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„Wir werden als Motorradfahrer diskriminiert“

Der Bundesrat fordert strengere Lärmobergrenzen und Fahrverbote an Sonn- und Feiertagen. Ein gebürtiger Magdeburger protestiert per Petition.

Die erste Motorraddemo gegen die Pläne hat es vergangenes Wochenende in Dresden gegeben. Eine weitere ist für den 4. Juli geplant.
Die erste Motorraddemo gegen die Pläne hat es vergangenes Wochenende in Dresden gegeben. Eine weitere ist für den 4. Juli geplant. © Tino Plunert

Bundesrat gegen Biker: Die Länderkammer hat am 15. Mai eine Entschließung mit womöglich weitreichenden Folgen für Motorradfahrer verabschiedet. Unter anderem werden strenge Lärmobergrenzen für neue Modelle, härtere Strafen für illegales Tuning und Fahrverbote an Sonn- und Feiertagen gefordert. Dagegen formiert sich Widerstand: Eine am 28. Mai gestartete Online-Petition hat bereits 175.000 Unterzeichner. Am 4. Juli soll es Sternfahrten und Demos in mehreren deutschen Städten, eine auch in Dresden, geben. Die Sächsische Zeitung sprach mit Heiko Schmidt, dem Initiator der Petition.

Herr Schmidt, was war der Auslöser für Sie, eine Petition zu starten?

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Letztlich die Drohung, es könnten Fahrverbote für Motorräder an Sonn- und Feiertagen kommen.

Solche Verbote gibt es doch aber schon.

Das stimmt. In Deutschland sind es meines Wissens derzeit 40 Vollsperrungen und fast 30 Sperrungen an Wochenenden. Dafür gibt es aber gewisse Grundlagen. Zunächst müssen Lärmmessungen und Unfallrisikobeurteilungen gemacht beziehungsweise Tempolimits eingeführt werden. Ich habe mir den Bundesratsbeschluss 125/20 genauer durchgelesen und bin über eine Stelle gestolpert. Da steht sinngemäß, die Handhabe der Länder, Sperrungen einzuführen, sollte erleichtert werden. Ich sehe hier zum einen die Gefahr, dass Kommunen künftig schon bei vereinzelten Anwohnerbeschwerden zu solch drastischen Maßnahmen greifen. Zum anderen befürchte ich, dass irgendwann ein generelles, bundesweites Fahrverbot an Sonn- und Feiertagen eingeführt wird. Das war der Punkt, an dem ich gesagt habe: Wir müssen wach werden und zeigen, dass wir da sind. Letztlich werden wir als Motorradfahrer diskriminiert.

Das Echo ist groß. Ihre Petition haben bisher rund 175.000 Gleichgesinnte unterzeichnet.

Es gibt aber knapp 4,5 Millionen gemeldete Motorräder in Deutschland. Wo sind all die Motorradfahrer, die das auch noch betrifft?

Was ist mit den Unbelehrbaren, die weiterhin laut sein wollen?

Ich schätze den Anteil der „schwarzen Schafe“ auf zwei bis fünf Prozent. Diese kleine Gruppe macht den Ruf aller Motorradfahrer kaputt.

Die bekommt man auch nicht durch Interessengruppen, Vereine und Clubs eingefangen?

Nein, ich denke nicht. Hier ist die Polizei stärker gefragt. Wer ohne DB-Eater oder mit manipulierter Auspuffanlage rumfährt, hat eben Pech gehabt. Der muss seine Karre stehen lassen und sie mit dem Anhänger nach Hause holen.

Verstehen Sie den Ärger der Anwohner, die an reizvollen, kurvigen Strecken leben und an Wochenenden einfach nur ihre Ruhe haben möchten?

Ja. Es sind aber nicht nur Motorräder laut. Auch manche Sportwagen haben laute Auspuffanlagen.

In welchen Bundesländern gibt es jetzt schon viele Sperrungen?

Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern sind stark betroffen. Sachsen ist meines Wissens nur mit der Strecke bei Hohnstein in der Sächsischen Schweiz vertreten.

Heiko Schmidt ist gebürtiger Magdeburger und lebt seit vielen Jahren im Ruhrgebiet. In seiner Freizeit fährt der 44-Jährige mit seiner Honda CB 1000 R.
Heiko Schmidt ist gebürtiger Magdeburger und lebt seit vielen Jahren im Ruhrgebiet. In seiner Freizeit fährt der 44-Jährige mit seiner Honda CB 1000 R. © EdDort Fotos

Weiterhin zielt die Entschließung des Bundesrats darauf ab, Geräuschemissionen neuer Motorräder auf maximal 80 dB (A) zu begrenzen. Wie stehen Sie dazu?

