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„Wir wollen hier keinen Parkplatz haben “

Anwohner in der Nikolaivorstadt starten eine Unterschriftensammlung gegen 20 neue Stellflächen, die die Wohnungsbaugesellschaft errichten will.

Von Ingo Kramer

Der Familienname ist bei Tony Baumgarten tatsächlich Programm. „Für uns war das viele Grün im Hinterhof der ausschlaggebende Grund, hier eine Wohnung zu mieten“, sagt der 25-Jährige mit Blick auf die hohen Bäume und die Wiesen zwei Etagen weiter unten. Seit zwei Jahren lebt er mit seiner Freundin im Quartier Rothenburger Straße/Am Hirschwinkel in der Nikolaivorstadt. Sein Vermieter, die Wohnungsbaugesellschaft WBG, habe damals sogar mit „Wohnen im Grünen“ geworben. Jetzt aber will sie im Hof 20 Stellplätze bauen. So stand es im jüngsten Mieterjournal.

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„Wenn der Parkplatz wirklich kommt, wäre das für uns ein Grund, wieder auszuziehen“, sagt Tony Baumgarten. So weit will er es aber eigentlich lieber nicht kommen lassen. Deshalb hat er zusammen mit anderen Mietern eine Unterschriftensammlung gestartet. Das Ergebnis: Von den insgesamt 33 Mietparteien beziehungsweise Eigentümern, die von ihren Häusern aus auf den Hof blicken, haben 24 unterschrieben. Sie alle wollen keinen Parkplatz hinter den Häusern. „Da sind viele Leute dabei, die selbst Autos besitzen“, sagt der 25-Jährige. Auch seine Freundin und er haben jeweils ein Fahrzeug und müssen manchmal ein bisschen nach einem Parkplatz suchen, wenn sie nach Hause kommen. „Das ist uns aber weitaus lieber, als ein zugebauter Hof“, sagt er. Am Mittwoch hat eine Mitstreiterin aus dem Quartier die Unterschriftenliste bei der WBG abgegeben.

Deren Geschäftsführer Arne Myckert versucht, die Mieter zu beruhigen: „Dass der Hof grün bleibt, ist auch unser Anliegen“, sagt er. Kein einziger Baum solle für den neuen Parkplatz gefällt werden. Auch eine Asphaltierung sei nicht vorgesehen. Stattdessen will die WBG sogenannte sandgeschlämmte Schotterdecken einbauen, also einen sandigen Belag. Auch eine neue Zufahrtsstraße zum Hof sei nicht geplant: „Wir wollen den Fahrweg weiternutzen, der ohnehin schon vorhanden ist“, erklärt Myckert. Das Einzige, was für den Parkplatz weichen soll, ist eine größere Wiese.

Neue Anwohner kommen hinzu

Tony Baumgarten beruhigt das nicht. „Wir sind generell gegen einen Parkplatz, egal in welcher Form.“ Er möchte weder Abgase atmen noch den Lärm von Motoren hören. So hatten sich die Unterschriftensammler schriftlich und auch im Gespräch mit den anderen Mietern ausgedrückt. „Klar wäre es dann immer noch grün, aber es würden ständig Autos herumfahren, Autotüren knallen, dazu Abgase, erhöhter Geräuschpegel, und wenn dann erst mal Winter ist, hört man ständig das Scheibenkratzen und die Schneeberäumung.“

Die WBG saniert derzeit das leerstehende Eckhaus Am Hirschwinkel 9. Nächstes Jahr soll auch das andere Eckgebäude Am Hirschwinkel 14 hergerichtet werden. Damit wären dann sämtliche WBG-Häuser im Quartier saniert. Mit der Vermietung kommen weitere Anwohner hinzu, die vermutlich auch Stellplätze benötigen. „Und die Parkplatzsuche ist jetzt schon schwierig“, hat Myckert bei seinen Vor-Ort-Terminen feststellen müssen. Das werde mit den weiteren Sanierungen noch komplizierter.

Doch Tony Baumgarten hält dagegen: „Derzeit wird hier die Rothenburger Straße saniert.“ Ende Juli soll die Straße nach der Pflasterruhe wieder freigegeben werden: „Dann sind dort weitere Parkplätze nutzbar.“ Außerdem habe die WBG kürzlich am Nikolaigraben eine Fabrik abgerissen. Auf dieser Fläche könnten weitere Parkplätze entstehen. Das hatte die WBG ursprünglich sogar selbst angekündigt. Allerdings ist das nicht so einfach, erklärt Myckert nun. Grund sei die Schallbelastung der Anwohner: „Wir dürfen sowohl dort als auch am Hirschwinkel nur Parkplätze für die jeweils unmittelbaren Anwohner bauen, aber nicht für das ganze Quartier. Rechtlich werden unmittelbare Anwohner nämlich anders betrachtet, auch wenn ihre Autos nicht lauter oder leiser sind als andere.

Deshalb hat die WBG im Hirschwinkel-Innenhof extra eine Fläche für den Stellplatzbau hinzugekauft. Fertig werden soll der Parkplatz nächstes Jahr – zusammen mit dem letzten noch unsanierten Haus. Wie hoch die Miete pro Stellfläche sein wird, kann Myckert noch nicht sagen: „Es wird ein für Görlitzer Verhältnisse normaler Preis.“ Erste Zielgruppe seien die eigenen Mieter. Ist der Parkplatz nicht ausgelastet, könnten auch andere Anwohner zum Zuge kommen. Lässt sich die WBG von den Unterschriften umstimmen? „Wir werden uns noch einmal Gedanken machen, in welcher Form die Stellplätze angedacht sind und ob wir wirklich den geringstmöglichen Eingriff planen“, sagt Myckert.