merken
PLUS Dresden

„Wir sind eine Uni, kein Kriegsschauplatz“

TU-Rektor Hans Müller-Steinhagen über die Hörsaal-Besetzung durch Klima-Aktivisten und die Konsequenzen daraus.

TU-Rektor Hans Müller-Steinhagen macht im SZ-Interview deutlich, wie sehr er sich über die Besetzung ärgert und erklärt, warum die TU so vorgegangen ist.
TU-Rektor Hans Müller-Steinhagen macht im SZ-Interview deutlich, wie sehr er sich über die Besetzung ärgert und erklärt, warum die TU so vorgegangen ist. © Sven Ellger

Herr Müller-Steinhagen, wie haben Sie reagiert, als sie von der geplanten Besetzung des Hörsaals erfahren haben?

Ich möchte erst einmal klarstellen, dass die Themen Nachhaltigkeit und Klimawandel bei uns einen hohen Stellenwert haben. Das zeigt sich in unseren Forschungs- und Lehraktivitäten, das ist eine Herzensangelegenheit für uns. Deshalb haben wir auch zugesagt, als uns Mitarbeiter und Studenten vor längerer Zeit angesprochen haben, ob sie in der Klimawoche entsprechende Lehrangebote und Workshops durchführen können. Was mich wirklich ärgert: Diese wunderbaren Aktivitäten wurden durch die Besetzung in den Hintergrund gerückt. Schade, da wurde dem Thema Klimaschutz ein echter Bärendienst erwiesen.

Anzeige
Arbeitsschutz für Profis
Arbeitsschutz für Profis

Vom Handschuh bis zum Helm, von Atemschutz bis Berufsbekleidung: bei HOLDER in Dresden ist das Angebot riesig.

Sie wussten schon vorher, dass die Besetzung geplant ist. Warum haben Sie das nicht verhindert?

Weil wir ein offenes Haus, eine offene Universität sind und uns nicht verbarrikadieren. Deshalb haben wir den Vorlesungsbetrieb ganz normal fortgeführt. Es waren ja noch 2.000 bis 3.000 andere Studenten im Hörsaalzentrum. Wir konnten das ja nicht einfach abschließen.

Warum haben Sie die Besetzung dann trotzdem zunächst geduldet?

Wir waren im regen Austausch mit den Besetzern, haben schon in der Woche vorher Ersatzräume angeboten, dieses Angebot wurde wiederholt abgelehnt. Am ersten Tag der Besetzung, am Montag, waren wir schon 7.30 Uhr im Hörsaalzentrum und haben dort auch unsere Vorgehensweise mit der Polizei abgesprochen. Wir hatten immer noch die Hoffnung, dass, wenn man sich persönlich gegenübersteht und die Argumente noch einmal austauscht, wir noch eine einvernehmliche Lösung erzielen können. Durch lautes Trommeln haben sie dann den Vorlesungsbetrieb unmöglich gemacht. Wir haben zu diesem Zeitpunkt kurz überlegt, den Hörsaal räumen zu lassen, sind nach Abwägung aller Argumente und in Abstimmung mit der Polizei zu dem Schluss gekommen, das nicht zu tun.

Warum haben die Beamten Ihnen von der Räumung abgeraten?

Zum einen haben die Besetzer zwei Kleinkinder mitgebracht, zum anderen wollten wir vermeiden, dass sich ein Räumungsszenario auf das gesamte Hörsaalzentrum ausdehnt. Dort gibt es ja nicht nur das Audimax (der von den Klimaaktivisten besetzte Hörsaal, Anm. d. R.), sondern Hörsäle und Seminarräume für weitere 3.000 Studenten. Ich möchte an dieser Stelle der Polizei danken, die die ganze Zeit vor Ort war und uns mit Ruhe und Sachlichkeit unterstützt und beraten hat. Von ihr haben wir erfahren, dass eine Räumung des Hörsaalzentrums mindestens zwei bis drei Stunden gedauert hätte. Darüber hinaus standen an diesem Montag auch nicht genug Beamte zur Verfügung, da das Grüne Gewölbe ja am Morgen ausgeraubt wurde. Deshalb haben wir weiter auf Gespräche gesetzt. Ein Punkt war dabei nicht verhandelbar: Im Audimax darf nicht übernachtet werden. Wir wollten auf jeden Fall Personen- und Sachschaden verhindern und die Störung des Lehrbetriebs minimieren, das heißt, zumindest auf das Audimax beschränken. Natürlich wollten wir auch keine Medienberichte mit Aussagen wie „Kampftruppen der Polizei räumen Klimaaktivisten mit Gewalt aus dem Hörsaal“. Wir sind eine Universität und kein Kriegsschauplatz.

Wie viele Vorlesungen sind aufgrund der Besetzung wirklich ausgefallen?

Wir haben alle Vorlesungen, bei denen es möglich war, in andere Räume verlegt. Wirklich ausgefallen sind weniger als zehn Veranstaltungen. Wir haben die betroffenen Dozenten gebeten, sicherzustellen, dass der ausgefallene Stoff nicht prüfungsrelevant ist oder nachgeholt werden kann.

Warum musste die Polizei am Donnerstag doch eingreifen und sogar einen Mann aus dem Hörsaalzentrum tragen?

