja Schwager modernisiert.

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Die junge Frau war elf Jahre lang bei Schlecker beschäftigt, hat zuletzt die Filiale auf der Alleestraße in Riesa geleitet. „Als ich den Laden letztes Jahr für immer abschließen musste, war das für mich ein richtiges Schockerlebnis. Damals ist eine berufliche Ära zu Ende gegangen, die mir immer Spaß bereitet hatte. Das war keine einfache Zeit“, sagt sie. Einen Anschlussjob fand Anja Schwager damals schnell, die erneute Erfüllung jedoch nicht. Deshalb hing sie ihren Bürojob wieder an den Nagel und fasste den Entschluss, es noch mal in ihrem alten Job zu versuchen. Wenn schon nicht bei Schlecker, dann eben im eigenen Geschäft. „Mir fehlte die Dynamik im Alltag, die Gespräche mit den Kunden, die immer neuen Gesichter im Laden“, sagt sie. Als Strehlaerin fiel ihr Augenmerk auf die verwaiste Schlecker-Filiale inmitten des Einkaufsparks an der Lindenstraße. „Ich wusste, dass dieses Geschäft immer rentabel, der Umsatz ordentlich war“, begründet sie. Zudem hatte der Drogist die komplette Einrichtung zurückgelassen.

„Klar“, sagt Anja Schwager, „die Arbeit als Inhaberin ist ähnlich wie damals als Filialleiterin. Nur, dass man jetzt das Risiko selbst trägt.“ Schlaflose Nächte habe sie aber nicht. „Die ersten zwei Wochen sind ordentlich angelaufen. Wenn es so weiter geht, sehe ich keine Probleme.“ Das hören auch ihre beiden angestellten Kolleginnen Simone Werner und Kerstin Bertermann gerne. Auch sie sind ehemalige Schlecker-Frauen mit Herz und Seele. „Als Anja mich angerufen und gefragt hat, habe ich alles stehen- und liegengelassen und sofort zugesagt. Da gab es nichts zu überlegen“, erzählt die 49-jährige Simone Werner. Auch sie hatte nach der Schlecker-Insolvenz rasch einen neuen Arbeitsplatz gefunden. Doch auch sie sehnte sich zurück in ihren alten Beruf.

Das Geschäft heißt jetzt nicht mehr Schlecker, sondern „Ihre Drogerie“. Dabei handelt es sich um eine Dachmarke, die den Geschäften Namen und Werbemittel zur Verfügung stellt. Rund zehn Läden gibt es bundesweit bereits. „Wir bestellen unsere Waren über diesen Dachverband, der aber am Gewinn nicht beteiligt ist, sondern sich ausschließlich über den Großhandel finanziert“, erklärt Anja Schwager, der es wichtig gewesen sei, unabhängig zu bleiben.

Auch die alten Stammkunden zeigen sich glücklich, dass es wieder eine Drogerie am alten Schlecker-Ort gibt. Simone Werner, die schon früher hier immer mal wieder ausgeholfen hat, erkennt viele Käufer wieder. „Und doch müssen sich die Menschen in Strehla erst daran gewöhnen, dass es hier wieder ein Geschäft gibt“, sagt sie. Kurz darauf steckt ein junger Mann mit Wollmütze seinen Kopf durch die Tür: „Entschuldigung, gibt es hier Grillkohle zu kaufen?“ Gibt‘s momentan nicht. „Aber das ist jetzt unser großer Vorteil, den es zu Schlecker-Zeiten nicht gab. Wir können individuell auf Kundenwünsche eingehen und auch Bestellungen für Waren entgegen nehmen, die es in unserem eigentlichen Sortiment nicht gibt“, sagt Anja Schwager.

Denn die drei Frauen schleckern eben doch nicht einfach nur weiter. Sie legen noch eine ganze Schippe drauf, um erfolgreich zu sein.