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„Wir wollen den Bildhauern sorbische Poesie nahebringen“

Das 35. Fest der sorbischen Poesie in Miltitz ehrt Sprachpioniere. Benedikt Dyrlich erklärt wen.

Poesie trifft Bildhauerei. So lautet ein Thema zum diesjährigen 35. Internationalen Fest der sorbischen Poesie vom 8. August bis 21. September. Vor malerischer Kulisse des Miltitzer Steinbruchs lädt der Sorbische Künstlerbund zu besagter Lesung ein. Sie würdigt Schriftstellerin und Publizistin Mina Witkojc (1893-1975) und Schriftsteller, Dichter und Übersetzer Anton Nawka (1913-1998). Über Ursprünge des Poesiefestes und die beiden zu ehrenden Autoren sprach die SZ mit Benedikt Dyrlich, Dichter und seit 1995 Vorsitzender des Sorbischen Künstlerbundes.

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Herr Dyrlich, wie entstand das Fest der sorbischen Poesie?

Die Ursprünge reichen bis 1978 zurück. Damals war ich an den Wirkungsstätten Alexander Puschkins in Moskau und in Michajlowskoje bei Pskow. Auf dem Rittergut lebte der Dichter lange Zeit. 1978 gab es dort ihm zu Ehren ein russisches Poesiefest. 40 Dichter aus aller Welt lasen Puschkins bekanntes Liebesgedicht „Elegie“ in ihrer jeweiligen Muttersprache. Dazu lasen sie auch eigene Gedichte. Das berührte mich tief. Diese Vielsprachigkeit der Poesie riss mich mit.

Wie ging es weiter?

Mir kam die Idee – ein solches Fest sollten wir auch in Sorbisch versuchen. Einige Gäste in Michajlowskoje schrieben später an mich. Briefe kamen bis aus den USA, Frankreich, Iran und Georgien. „Woher kommt eure sorbische Sprache?“ „Wie lebendig im Umgang und Alltag ist sie?“ „Wie weit verbreitet ist sie?“ Das gab Anstoß für das erste sorbische Poesiefest 1979 in Ostro.

Das diesjährige Fest widmet sich Mina Witkojc und Anton Nawka. Warum?

Beide waren herausragende Lausitzer Literaten des 20. Jahrhunderts. Beide hatten einen tiefen Sinn für Aufklärung und Bildung. Beide bauten durch ihre Werke Brücken nach Tschechien und Polen. Und das auch in politisch schwierigen Zeiten. Beide litten unter Diktaturen. Sie blieben geradlinig in ihrer Haltung und offen gegenüber den Deutschen. Das wollen wir würdigen. Daran wollen wir erinnern.

Was zeichnet Mina Witkojc´ und Anton Nawkas Werke aus?

Mina Witkojc, geboren in Burg (Spreewald), war Dichterin, Publizistin und Redakteurin für die niedersorbische Wochenzeitung Nowy Casnik. Sie schrieb in sehr naturverbundener, gefühlvoller, authentischer, eigenwilliger Sprache. Wer ihre Gedichte liest, ist begeistert von der Sprachmelodie. Sie ist von tiefen Sehnsüchten geprägt. Die Dichterin freut sich und leidet zugleich. Zugleich schreibt Mina Witkojc oft mit leisem Humor. Anton Nawka, geboren in Radibor, war Übersetzer, Schriftsteller und Publizist. Er war sehr sprachsicher und Hauptlektor für die gesamte sorbische Bibel. Nawka übersetzte über 50 Bücher und Dramen – von Karel Èapek bis Molière – ins Sorbische. Zugleich schrieb er viele Verse. Sie unterhalten und bilden zugleich. Er war für Serbske Nowiny Sprachentwickler und an der Schaffung vieler neuer sorbischer Wörter und Wendungen beteiligt. Es ging ihm stets um eine klare sorbische Hochsprache. Er förderte auch den Dichter-Nachwuchs.

Worum geht es in der Lesung, die am 10. August am Miltitzer Steinbruch stattfindet?

Landschaft inspiriert für die Sprache. Landschaft gibt Impulse für Gedichte. Gerade der Krabatstein eignet sich dafür. Die dortigen Internationalen Bildhauertage binden von Anfang an sorbische, deutsche, polnische, tschechische Künstler ein. Das verbindet uns. Wir wollen mit den Bildhauern ins Gespräch kommen. Wir wollen ihnen die sorbische Poesie nahebringen. Mitwirken werden Dichter wie Kristian Pech (aus Döbern), Gundula Sell (Meißen), Róža Domašcyna (Bautzen), Beno Budar (Dreihäuser), Benjamin Nawka (Leinfelden-Echterdingen), Stanij Nawka (Hamburg), Dorothea Šo³æina (Bautzen), Mìrana Cušcyna (Bautzen), Milan Hrabal (Varnsdorf/Tschechien), Aleksander Nawrocki (Warschau / Polen), Emilia Deutsch (Poznan/Polen) sowie Daná Podracka, Peter Èaèko und Jan Zambor (Bratislava/Slowakei). Es gibt ein literarisch-musikalisches Programm. Danach laden der Sorbische Künstlerbund, der Krabat-Verein, die Gemeinde Nebelschütz und der Kunstverein Hoyerswerda zur offenen Diskussion ein. Thema ist „Über Erfahrungen bei Überschreitungen von Sprach- und Kulturlandschaften“.

Gespräch: Andreas Kirschke