Man muss hierzu wissen, dass ein neues Motorrad laut Zulassungsverordnung schon jetzt nur 77 dB (A) erreichen darf. Dieser Wert beruht auf bestimmten Testbedingungen. Laut Bundesrat sollen nun 80 dB (A) „in allen Betriebszuständen“ nicht überschritten werden. Nicht einmal bei Vollgasfahrt auf der Autobahn. Die Umsetzung dieser Forderung halte ich für technisch unmöglich.

Warum?

Wir reden ja nicht nur über Auspufflärm, sondern auch über Wind- und Abrollgeräusche, die aus kurzer Distanz sehr laut werden können. Beim Motorrad kommt erschwerend hinzu, dass man den Motor komplett einhausen müsste, um dessen Geräuschkulisse deutlich zu verringern. Dann hätten wir ein Auto auf zwei Rädern. Das ist sinnfrei und nicht umsetzbar. Es ist so, wie es ein Vertreter der Biker Union kürzlich sagte: Ein absolutes 80-Dezibel-Limit wäre das Ende des Verbrennungsmotors bei Motorrädern.

Kommen die Pläne überraschend?

Für mich nicht. Es ist absehbar, dass der Verkehr generell leiser werden muss. Aber warum man da nur Motorradfahrer in den Fokus nimmt, verstehe ich nicht. Vielerorts nimmt der Lärm zu. Immer mehr Lkws sind auf den Straßen unterwegs, im Frühling und Herbst machen Laubbläser Krach, alte Benzinrasenmäher röhren mit 100 Dezibel und mehr. Auch ich bin dafür, dass die Welt wieder ein Stück leiser wird.

Sind Motorräder im Laufe der Jahre lauter geworden?

Ich habe mich mehrfach mit Polizisten von Motorradstaffeln unterhalten, die zu Prüfungen rausfahren. Die haben mir gesagt: So wirklich lauter als früher sind die Motorräder gar nicht. Dass die Hersteller legale Möglichkeiten nutzen, um ihre Modelle für Prüfstandsmessungen leiser zu machen, lässt sich allerdings nicht abstreiten. Dafür gibt es ja diese Klappenauspuffanlagen.

Wie funktionieren die?

Das Motorrad hat im Endschalldämpfer zwei Ausgangsrohre. Ein kleines, immer offenes für den Stand- und Teillastbetrieb, und ein zweites, das sich öffnet, wenn man Gas gibt und eine bestimmte Drehzahl überschreitet. Natürlich wird es dabei lauter. Auch deshalb, weil das zweite Rohr einen größeren Durchmesser hat. Die Hersteller sagen, dass sie solche Anlagen einbauen müssen, um die Vorgaben der aktuellen Euro-Norm einzuhalten. So werden im Stand oder bei der Messung weniger Abgase ausgestoßen und gleichzeitig unter den Prüfbedingungen die Geräuschemissionen im erlaubten Bereich gehalten.

Wie läuft die Messung bei einer Polizeikontrolle ab?

Die Beamten setzen dafür ein dB-Meter ein. Das Ding sieht aus wie ein Mikrofon mit Display dran. Für den Messabstand, den Winkel zum Auspuff und die Motordrehzahl gelten exakte Vorgaben. Meines Wissens wird dann aus den Ergebnissen von drei Messungen ein Mittelwert gebildet.

Sind Sie schon mal gemessen worden?

Nein. Aber ich habe es mal mit dem dB-Meter eines Kollegen ausprobiert, weil ich zuvor am Auspuff rumgespielt hatte. Den Wert möchte ich lieber nicht verraten. Nur so viel: Ich habe den Auspuff danach wieder StVO-konform gemacht. Laut Fahrzeugschein liegt das Fahrgeräusch meiner Honda CB 1000 R bei 79 dB (A).

Vertreter von Anti-Lärm-Initiativen fordern, die Bundesregierung solle verstärkt Mobilität mit alternativen Antriebstechniken unterstützen.

(lacht) Entschuldigen Sie, dass ich lache. Ich soll mir also ein E-Motorrad kaufen, mit dem ich vielleicht 100 Kilometer fahre, mir dann eine Ladestation suchen und dort zwei Stunden warten, bis der Akku voll genug für die Heimfahrt ist? Das ist in meinen Augen sinnfrei. Da sollte doch eher der Antrieb per Wasserstoff forciert werden.

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Ja, das gehört irgendwie dazu. Mich beruhigt dieses sonore Geräusch, wenn ich unterwegs bin. Das ist wie Therapie für mich. Ich fahre Motorrad, um den Kopf frei zu bekommen.

Das Gespräch führte Andreas Rentsch.

Google-Maps-Karte mit allen Streckensperrungen in Deutschland 

Link zur Online-Petition

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