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Sachsen

Wir waren Berliner, nun sind wir Lausitzer - und glücklich

Aus Berlin zogen Arielle Kohlschmidt und Jan Hufenbach vor zehn Jahren in die Oberlausitz. Jetzt beraten sie Menschen, die es wie sie aus den Städten in die Natur zieht.

Arielle Kohlschmidt und Jan Hufenbach in Klein Priebus. Immer häufiger melden sich großstadtmüde Menschen bei ihnen, die Sehnsucht nach Natur und Ruhe haben.
Arielle Kohlschmidt und Jan Hufenbach in Klein Priebus. Immer häufiger melden sich großstadtmüde Menschen bei ihnen, die Sehnsucht nach Natur und Ruhe haben. © Ronald Bonß

Das Ende der Welt liegt in Klein Priebus. Wenn Arielle Kohlschmidt und Jan Hufenbach das Gartentor öffnen, trennt nur ein schwarz asphaltierter Radweg ihr Grundstück vom schilfbewachsenen Ufer der Neiße. Auf ihrer Seite stehen deutsche Grenzpfähle in schwarz-rot-gelb, gegenüber vom Fluss leuchten die Betonpfosten in rot-weiß. Seit zehn Jahren leben die beiden in diesem letzten Zipfel zwischen Sachsen, Brandenburg und Polen. Sie haben den Großstadtdschungel gegen das Landleben getauscht. Trotzdem sind sie keine Aussteiger. Sie sind Pioniere. Raumpioniere heißt ihr Projekt.

Während es immer mehr Menschen in die Großstadt zieht, ebnen die Oberlausitzer Neulandsucher den Weg in die Gegenrichtung. Sie beraten Menschen, die abseits der Metropolen eine Alternative suchen: günstige Grundstücke, ein bisschen Abenteuer und viel Platz für neue Ideen. Der Zeitpunkt dafür scheint günstiger denn je. In den großen Städten gibt es Demonstrationen gegen zu hohe Mieten. Kreative werden aus den Stadtzentren gedrängt oder fliehen aus dem Moloch des „zu viel, zu laut, zu alles“. Gleichzeitig erlaubt die Technik den neuen Ruhesuchern größere Unabhängigkeit. Digitale Nomaden können in Kalifornien, Kopenhagen oder eben Klein Priebus arbeiten.

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Corona ist bedrohlich. Für die Gesundheit, aber auch für Händler und Gewerbetreibende vor Ort. Hier können Sie helfen – und haben selbst etwas davon.

Das kleine Dorf mit knapp 100 Einwohnern umgibt an diesem Morgen eine fast schon unerträgliche Stille. Die Bundesstraße ist weit weg. Den Weg in die Idylle säumen weite Kiefernwälder. Die Bäume darin stehen in Reih und Glied, als würden sie unter dem Befehl des Kommandanten vom nahe gelegenen Truppenübungsplatz stehen. Zu ihren Füßen wächst hellgrünes Blaubeergestrüpp. Die Orte links und rechts der Straße heißen Neusorge, Ungunst oder Podrosche. Große Warnschilder machen auf erhöhten Wildwechsel aufmerksam. „Erst neulich ist mir ein Hirschrudel begegnet“, sagt Jan Hufenbach und schließt das Gartentor.

Arielle Kohlschmidt stopft die Hände in dicke Handschuhe. Die vorbeieilende Radfahrerin auf dem Neiße-Radweg grüßen die zwei Spaziergänger mit „Hallo“. „Arielle ist nur mit einem Rad nach Klein Priebus gezogen – und als die Herren aus Berlin zu Besuch kamen, ist sie 30 Kilometer nach Rothenburg gestrampelt, um für uns einzukaufen“, sagt der 57-Jährige lachend. Er redet vom Herbst 2009. Kurz zuvor hat ihn ein Freund zu einer Filmvorführung in ein Berliner Off-Kino in der Kastanienallee überredet. Die Filmemacherin kennt er nicht. Sie heißt Arielle Kohlschmidt.

Erholsam und schön zu jeder Jahreszeit: Von Klein Priebus aus blickt man über die Neiße nach Lipna in Polen.
Erholsam und schön zu jeder Jahreszeit: Von Klein Priebus aus blickt man über die Neiße nach Lipna in Polen. © Rolf Ullmann

Acht Zuschauer sitzen mit der Regisseurin im Saal, die sich damals bereits von Berlin verabschiedet hat. Mit 14 Jahren verliebt sich die gebürtige Cottbuserin in die Großstadt der Möglichkeiten. „Berlin ist wie ein starker Magnet. Da kommt man nur schwer heraus. Ich habe mich damals so frei gefühlt“, sagt sie. Nach dem Abitur beginnt sie an ihrem Lieblingsort ein Psychologiestudium. Doch statt Vorlesungen und Seminare zu belegen, textet sie lieber für die Kika-Sendung „Bernd, das Brot“. „Meine Mutter war Puppenspielerin, da kannte ich mich ein bisschen aus“, sagt die 42-Jährige. Sie genießt alle Freiheiten der Großstadt, aber merkt allmählich, dass ihr das geliebte Berlin zu eng wird.

