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"Wir sind grandios gescheitert"

Der gebürtige Leipziger Thomas Senf organisiert eine Zeitreise am Mont Blanc. Es wird ein Kampf mit alter Ausrüstung – und gegen die Kälte.

Die Bergsteiger bei ihrem Abenteuer am höchsten Berg der Alpen.
Die Bergsteiger bei ihrem Abenteuer am höchsten Berg der Alpen. © Thomas Senf

Zeitreisen sind beschwerlich. Diese Erfahrung machten am Mont Blanc nun auch Bergsteigerprofis. Sie wagten sich mit der damaligen Ausrüstung auf die Spuren der Winter-Erstbesteigerin des höchsten Berges der Alpen. Im Januar 1876 hatte sich die Britin Isabella Straton als erste Frau im Winter auf den 4.810 Meter hohen Gipfel gekämpft. Knapp 150 Jahre später organisierte und filmte der Ex-Leipziger Thomas Senf, der in Dresden an der TU studierte und inzwischen als namhafter Bergfotograf und Extremkletterer im Schweizer Interlaken lebt, ein Nachspiel der alpinen Sternstunde.

Die Rolle der wagemutigen Britin übernahm Eiskletter-Exweltmeisterin Ines Papert, die in Bad Düben aufwuchs. Ihre drei Begleiter waren Bergführer und alpine Experten. Wie das Experiment ausging, war beim Dresdner Bergsichten-Filmfestival zur Premiere des 18-Minuten-Filmes „Isabella – Fieldnotes vom Mont Blanc“ zu sehen und bekam viel Beifall.

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Ein Buch hatte den Anstoß zur ungewöhnlichen Zeitreise gegeben. Zufällig war Senf auf die Geschichte der abenteuerlustigen Britin gestoßen. Er quälte sich durch den Text in französischer Sprache und war zunehmend fasziniert von der Persönlichkeit der Isabella Straton und darüber, was sie einst am Berg geleistet hatte.

Hauptdarstellerin macht gern mit

wuchs eine Filmidee. Er wollte veranschaulichen, „wie sich vor anderthalb Jahrhunderten eine Winterbesteigung angefühlt haben muss“, sagt der 38-Jährige im Interview mit der SZ. Für ihn war es nicht damit getan, über die heutige moderne Ausrüstung alte Jacken zu ziehen. Es sollte komplett in damaligen Sachen zum Gipfel gehen. Sonst hätte er sich „wie in einem schlechten Spielfilm gefühlt“.

Papert musste nicht lange überredet werden. „Sie ist begeisterungsfähig“, weiß Senf von vielen Extremtouren, bei denen er die Weltklassekletterin in der Vertikalen fotografiert und gefilmt hatte. „Aber sie war sich nicht bewusst, auf welches Abenteuer sie sich bei der Zeitreise einließ“, fügt er leise lachend hinzu. „Alle waren am Ende überrascht, dass es so anspruchsvoll wurde. Du konntest ja nicht mal schnell einen Reißverschluss auf- oder zumachen.“ Die gab es vor 150 Jahren noch nicht.

Im langen Rock stapfte Papert mit den drei Begleitern in Knickerbockern los. Sie wirkten im heutigen Chamonix wie ein skurriles Kostüm-Quartett. Mit den Schneeschuhen aus Holz und Hanfschnüren sowie dem langen Stock geriet jede Hangquerung zum schwierigen Akt. „Der Stock war eher symbolisch dabei“, erzählt Senf. „Da gab es unten keine Tellerchen. So versank der Stock im Schnee und im Nichts, war eher nutzlos, wurde nur mitgeschleppt.“

Thomas Senf studierte in Dresden an der TU und lebt inzwischen als namhafter Bergfotograf und Extremkletterer im Schweizer Interlaken.
Thomas Senf studierte in Dresden an der TU und lebt inzwischen als namhafter Bergfotograf und Extremkletterer im Schweizer Interlaken. © Thomas Senf

Die erfahrenen Bergsteiger hatten am Tag vor dem Start noch gewitzelt, was sie denn wohl am Nachmittag des ersten Tages auf der Hüte so treiben sollen. „Dann kamen wir aber gerade noch so im Hellen an“, berichtet der Bergfilmer. „Eigentlich waren wir ständig mit unserer Ausrüstung beschäftigt.“ Das begann bei den Gamaschen, die verhindern sollen, dass Schnee in die Schuhe dringt. Der Unterschenkelschutz bestand aus Baumwollbinden. „Da mussten alle erst mal herausfinden, wie die gewickelt werden, damit sie auch halten“, schildert Senf, der beim Aufstieg zunehmend seine aktuelle Hightech-Ausrüstung und die Beobachter- wie Chronistenrolle in der Komfortzone genoss.

