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„Wir wollen hier nie wieder weg“

Familie Stiller in Zehren hat schon mehrere Hochwasser mitgemacht. Wegziehen kommt trotzdem nicht infrage.

Von Christoph Scharf

Bei Familie Stiller einen Gesprächstermin zu bekommen ist gar nicht so einfach. Die Eheleute arbeiten oft zu verschiedenen Uhrzeiten – und wenn beide da sind, wird am Haus gewerkelt. Die Wohnung im Erdgeschoss ist nach dem letzten Hochwasser schon wieder schick. Jetzt wird oben gemalert. „Der Keller kommt erst später dran“, sagt Ralph Stiller. Wichtig war nach der Juniflut 2013 zuerst, dass das Haus an der B 6 in Zehren überhaupt wieder bewohnbar wird. Denn wie 2002 stand auch vor einem Jahr die Brühe wieder im Wohnzimmer. Das fast neue Laminat war reif für den Müll, sämtliche Türen kaputt, die Tapeten weichten von den Wänden. Dazu kamen die kaputte Heizung und alles, was auf dem Grundstück untergebracht war – vom Gartenstuhl bis zum Pavillon. „Unser Schaden lag 2013 bei 18 000 Euro“, sagt der Mitarbeiter des DRK Meißen.

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Antje und Ralph Stiller haben ihr Haus in Zehren längst für die regelmäßigen Hochwasser umgerüstet. Nun wünschen sie sich mehr Hilfe von der Politik. Foto: Claudia Hübschmann
Antje und Ralph Stiller haben ihr Haus in Zehren längst für die regelmäßigen Hochwasser umgerüstet. Nun wünschen sie sich mehr Hilfe von der Politik. Foto: Claudia Hübschmann

Dabei war das anfangs gar nicht abzusehen. Zuerst war das Wasser von oben gekommen – vom Ketzerbach, der aus der Lommatzscher Pflege gleich hinter dem Haus der Familie Stiller nach Zehren fließt, um ein Stück weiter in die Elbe zu münden. Derzeit kann man über den Bach fast drüberspringen. Im Juni 2013 aber hatte er das Grundstück ums Haus schnell anderthalb Meter weit unter Wasser gesetzt. „Dann wurde ich zu einem Einsatz nach Meißen gerufen“, sagt der Rettungsdienst-Mitarbeiter. „Und als ich zurückkam, stand das Wasser richtig hoch.“

In ihr Haus gelangte die Familie nur noch über ein Fenster zur Straße hin. Der Weg zum Eingang auf dem Hof war längst abgesoffen – durch den Rückstau von der Elbe her. Dabei ist der Fluss normalerweise gut anderthalb Kilometer Luftlinie vom Grundstück der Stillers entfernt. Doch vor einem Jahr stand das Wasser schnell in der Wohnung. Wie schon 2002. Doch einen wichtigen Unterschied gibt es: Beim ersten Mal hatte die Familie keine Versicherung – und musste die 20 000 Euro Flutschäden aus eigener Tasche bezahlen. Zum Glück fand sich anschließend ein Anbieter, der ihnen eine Hochwasser-Police verkaufte – und sogar noch nach der jüngsten Flut zu ihnen hält. „Wir haben keine Kündigung bekommen, obwohl wir das befürchtet haben“, sagt Ralph Stiller. Ganz im Gegenteil – er könne nur Gutes über die Generali sagen. „Binnen drei, vier Wochen war der Chef von Dresden da und ein Gutachter von Stuttgart – und schon wenig später haben wir das Geld bekommen“, sagt der Familienvater.

Genug zu tun blieb für die Familie trotzdem. Als das Wasser wieder weg war, lag das gesamte Grundstück voller Schlamm, der zuvor von den Feldern der Lommatzscher Pflege herabgespült worden war. Mühevoll grub Ralph Stiller den Hof um – mit dem Effekt, dass die ganze Fläche jetzt deutlich höher ist, als zuvor. „Vielleicht hilft uns das bei der nächsten Flut.“ Das Gras sprießt immerhin schon fleißig aus dem angeschwemmten Boden – es ist dieselbe fruchtbare Erde, die vor einer Woche im Meißner Triebischtal landete.

Im Haus selbst haben die Eigentümer längst die Elektrik nach oben verlegt – und die Tapeten durch Rollputz ersetzt. So können die Wände besser austrocknen. „Da ist sicher noch zwei Jahre lang Wasser drin – das merkt man schon beim Handdraufhalten“, sagt der Hausherr. Nach der Flut 2002 hat es ganze fünf Jahre gedauert, bis die Nässe raus war. Und auch dieses Mal ist sie bis hoch zum Lichtschalter gezogen.

Trotzdem hat die Familie nie darüber nachgedacht, aus Zehren wegzuziehen. „Wir wollen hier nie wieder weg!“, sagt Antje Stiller. Das Leben auf dem Dorf sei toll – gar kein Vergleich zur Stadt. Nur eins wünscht sich das Ehepaar: dass das Thema Flut nicht wieder so schnell aus der Öffentlichkeit verschwindet, wie das Wasser selbst. „Wir haben nach dem Hochwasser von niemandem mehr was gehört. Weder von der Gemeinde noch vom Land. Dabei sind hier ständig vier Häuser betroffen“, schimpft Ralph Stiller. „Wo bleibt denn unser Hochwasserschutz!?“