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„Wir sind die Sündenböcke“

Die Architekten der Rathaussanierung wehren sich gegen Vorwürfe, gepfuscht zu haben.

© André Wirsig

Treff in einer Kanzlei am Zwinger. Jörg Schmidt, verantwortlicher Planer der Rathaussanierung, und sein Team haben sich rechtlichen Beistand geholt. Die Architekten werden dafür verantwortlich gemacht, dass die Bauarbeiten um mehr als zehn Millionen Euro teurer werden. Dagegen wehren sie sich – auch mit juristischer Hilfe. Konkrete Personen aufseiten der Stadt will Schmidt nicht angreifen. „Aber es soll schon klar gemacht werden, was Sache ist“, sagt sein Anwalt Richard Althoff.

Herr Schmidt, der erste Abschnitt der Rathaussanierung kostet nach jetzigem Stand 36,1 Millionen Euro statt ursprünglich geplanten 25 Millionen Euro. Wie konnte das passieren?

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Das ist keine unerwartete Kostenexplosion. Es ist ein Kommunikationsproblem: Die tatsächlich zu erwartenden Kosten sind seit Langem bekannt, werden aber nicht weitergegeben.

Wann haben Sie die Stadt auf die tatsächlichen Kosten hingewiesen?

Im Juli 2009 haben wir mit der Planung für die Rathaussanierung begonnen. Und bereits Ende 2009 haben wir darauf hingewiesen, dass abgeleitet aus dem Gesamtprojekt für den ersten Sanierungsabschnitt – in dem Umfang, wie vom Hochbauamt vorgegeben – 42 Millionen Euro nötig wären.

Woher nehmen sie die Kostenschätzung von 42 Millionen Euro?

Wir wussten, dass wir an einem mehr als hundert Jahre alten Gebäude arbeiten. Es ist außerdem im Zweiten Weltkrieg schwerstens durch Bombentreffer beschädigt und in den 60er-Jahren lediglich mit spärlichen Methoden wieder aufgebaut worden. Vor diesem Hintergrund und mit der Hilfe von Vergleichsobjekten haben wir die möglichen Kosten geschätzt. In der Summe war auch ein gewisses Risikobudget mit eingeplant, was bei so einem Gebäude immer ratsam ist.

Warum das?

Das Hochbauamt hat uns eine Grundlagenermittlung mit erheblichen Defiziten zur Verfügung gestellt. Es fehlte zum Beispiel die Untersuchung der Bausubstanz. Wir haben daraufhin dem Hochbauamt mitgeteilt, dass es Mängel gibt, und Vorschläge gemacht, wie diese behoben werden können. Leider wurden diese zum großen Teil nicht beachtet. Also haben wir der Stadt gratis eine Kosteneinschätzung geliefert aus unserer Aufklärungspflicht heraus.

Wie kamen dann also die 25 Millionen Euro ins Spiel, von denen jetzt immer die Rede ist?

Im Mai 2010 hat der Stadtrat beschlossen, das Projekt aus finanziellen Gründen drastisch zu reduzieren. Der erste Sanierungsabschnitt sollte nur noch 25 Millionen Euro kosten. Die waren aber nicht untersetzt.

Das heißt?

Der Stadtrat reduzierte zwar die Kosten, aber die Aufgabenstellung blieb dieselbe. Das ist der Kardinalfehler an dem Projekt. Also wurden mit der Rasenmähermethode bestimmte Leistungen gestutzt oder gestrichen, um die 25 Millionen Euro wenigstens auf dem Papier zu erfüllen. Deswegen wurde zum Beispiel die notwendige Sanierung der Fassaden zusammengestrichen. Als das Gerüst stand, musste man jedoch feststellen, dass man um eine vollständige Sanierung nicht herumkommt. Die Folge ist, dass der Stadtrat jetzt regelmäßig neues Geld bewilligen muss. Mittlerweile sind wir mit 36,1 Millionen Euro ja fast wieder dort, wo wir 2009 schon einmal waren.

Das muss dem Stadtrat doch klar gewesen sein, dass man dieselbe Leistung nicht für viel weniger Geld haben kann.