Die vier auf historisch getrimmten Kletterer hatten alles an, was sie brauchten. In die Rucksäcke ließ sich nichts mehr stopfen. Dann riss auch noch ein Rucksackriemen, und ein Schneeschuh brach. „Das waren alles nur kleine Sachen“, sagt Senf. „Aber niemand hatte ja eine Ahnung, wie man das Problem schnell löst. Das Improvisieren kostete viel Zeit.“

Nach einer Hüttennacht sollte es zum Gipfel gehen. „Einer der Begleiter hatte so kalte Füße, dass er große Angst vor Erfrierungen bekam. Der Weg zum Gipfel und zurück hätte sich noch vier, fünf Stunden hingezogen. Ines hatte eher das Gefühl, dass es noch klappen könnte, doch auch ihre Schuhe waren nicht optimal“, sagt Senf.

Es geht fast nur noch ums Material

Die alten Ledertreter waren über Nacht zwar getrocknet, „aber praktisch eine Nummer kleiner geworden“, so Senf. „Das ist irgendwie logisch, aber wenn man keine Ahnung mehr hat von den historischen Utensilien, dann wirst du überrascht. Es ging nicht mehr ums Bergsteigen, sondern fast ausschließlich nur noch ums Material.“ Auf etwa 4.000 Metern Höhe gaben die vier ihr Vorhaben auf und kehrten um.

„Wir sind grandios gescheitert“, gesteht Senf. Alle bekamen eine Ahnung davon, wie sich das vor 150 Jahren angefühlt haben muss. „Respekt vor der Leistung der Isabella Straton“, klingt es nun ehrfurchtsvoll. „Sie wussten zwar damals, wie man mit der Ausrüstung umgehen musste. Sie hatten ja nichts anderes. Aber kalte Füße und Hände bekamen sie damals auch. Dann rieben sie wohl eine halbe Stunde die Hände, bis wieder etwas Gefühl da war. Dann ging es weiter.“

Senf zieht die Parallelen zur Gegenwart: „Heute ist niemand mehr bereit, sich für den Normalweg auf den Mont Blanc die Zehen abfrieren zu lassen. Das war damals anders. Sie haben es in Kauf genommen. Wir hatten es zudem in anderer Hinsicht leichter, kannten die Route, den Wetterbericht.“ Der museale Besteigungsversuch mutete nicht nur den Akteuren viel zu. Auch die alte Ausrüstung litt.

Am Ende ist das gescheiterte Nachspiel der Erstbegehung eine Hommage an Straton. Senf schwärmt über eine außergewöhnliche Frau, die nicht nur am Berg Erstaunliches geleistet hat. „Früher durften Frauen nur auf die hohen Berge, wenn ein verwandter Mann an ihrer Seite war wie ihr Gatte, Bruder oder Vater“, weiß er. „Sie war wohl die Erste, die mit wildfremden Männern losgezogen ist. Das war gegen alle Konventionen, die es damals gab. Sie hatte sich zudem für das Frauenwahlrecht starkgemacht. Sie war eine echte Vorreiterin.“

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Bei den Bergsichten gab es 2018 bereits eine Zeitreise mit kletternden Frauen. Da hatte die Dresdner Filmemacherin und Bergsteigerin Bettina Wobst in ihrem Streifen „Wilde Gesellinnen – Frauen im sächsischen Fels“ frühe Klettertouren von Frauen im Elbsandstein nachgespielt. Senf hatte sich von diesem Projekt nicht anregen lassen. Er kennt den Wobst-Film noch nicht.

In die Sächsische Schweiz zieht es ihn aber künftig auch wieder. Im Hinterkopf hat er ein Film-Lebensprojekt über Traditionen, Kühnheit und Schönheit des Kletterns in der bizarren Felsenwelt. Eine Zeitreise könnte auch da hinpassen.