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„Wir wissen nicht, was die Bewohner mitbringen“

Mitarbeiter in Pflegeberufen können keinen Mindestabstand halten. Sie unternehmen viel, gegen die völlige soziale Isolation ihrer Schützlinge.

Petra Kolko (links) und Sylvia Lange sind langjährige Mitarbeiterinnen des Pflegedienstes Brambor. Die Corona-Krise beschäftigt auch die Bewohner der Kurzzeitpflege. Besonders leiden sie unter dem derzeitigen Besuchsverbot.
Petra Kolko (links) und Sylvia Lange sind langjährige Mitarbeiterinnen des Pflegedienstes Brambor. Die Corona-Krise beschäftigt auch die Bewohner der Kurzzeitpflege. Besonders leiden sie unter dem derzeitigen Besuchsverbot. © Dietmar Thomas

Andere arbeiten während der Corona-Krise im Homeoffice, um zwischenmenschliche Kontakte zu minimieren. Für Petra Kolko und Sylvia Lange ist das undenkbar. Die beiden Roßweinerinnen sind in der Altenpflege tätig. Menschliche Nähe und Empathie gegenüber „ihren“ Bewohnern der Kurzzeitpflege des Pflegedienstes Brambor sind für sie gerade in dieser Zeit wichtiger denn je.

Besonders schlimm: Besuchsverbot

Während eine Corona-Nachricht die nächste jagt, versucht das 15 Mitarbeiter starke Team in der Villa „Zum Rüderpark“ in Roßwein, den Tagesablauf so normal wie möglich zu gestalten. „Besonders schlimm ist für unsere Bewohner das Besuchsverbot. Sie dürfen ihre Angehörigen nicht sehen, und das macht so manchem arg zu schaffen“, erzählt Sylvia Lange, die schon seit mehr als 20 Jahren bei „Brambors“ arbeitet. 

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„Mit Gesprächen und viel Beschäftigung versuchen wir, die Bewohner abzulenken, gehen aber auch auf ihre Sorgen ein“, ergänzt Petra Kolko. Manchmal, wenn jemand besonders traurig ist, verabreden die Pflegerinnen einen Termin mit den Angehörigen und bringen die Bewohner an die Glastür. „Dort können sie sich wenigstens mal sehen und zuwinken. Das hilft einigen schon“, so Sylvia Lange.

Insbesondere die Bewohner, die an Demenz leiden, würden den Sinn des Besuchsverbotes oftmals gar nicht verstehen. „Ihnen erklären wir natürlich immer wieder, dass es darum geht, sie selbst zu schützen“, so Pflegeassistentin Petra Kolko. Andere verfolgen die Nachrichten im Fernseher ganz genau – hören, dass das Coronavirus vor allem ältere Menschen schlimm treffen kann und sie zur Risikogruppe gehören. Auch darüber sprechen die Mitarbeiter mit den Bewohnern.

„Büroarbeit? Das war noch nie mein Ding“, sagt Sylvia Lange. „Ich wollte schon immer mit Menschen zu tun haben.“ Die gelernte Krippenerzieherin musste sich nach der Wende neu orientieren. „Damals bin ich von den ganz Jungen zu den Alten gewechselt und habe eine Ausbildung zur Pflegefachkraft gemacht. Ich liebe meinen Beruf“, sagt die 50-Jährige.

Auch Petra Kolko (63), die seit 18 Jahren beim Pflegedienst Brambor arbeitet, kann sich keinen anderen Beruf vorstellen. „Die Bewohner sind so dankbar, das freut einen natürlich“, sagt sie. Die beiden Frauen sind sich aber einig: Ohne den Zusammenhalt im gesamten Team würde das nicht so gut funktionieren. Deshalb wollen sie sich nicht allein als Heldinnen sehen, auch ihre Kolleginnen und Kollegen geben in dieser Zeit gerade alles.

So gut es geht: Normalität

Die Normalität im Haus so gut es geht, aufrecht zu erhalten – darin sehen die Sylvia Lange und Petra Kolko derzeit ihre Hauptaufgabe. Auf Wunsch nehmen die Bewohner das Essen im Gemeinschaftsraum ein. Friseurbesuche oder Behandlungen durch Physiotherapeuten dürfen derzeit nicht stattfinden. Da gerade bei den vielen Bewohnern der Kurzzeitpflege-Einrichtung das Wiedererlangen der Mobilität an erster Stelle steht, versuchen die Pflegekräfte, in dieser Richtung viel mit den Bewohnern zu unternehmen. 