Ende 2010 gab es tatsächlich einen Beschluss zu Kosteneinsparungen. Der Ausbau der Säle ist darin zum Beispiel storniert worden. Dort wird jetzt nur der Status quo erhalten. Auf der anderen Seite sind aber auch Änderungen beschlossen worden, die zu Mehrkosten geführt haben – genauer gesagt um circa zwei Millionen Euro.

Das muss Sie doch wahnsinnig geärgert haben. Wie hat die Stadtverwaltung reagiert, als Sie sie mit dem Widerspruch konfrontiert haben?

Wir haben dem Hochbauamt mitgeteilt, dass bei dem Kostenrahmen dringend notwendige Maßnahmen nicht mehr enthalten sind – also zum Beispiel die Berücksichtigung der steigenden Baukosten über den langen Planungs- und Bauzeitraum. Im konkreten Fall hat uns das Hochbauamt mitgeteilt, dass das Geld bereitgestellt wird, wenn es nötig ist. Es wurde aber nicht bereitgestellt. Generell gesagt wurden unsere Einwände zur Kenntnis genommen, aber es wurde uns auch gesagt, auf der bestehenden Grundlage weiterzuplanen.

Sie haben also weitergemacht, weil Sie den Zusagen der Stadt vertraut haben?

Wenn der Auftraggeber das sagt und der auch noch „Stadtverwaltung“ heißt, muss man schon davon ausgehen, dass Zusagen eingehalten werden. Insofern ist uns schleierhaft, warum noch immer von Planungsfehlern die Rede ist. Wir werden von der Stadt als Sündenböcke hingestellt und für eine Situation verantwortlich gemacht, die wir nicht verschuldet haben. Ganz im Gegenteil: Wir haben sogar mehrfach davor gewarnt.

Herr Althoff, Sie sind seit Anfang 2012 der Rechtsbeistand der Planer. Warum?

Bei der Rathaussanierung gibt es eine Vielzahl von Projektänderungen – wir sind jetzt bei Nummer 87. Das bedeutet auch zusätzliche Arbeit für die Architekten. Üblicherweise werden dann Vereinbarungen zur zusätzlichen Vergütung getroffen. Das ist hier nicht erfolgt. Es wurden an die Planer Änderungswünsche herangetragen, die sie auch in der Regel ausgeführt haben. Die dafür nötige Arbeit wurde aber nicht bezahlt. Weil die Honorarforderungen zum Teil weggedrückt wurden, haben die Planer sich entschieden, sich rechtlich beraten zu lassen.

Um welche Summe geht es konkret?

Es geht um etwa eine Million Euro für alle Planer zusammen. Die genaue Summe wird derzeit aber noch von einem Sachverständigen ermittelt. Wir würden darüber auch gern mit der Stadt sprechen. Wir sind ja kompromissbereit. Aber im Moment laufen wir nur gegen die Wand.

Ist denn da eine gute Zusammenarbeit mit der Stadt überhaupt noch möglich?

Ja, das eine kann man von dem anderen schon trennen. Das läuft auf zwei Ebenen zum Teil auch ohne Architekten. Wir sind optimistisch, dass wir das Projekt gut abschließen.

Herr Schmidt, zurück zur Sanierung des Rathauses: Wird es jetzt angesichts der vom Stadtrat insgesamt bestätigten 36,1 Millionen Euro zu weiteren Kostensteigerungen kommen?

Im September haben wir noch einmal eine Kostenschätzung gemacht. Wir gehen davon aus, dass immer noch zwei bis 2,5 Millionen Euro fehlen. Es gibt allerdings auch eine Einsparliste von uns mit einem Gesamtumfang von 5,1 Millionen Euro. Bislang sind davon gerade einmal rund drei Millionen Euro umgesetzt worden.

Wie groß ist die Bereitschaft bei der Stadt, diese Vorschläge umzusetzen?

Das ist schwierig. Ein kleines Beispiel: Wir haben vorgeschlagen, einen anderen Bodenbelag zu verwenden, was 30 000 Euro bringen würde. Wenn so etwas geändert werden soll, muss der Bauherr aber alle Beteiligten fragen. Und das sind im Rathaus ganz viele. Kleinste Änderungsvorschläge sind deswegen sehr aufwendig. Wir warten bis heute auf die Entscheidung.

Das Interview führte Tobias Winzer