Wir haben an diesem Tag das Audimax nach Rücksprache mit der Polizei gar nicht erst aufgeschlossen, weil auf einer Internetseite anderer Aktivisten Schlafplätze im Audimax angeboten worden waren. Außerdem gab es schon an den Tagen vorher die Ankündigung der Aktivisten, einen Besetzungsrekord aufzustellen. Das waren nicht mehr die Umfeldbedingungen, die wir auf unabsehbare Zeit tolerieren konnten. Natürlich gab es Diskussionen mit den Besetzern, als der Hörsaal zublieb. Als wir von unserem Hausrecht Gebrauch machten und die Polizei die Gruppe aufforderte, das Hörsaalzentrum zu verlassen, weigerte sich nur ein einzelner Mann, der seine Personalien nicht preisgeben wollte und schließlich hinausgetragen werden musste. Bereits am Montag zuvor hatte die Polizei gegen 21 Uhr zwei Personen aus dem Audimax getragen, weil sie nicht freiwillig gehen wollten und sich durch Klettern an den schmalen und leichten Schallschutzelementen selbst massiv in Gefahr brachten. Gegen diese drei Personen, die Hausverbot erhielten, erstatten wir Anzeige wegen mehrfachen Hausfriedensbruchs.

Wie wird die TU mit derartigen Aktionen in Zukunft umgehen?

Wir haben ja schon vorher von der geplanten Besetzung erfahren, wir haben uns fast die ganze Woche davor mit dem Thema befasst, haben mit der Polizei gesprochen und im Krisenstab überlegt, wie wir damit umgehen. Es hat uns nicht unvorbereitet getroffen. Im Nachhinein glaube ich, dass unsere Vorgehensweise richtig war, denn es gibt keinerlei Schäden in den Räumen, niemand wurde verletzt. Natürlich muss im Einzelfall aber immer neu entschieden werden. Wir werden das jetzt erst einmal aufarbeiten und uns verschiedene Szenarien überlegen. Außerdem habe ich die Bitte an die Bundeshochschulrektorenkonferenz geäußert, dass eine Handreichung für alle Universitäten zum Umgang mit solchen Vorfällen erarbeitet wird. Aber ich glaube, es gibt kein Standardrezept.

Welche Reaktionen gab es auf die Besetzung und Ihr Vorgehen?

Selbstverständlich ist das Echo auf so etwas immer gemischt. Zu Recht haben sich Studenten irritiert gezeigt, dass ihre Vorlesungen ausfallen. Es gab eine Petition (in der die Räumung und die sofortige Aufnahme des Lehrbetriebs gefordert wurden, Anm. d. R.), und ich habe diesen Studenten in einem persönlichen Gespräch erklärt, warum wir so vorgehen und eben nicht räumen. Wenn man sich das gesamte Feedback anschaut, halten sich Lob über die besonnene Vorgehensweise und Bedenken darüber, dass wir nicht sofort geräumt und den vollen Vorlesungsbetrieb am Montag durchgesetzt haben, die Waage. Kritik daran, dass wir das Audimax zu lange dem „Streikcafé“ überlassen hätten, gab es auch von außerhalb der Universität aus der Politik und auch von Privatpersonen.

Hat der Ruf der TU Dresden durch diese Aktion gelitten?

Ich kann ganz klar sagen, dass bei anderen Rektoren, die ich kenne und gesprochen habe, der Ruf der TU eher gewonnen hat. Wir bekommen große Komplimente, wie professionell und vorbildlich wir mit dieser schwierigen Situation umgegangen sind. Dass hier einige Menschen versucht haben, ihre Ziele durch die Besetzung zu erreichen, auch darunter leidet unser Ruf nicht.

Wie stehen Sie persönlich zu Protestformen wie Hausbesetzungen?

Generell finde ich diese Form des Protestes völlig unakzeptabel. Sie war aus meiner Sicht teils in unserem Fall auch nur darauf angelegt, schlimme Bilder in den Medien zu provozieren. Außerdem waren die Angebote der Besetzer an Workshops und Seminaren eher überschaubar, die Resonanz an der Universität ging gegen null. Im Audimax waren außer den Besetzern kaum weitere Studenten der TU zu sehen. Der Zulauf wurde auch im Laufe der Woche nicht größer. Mehr als rund 120 Personen waren nie anwesend, manchmal 50, manchmal 30. Und ich möchte betonen, dass – anders als die Besetzer behaupten – kein Mitarbeiter der TU an der Aktion beteiligt war.

Rechnen Sie damit, dass Aktivisten solche Aktionen in Zukunft öfter nutzen, um Aufmerksamkeit zu bekommen?

Weiterführende Artikel

Dresden: Verfahren gegen TU-Besetzer eingestellt

Dresden: Verfahren gegen TU-Besetzer eingestellt

Drei Tage lang wurde das Audimax 2019 beim "Klimastreik" besetzt. Die Polizei trug Demonstranten heraus. Jetzt stand einer von ihnen vor Gericht - jedoch nur kurz.

Dresdner kritisieren TU-Besetzung

Dresdner kritisieren TU-Besetzung

Die Hörsaal-Blockierer mussten am Donnerstag plötzlich das Uni-Gebäude verlassen. Viele Dresdner befürworten das, sogar unter den Studenten.

TU Dresden: Polizei trägt Aktivisten weg

TU Dresden: Polizei trägt Aktivisten weg

Seit Montag besetzen Klima-Aktivisten einen Hörsaal der TU Dresden, die Uni duldete das. Am Donnerstag setzte sie ihr Hausrecht plötzlich durch. Warum?

Ich glaube nicht, dass so etwas öfter passieren wird. Das gab es auch in der Vergangenheit an der TU äußerst selten. Die Tatsache, dass es an der Universität keine Resonanz auf die Aktion gab und sich viele Studenten wirklich darüber geärgert haben, im Übrigen auch über die radikalen Forderungen der Besetzer, spricht für sich. Wir werden generell keine Besetzungen dulden.

Das Gespräch führte Nora Domschke.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach. 

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier. 

Mehr zum Thema Dresden