Langsam nimmt ihre Idee von einem entschleunigten Leben auf dem Land Fahrt auf. Ihr erster Versuch in einem Mini-Dorf der Prignitz endet in Einsamkeit und der Flucht zurück in die Großstadt. Eine Anzeige über eine Zwangsversteigerung macht sie auf das Haus in Klein Priebus aufmerksam. 10 000 Euro soll das Anwesen kosten. In den Altbau kann man sofort einziehen. Die Gegend kennt sie von früher, als es sonntags mit den Eltern in den Pückler-Park nach Bad Muskau ging, von einem Filmdreh in den Königshainer Bergen und durch einen Auftrag für eine Ausstellung für die Pückler-Stiftung.

Arielle Kohlschmidt und Jan Hufenbach grüßen den vorbeilaufenden Landwirt, der nach seinen Galloways schaut. „Zuerst habe ich hier wie eine Außerirdische gewirkt. Ich habe keinen Rasen gemäht, bin nachts spazieren gegangen“, sagt die Neu-Oberlausitzerin. Die Dorfbewohner aber freuen sich über den Neuankömmling. Eine Nachbarin bringt am dritten Tag einen selbst gebackenen Kuchen vorbei. Denn seit der Wende verlassen mehr Menschen die Region als kommen. Jahrelang haben vor allem die jungen Oberlausitzer ihrer Heimat den Rücken gekehrt.

Aus den Statistiken zitiert Jan Hufenbach gern. „In den kommenden Jahren stehen uns hier Schrumpfungen im Mittel von 20 Prozent bevor, entlegene, ländliche Peripherien sollen sogar 30 Prozent ihrer Bevölkerung verlieren“, sagt er. Schon jetzt gebe es in der Lausitz Orte, wo auf einen 25-Jährigen zehn 65-Jährige kommen. Einsamkeit sei da an der Tagesordnung. Am demografischen Wandel würden Medizin und Versorgung hängen. Wenn der Neu-Klein Priebuser spricht, klingt es nach Norden. Jan Hufenbach ist in Flensburg geboren, in Hannover lernte er Einzelhandelskaufmann. Die Geschäftsführung einer Boutique auf Sylt gibt er für einen Job beim Radiosender FFN auf.

Nach der Wende wechselt der Selfmademan von Braunschweig nach Magdeburg hinter das Mikrofon, macht sich selbstständig mit einer Agentur für Kommunikation und Krisenmanagement und berät die Sicherheitsbranche. Auch er merkt, dass ihm seine Seele verloren geht. Nach einer Auszeit lässt er sich in Berlin zum Sounddesigner ausbilden. Er überlegt, seine Zelte in der Großstadt abzubrechen. Beim Filmabend im Off-Kino ahnt er nichts von seinem nächsten Abenteuer. Der Weg an der Neiße endet auf einer grünen Wiese. „Wollen wir noch weitergehen oder umkehren“, fragt Arielle Kohlschmidt und macht ausladende Schritte über die Weide, wo sonst auch Galloway-Rinder stehen.

In ihrem ersten Klein Priebuser Jahr drehen die Neuen im Dorf einen Film über das Treckertreffen, im zweiten Jahr kündigt sich schon der Nachwuchs an. Jasper ist inzwischen sieben Jahre. Einen Spätkauf braucht es nicht mehr, die Nachbarn haben ja Hühner. Und wenn das Auto kaputt ist, genügt ein Anruf beim Schrauber, der sogar sonntags vorbeikommt. „Wenn du was rein gibst, kommt etwas zurück“, ist sich Arielle Kohlschmidt sicher. Mit ihrem Mann hat sie die Kreativagentur Blendwerck gegründet. Nebenbei ließ sie sich zur Yogalehrerin ausbilden, weil sich kein Kurs für sie fand. An diesem Abend ist die Landlustige beim Yoga mit Mitarbeitern einer Steuerkanzlei.

Auch das ist eine Erkenntnis vom Abenteuer Landleben. „Mache einfach. Hier ist genügend Raum und Platz für Ideen – ganz anders als in der Großstadt“, sagt Arielle Kohlschmidt. Dabei begegnen Macher Machern, Raumpioniere laufen bei ihren Projekten Raumpionieren über den Weg. Unter ihnen sind Zuzügler wie Rückkehrer. Um die Landentdecker sichtbar zu machen, gründeten die Kommunikationsprofis ihr Netzwerk. Zu ihm gehören Designer, Gastronomen, Eventmanager, Landwirte oder Musikarchäologen. Sie bringen alle Erfahrungen aus großen Metropolen mit.

