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„Wir sind für die Seele da“

Sie begleitet Sterbende auf ihrem letzten Weg: Jacqueline Gebhard leitet den ambulanten Hospizdienst der Johanniter.

© Karl-Ludwig Oberthür

Frau Gebhard, ein Hospiz ist eine Einrichtung zur Sterbebegleitung, eine Art Herberge für sterbenskranke Menschen. Ihr Hospizdienst hingegen ist ambulant, also nicht an ein Haus gebunden. Was bieten Sie an?

Wir betreuen sterbenskranke Menschen zu Hause, in Pflegeheimen oder Krankenhäusern und wollen dort zudem eine Stütze für die Angehörigen sein. Das ist der Unterschied zum stationären Hospiz, von denen es auch einfach zu wenige gibt. Davon abgesehen, ist es oft der größte Wunsch vieler Patienten, dass sie bis zum Schluss in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können. Dabei geht es um Lebensqualität und Individualität, denn eine Heilung ist nicht mehr möglich. Dem tragen wir mit unserem ambulanten Dienst Rechnung.

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Wer bittet um ihre Hilfe?

Wir werden von Angehörigen informiert, von Ärzten, dem Pflegedienst oder dem Sozialdienst der Krankenhäuser, wobei die Patienten natürlich damit einverstanden sein müssen. In Freital, wo ich auch wohne, arbeiten wir zum Beispiel mit der onkologischen Praxis von Klaus-Ulrich Däßler zusammen. Vieles läuft über persönliche Kontakte. Da ist es natürlich von Vorteil, dass ich sowohl die Problematik als auch die Region aus eigener Erfahrung sehr gut kenne.

Arbeiten Sie schon lange beim ambulanten Hospizdienst?

Nein, erst seit September vergangenen Jahres, als ich die Leitung übernommen habe. Davor aber war ich sechzehn Jahre lang als ambulanter Pflegedienst für die Freitaler Firma Kögler in der Region unterwegs. Ich habe zudem eine Palliativ-Ausbildung für die Betreuung und medizinische Versorgung Sterbenskranker. So habe ich einen geschulten Blick auf die Thematik, kann den Betroffenen aber auch in ganz praktischen Fragen helfen. Viele Angehörige sind oft mit den Dingen, um die sie sich plötzlich kümmern müssen, überfordert.

Wo ist der ambulante Hospizdienst der Johanniter tätig?

Die Johanniter haben ihren Sitz in Dohna, dort ist mein Büro. Einen Anlaufpunkt gibt es zudem in der Katholischen Kirche in Freital, wobei unser Angebot nicht konfessionsgebunden ist. Unseren Hospizdienst, den es seit über zehn Jahren gibt, bieten wir vor allem im Bereich Dohna, Heidenau, Freital und dem Osterzgebirge an. Auch in Pirna, dort aber stimmen wir uns mit den Maltesern ab, die ebenfalls einen ambulanten Hospizdienst haben.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie?

Meine Kollegin Martina Crämer-Nann und ich sind die beiden Hauptamtlichen im Hospizdienst. Wir sind für die Koordinierung zuständig, für Schulungen, Vernetzungen und die Öffentlichkeitsarbeit. Wir führen die Erstgespräche mit den Patienten. Die Sterbebegleitung selbst übernehmen derzeit 39 Ehrenamtliche.

Können Sie damit den Bedarf decken?

Wir würden uns über mehr Ehrenamtliche freuen, und bieten dafür Schulungen an. Eine beginnt in dieser Woche in Freital.

Was vermitteln Sie in der Schulung?

Die Schulung beginnt mit einem theoretischen Teil, der 80 Stunden umfasst, dem sich ein praktischer mit 20 Stunden anschließt. Wir geben den Interessenten einen Einblick in das Thema, sprechen über kommunikative Techniken und über das Verstehen von Signalen, die von den Sterbenden gesendet werden. Der praktische Teil findet zum Beispiel auf der Palliativstation des Klinikums in Pirna statt, wobei wir keine pflegerischen Aufgaben übernehmen. Wir kümmern uns im weitesten Sinne um die Seele, gehen mit den Patienten spazieren, führen mit ihnen Gespräche oder lesen ihnen vor. Wir helfen, letzte Wünsche zu erfüllen und letzte Dinge zu regeln und geben den Angehörigen Freiräume, damit sie auftanken können.

Was sind das für Menschen, die so ein Amt übernehmen?

Oft sind es Männer und Frauen, die schon selbst in der Familie mit diesem Thema zu tun hatten, so wie ich. Manche sind noch jung und berufstätig, andere bereits Rentner, die Altersspanne reicht von Anfang vierzig bis Mitte siebzig. Es ist sicher nicht jedermanns Sache, der zeitliche Aufwand ist erheblich, und Geld gibt es dafür keins.

Wer bezahlt den Hospizdienst?

Für die Patienten ist alles kostenfrei. Es bedarf einfach nur eines Anrufes und wir sind zeitnah da. Unsere Kosten, also die der Johanniter für die hauptamtlichen Mitarbeiter, übernehmen die Krankenkassen, das können wir abrechnen. Die permanente Begleitung hingegen nicht, die haben wir deshalb ehrenamtlich organisiert.

Wie viele Menschen begleiten Sie und die Ehrenamtlichen gerade auf dem letzten Lebensweg?

Aktuell haben wir zwanzig Begleitungen.

Wie hoch ist der Zeitaufwand?

In der Regel sind wir einmal in der Woche beim Patienten, es kann je nach Bedarf auch öfter sein. Im vergangenen Jahr hatten wir über 500 Hausbesuche. Die Zeiträume der Begleitung sind sehr unterschiedlich. Bei manchen Patienten kommen wir gar nicht erst zum Einsatz, weil sie vorher gestorben sind, andere begleiten wir über Wochen, Monate oder sogar Jahre. Unsere Ehrenamtlichen, die oft Teil der Familie werden, sind bis zum Ende da und noch darüber hinaus für die Angehörigen, sofern diese das wünschen.

In unserer Gesellschaft wird nicht sehr offen über den Tod gesprochen. Viele Angehörige kommen damit mental nicht zurecht und ziehen sich von den Sterbenden zurück. Will der Hospizdienst diese Lücke füllen?

Nein, das wollen wir auf gar keinen Fall, im Gegenteil. Wir ermutigen die Angehörigen, ihre Verwandten bis zum Schluss zu begleiten. Der Tod gehört zum Leben dazu, damit sollten wir offen umgehen. Es ist leichter, Abschied zu nehmen, wenn man bis zum Ende dabei ist, eine letzte Berührung mit dem geliebten Menschen hatte. So kann man besser mit der Trauer umgehen. Das ist auch meine ganz persönliche Erfahrung, die ich beim Tod meiner Eltern hatte. Beim Vater war ich dabei, bei der Mutter nicht, was ich sehr bedaure.

Das Gespräch führte Thomas Morgenroth.

Am 8. Februar, 18 Uhr, beginnt im katholischen Pfarramt in Freital, Johannisstraße 2, eine Schulung für ehrenamtliche Sterbebegleiter; Anmeldungen bei Jacqueline Gebhard, 1 0351 2091423, 0157 53595942 oder unter [email protected]

Sie wollen noch besser informiert sein? Schauen Sie doch mal auf www.sächsische.de/freital und www.sächsische.de/dippoldiswalde vorbei.

Für Informationen zwischendurch aufs Handy können Sie sich unter www.szlink.de/whatsapp-regio anmelden.