So stehen zum Beispiel Spaziergänge im Park oder Bewegungsübungen auf dem Tagesplan. Eine Behandlung durch einen Physiotherapeuten könne das aber nicht ersetzen. „Wir bieten viele Beschäftigungsmöglichkeiten und Spiele an. Wer möchte, kann sich aber auch individuell in sein Zimmer zurückziehen“, so Petra Kolko.

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Angst, sich selbst anzustecken, haben die Mitarbeiterinnen nicht. Respekt schon. „Wir wissen nicht, was die Bewohner beispielsweise aus den Krankenhäusern mitbringen, wenn sie zu uns kommen“, so Sylvia Lange. Erst ein Patient, der aus einer Leipziger Klinik nach Roßwein gebracht worden ist, habe einen negativen Corona-Test dabei gehabt. Von den Bedenken der Altenpflegerinnen sollen die Bewohner aber nichts spüren.

„Wir halten uns strikt an die Hygieneregeln. Das ist immer so und derzeit noch intensiver“, sagt Sylvia Lange. Einen Mindestabstand zwischen Bewohner und Pflegekraft einzuhalten – das funktioniert in diesem Beruf aber nicht.Änderungen am Dienstplan musste Prokurist Benjamin Brambor wegen der Corona-Krise nicht vornehmen. „Wir haben in dieser Abteilung kaum Krankheitsausfälle“, sagt er. Auch bezüglich der Notbetreuung der Kinder der Angestellten gebe es keine Probleme.

Änderungen im Dienstplan

Neu sind besondere Maßnahmen infolge gehäuft auftretender Infektionskrankheiten für das Team nicht. „Wir haben immer mal Patienten mit multiresistenten Keimen oder auch Noroviren, die wir natürlich auch aufnehmen“, erklärt Brambor. Insofern sei das Team krisenerprobt. Durch spezielle Hygienemaßnahmen sei es bislang immer gelungen, eine Ausbreitung der Erkrankung zu verhindern. Sollte ein Corona-Fall in der Einrichtung auftreten, greife der Pandemie-Plan. „Dann arbeiten wir eng mit dem Gesundheitsamt zusammen und erhalten von dort Handlungsanweisungen“, so Benjamin Brambor. 

So weit soll es aber möglichst nicht kommen. „Gerade deshalb ist die Durchsetzung des Besuchsverbots so wichtig.“ Außerdem sind alle Mitarbeiter des Pflegedienstes angehalten, in ihren Abteilungen zu bleiben. „Kontakte mit Angehörigen oder Kollegen erfolgen ausschließlich telefonisch oder per Mail“, so Brambor.

Virtueller Besuch

Weil das Besuchsverbot den Bewohnern in der Villa „Zum Rüderpark“ in Roßwein, aber auch in den Einrichtungen des Betreuten Wohnens in Döbeln und Waldheim, besonders zu schaffen macht, hat sich die Firmenleitung etwas einfallen lassen. „Wir ermöglichen unseren Bewohnern und Patienten, ihre Angehörigen per Facetime zu kontaktieren“, so Benjamin Brambor. Dazu kommen die insgesamt 34 Tablets, die die Beschäftigten auch für die Dokumentation ihrer Arbeit nutzen, zum Einsatz. Jeder Bewohner habe so die Möglichkeit, seine Angehörigen wenigstens per Videotelefonie zu kontaktieren. „Das soll ein kleiner Beitrag gegen die soziale Isolation sein“, so der Prokurist.

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Die Kurzzeitpflege in der Villa „Zum Rüderpark“ in Roßwein gibt es seit 2003. Insgesamt stehen 13 Betten in Einzel- und Doppelzimmern zur Verfügung. Die Bewohner kommen aus unterschiedlichen Gründen in die Einrichtung – beispielsweise, um die Zeit zwischen Krankenhaus-Entlassung und Reha zu überbrücken. Oder wenn pflegende Angehörige Urlaub machen, um selbst neue Kraft zu schöpfen. Unterschiedlich lang ist dementsprechend auch die Verweildauer. „In jedem Fall stellt die Kurzzeitpflege immer eine Übergangs- und keine Dauerlösung dar“, so Benjamin Brambor.

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