In der Oberlausitz sind jene Neulandmacher Trendsetter gegen den Trend – und Wegbereiter für weitere Großstadtmüde, so wie Kahina Chebbouk und Sven Rooch. Die 36-Jährige ist Ur-Berlinerin, der 31-Jährige ist Wahl-Berliner. Seine ursprüngliche Heimat kurz vor Dresdens Toren liegt nur eine gute Autostunde von Klein Priebus entfernt. Das Paar erwartet gerade sein erstes Kind. Ihr Bauchgefühl sagt ihnen schon länger, dass sie der Großstadt den Rücken kehren wollen, wo man sich „im Haus schon freut, wenn der Nachbar einen grüßt“, sagt Kahina Chebbouk. Durch Zufall sind sie auf die Internetseite der Oberlausitzer Raumpionierstation gekommen.

Die Physiotherapeutin und der Berufsfeuerwehrmann machen es sich an einem Sonntag auf der Couch im Wohnzimmer von Arielle Kohlschmidt und Jan Hufenbach bequem. Auf dem Tisch treffen Großstadtkuchen vom Bäcker, der sonntags geöffnet hat, auf selbst gebackene Apfeltarte. Der Kamin strahlt angenehme Wärme aus. Die Großstadtflüchter haben unzählige Fragen. „Wie lange hat es gedauert, bis ihr euch heimisch fühltet? Kommen euch Freunde besuchen? Wie sieht es mit Einkaufen, ÖPNV und Wohnprojekten für Gleichgesinnte aus?“ Schnell wird klar: Schöne Natur, Freiräume und günstige Häuser sind nicht alles.

Der Schritt, aus der Stadt wegzugehen, erfordert Mut. Die Raumpioniere kennen diese Ängste. „Wir verstehen die Städter und langsam die Oberlausitzer. Das ist unsere Brücke. Unsere Geschichte erzählen wir immer aus subjektiver Sicht, anders als die Verwaltungen oder Politiker“, sagt Jan Hufenbach. Immer häufiger melden sich landlustige Ausflügler bei ihnen zum Reden an. Aufgrund der immer stärkeren Nachfrage haben sie im vergangenen Jahr zum ersten Mal eine „Landebahn für Landlustige“ organisiert. 150 Leute kamen, vor allem aus Berlin und Dresden, mit Kind und Kegel, der „Querschnitt der Gesellschaft zwischen bunten Dreadlocks und Anzugmann“. In diesem Jahr laden die Raumpioniere im September nach Görlitz ein, 2020 geht’s nach Bad Muskau. Kahina Chebbouk und Sven Rooch beenden ihre Sonntagslandpartie nach einem Spaziergang an der Neiße.

Von diesem Ende der Welt fahren Arielle Kohlschmidt und Jan Hufenbach auch an andere Enden der Welt – für Beratungen. Anfragen kommen aus Sachsen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern. Die dortigen Macher wollen lernen, wie sie das Landleben gemeistert haben. Ihr Traum ist, dass sich vielerorts Raumpionierstationen gründen und ihr Netzwerk in der Oberlausitz wächst. Ein weiteres Projekt nimmt bereits Fahrt auf. Mit „Guck mal Zukunft“ wollen sie wie einst der Landkinovorführer mit Filmen über die Dörfer ziehen. Bei diesen Kinoabenden geht es ihnen vor allem darum, dass sich Einheimische und Zugezogene im Dorf wieder treffen. Mit ihrem Raumpioniermobil, einem umgebauten Opel Blitz, Baujahr 1962, wollen sie Landneugierige durch die Lausitz schippern.

Zurück nach Hause gehen die Regionalentwickler durch Klein Priebus, vorbei am Feuerwehr-Neubau aus EU-Geldern, einem Pflegeheim und dem Radler-Freisitz vom Neiße-Treff, der auf wärmere Tage und Gäste wartet. „Die Vereine brechen weg, die Feuerwehren haben Nachwuchsprobleme. Was setzen wir dagegen?“, fragt Jan Hufenbach. Mit den Statistiken wollen er und Arielle Kohlschmidt sich nicht zufriedengeben. Ideen haben sie genug, ausreichend Platz steht ihnen zur Verfügung. Für neue Abenteurer mit Weltsicht und Landverständnis werden die Raumpioniere weiter sorgen. Denn ihre Mission am Ende der Welt ist noch lange nicht beendet.