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„Wir sind die Opfer“

Nach Geyers Rückzug reagieren seine Gegner, vor allem aber sollen Dynamos Mitglieder über die Ehrenspielführer diskutieren.

© Robert Michael

Von Sven Geisler

Fall abgeschlossen? Mitnichten. Nachdem Eduard Geyer auf den Titel als Ehrenspielführer der SG Dynamo Dresden verzichtet, beginnt die eigentliche Vereinsarbeit. Die Fragen, wie man umgehen soll mit der Stasi-Geschichte und wer künftig geehrt werden darf, müssen grundsätzlich geklärt werden. Das Thema steht zwar nicht auf der Tagesordnung für die Jahreshauptversammlung. Trotzdem sollen die Mitglieder am 17. November darüber diskutieren. Das kündigt der derzeit amtierende Präsident Holger Scholze an.

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„Wir wollen es auf der Mitgliederversammlung offen und transparent besprechen“, sagt der 47-Jährige. Deshalb werde er unter „Sonstiges“ weitere Schritte vorschlagen. Zunächst solle ein Katalog mit Kriterien aufgestellt werden, wer überhaupt als Ehrenspielführer oder Träger von Ehrennadeln der SGD vorgeschlagen werden kann. „Das ist ein demokratischer Prozess, in dem die Mitglieder das Wort haben“, betont Scholze. Außer sportlichen Verdiensten sollen moralische Aspekte berücksichtigt werden.

Das hatten auch die drei Antragsteller gefordert. Hans-Jürgen Kreische, Klaus Sammer und Dieter Riedel kommentierten Geyers Rückzug als „längst überfällige Entscheidung“ und erklärten schriftlich: „Man muss noch mal nachdrücklich betonen, dass wir die Opfer sind und nicht Geyer, der als ,IM Jahn‘ schließlich über viele Jahre Kameraden und Mitspieler bespitzelt hat und dafür von der Stasi reichlich belohnt wurde.“ Es sei nicht nachzuvollziehen, diese Tatsache als Befindlichkeit abzutun. Damit reagierten die ehemaligen Mitspieler auf Geyers Erklärung, er habe die Entscheidung zum Wohle des Vereins getroffen, „vor dem die Befindlichkeiten einzelner Personen zurückzustehen haben“.

Dafür erhält Geyer auch auf der Internetseite der SZ größtenteils Anerkennung bis hin zu Dankbarkeit. Allerdings sind die Reaktionen durchaus kontrovers und reichen von „Eduard Geyer beweist Stil und Niveau“ bis dahin, dass er mit seiner Vergangenheit kein Vorbild für den Verein sein kann. Diese Einschätzung teilen die drei anderen Ehrenspielführer: „Dieser Titel hat in allererster Linie Vorbildwirkung, besonders für die nachfolgenden Fußball-Generationen von Dynamo Dresden.“

Bisher bestimmte das Präsidium, wem die Ehre des Vereins zuteil wird. Die Idee, auf diese Weise die Tradition zu pflegen, hatte der damalige Geschäftsführer Christian Müller vor dem 60. Jubiläum der Gründung der Sportgemeinschaft. Als Überraschung wurden zur offiziellen Feier am 12. April 2013 die inzwischen verstorbenen Wolfgang Oeser und Reinhard Häfner sowie Kreische, Sammer senior und Hans-Jürgen Dörner ernannt. Im nächsten Jahr erhielten pikanterweise Geyer und Riedel gemeinsam den Titel, 2016 Hartmut Schade und in diesem Jahr Ulf Kirsten.

Erst durch den Antrag des Trios, Geyer diese Würde wieder abzuerkennen, wurde auch das Prozedere infrage gestellt. Die Satzung sowie die Beitrags- und Ehrenordnung lassen sich nach dem Urteil von Juristen unterschiedlich auslegen. Das will Scholze im zweiten Schritt klären lassen. „Auf der nächsten ordentlichen Mitgliederversammlung können wir dann über eine Satzungsänderung diskutieren, um konkreter zu formulieren, wie die Ernennung oder Verleihung vonstattengehen soll“, sagt der Interimspräsident, der auch zur Neuwahl für das Ehrenamt am 19. Dezember antreten wird.

Zuvor wird er die Mitgliederversammlung leiten, auf der die anderen acht Ehrenspielführer legitimiert werden sollen. Das hatte Scholze bereits in einer Pressemitteilung vom 17. Oktober angekündigt. Gemeinsam mit Rechtsanwalt Michael Bürger, dem zweiten Mann im Übergangspräsidium, hatte er Geyers Gegner dazu bewegen können, die ursprünglich bis 19. Oktober gesetzte Frist für eine Lösung zu verlängern. Andernfalls hatten sie gedroht, ihrerseits den Titel zurückzugeben. Nun hat Geyer die Konsequenzen gezogen.

Seine Zuarbeit für die Stasi war zwar seit 1992 allgemein bekannt, konkret wurde sie jedoch erneut bei Dynamos Traditionstag am 20. September 2017. Kurz zuvor hatte Riedel an seinem 70. Geburtstag noch mit Geyer angestoßen. Doch bei dem Empfang aus Anlass des 50. Jubiläums des ersten Europapokalspiels gegen die Glasgow Rangers hatte jemand Kopien aus Geyers Stasiakte ausgelegt. Die waren zwar bereits 2001 im Buch „Mielke, Macht und Meisterschaft“ von Ingolf Pleil veröffentlicht worden, Riedel kannte sie aber nach eigener Aussage nicht. Er war davon ausgegangen, Geyer sei nur Mitläufer gewesen. Umso heftiger ist nun der Bruch.

Der Fall zeigt, wie wenig der Verein dieses Kapitel seiner Geschichte aufgearbeitet hat. Im Sommer hatte der Ehrenrat deshalb eine Arbeitsgruppe angeregt. Das sei im Moment zwar nicht geplant, aber auch nicht ausgeschlossen, meint Scholze.