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Wirbel um den neuen Trainer Michael Rösch

Der Biathlon-Olympiasieger kommt zum Altenberger Biathlon-Stützpunkt, andere müssen gehen. Sogar ein Gericht ist damit beschäftigt.

Michael Rösch will seine ganzen Erfahrungen an seine Schützlinge weitergeben.
Michael Rösch will seine ganzen Erfahrungen an seine Schützlinge weitergeben. © dpa/Robert Michael

Peter Bachmann sitzt in dem kleinen Holzhaus neben dem Schießstand, an dem er selbst gewerkelt hat. Er erzählt, wie das alles hier gewachsen ist, wie das Frauen-Nationalteam um Uschi Disl, Andrea Henkel und Kati Wilhelm 2001 zum Lehrgang nach Schmiedeberg ins Osterzgebirge kam. Den Stolz kann man in seiner Stimme hören – genauso wie den Frust und die Enttäuschung. Denn das Thema ist eigentlich ein anderes. Es geht um seine Entlassung als leitender Trainer am Biathlon-Bundesstützpunkt im wenige Kilometer entfernten Altenberg. Und es geht um seinen Quasi-Nachfolger Michael Rösch.

Die Personalien haben für Wirbel gesorgt, was wohl auch an den Umständen lag. Es musste alles ganz schnell gehen. Nicht nur Bachmann wurde als Trainer entlassen, auch ein auslaufender Vertrag nicht verlängert, obwohl es noch keine Nachfolger gab. Rösch spricht in einem MDR-Beitrag von „einem Chaos“, das er vorgefunden habe und meint damit die Biathlon-Talente, die plötzlich ohne Trainer dastanden. Die Frage drängt sich auf: Warum diese Eile? Warum so holterdiepolter?

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Bachmann erzählt, dass er im Dezember 2018 das erste Mal „angezählt“ wurde, wie er es formuliert. Zufall oder nicht: Genau zu dieser Zeit reift bei Rösch die Entscheidung, seine Karriere in der laufenden Saison zu beenden, am 12. Januar verkündet er seinen Entschluss und sagt zu seiner beruflichen Zukunft, dass es in Altenberg einige Möglichkeiten gebe. Bachmann berichtet, dass er bei seinem Entlassungsgespräch Anfang April auf die Frage nach den Gründen die Antwort erhält: „Wir haben die einmalige Chance, Micha herzuholen, brauchen ihn als Zugpferd für den Aufbau einer Spitzengruppe.“

Das bedeutet wohl: Bachmann und Rösch zusammen – das funktioniert nicht. Und das leuchtet durchaus ein, beide können Sturköpfe sein, Dickschädel – im positiven wie negativen Sinn. So hat der 55-jährige Bachmann einen Athletiktrainer einfach weiterarbeiten lassen, obwohl dessen Vertrag ausgelaufen war, weil er es für notwendig hielt. Dafür bekam er eine Abmahnung. 

Ein Bild aus vergangenen Tagen. Peter Bachmann ist nicht mehr am Bundesstützpunkt beschäftigt. 
Ein Bild aus vergangenen Tagen. Peter Bachmann ist nicht mehr am Bundesstützpunkt beschäftigt.  © Foto: Stephan Klingbeil

Jakob Winkler, Leistungssportkoordinator beim Skiverband Sachsen (SVS) betont, dass es „in der Zusammenarbeit der beteiligten Partner und Institutionen einige Defizite gab. Da kam nie so richtig Ruhe rein.“ Rösch wiederum kann beratungsresistent sein, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Der Nationenwechsel nach Belgien, der ihm neben vielen anderen Nachteilen ein 990-tägiges Startverbot einbrachte, ist dafür nur ein Beispiel.

Um Rösch zu holen, wurde Bachmann geopfert – so könnte man das jedenfalls interpretieren. Wobei der Staffel-Olympiasieger von 2006 im SZ-Gespräch betont: „Was die Entlassungen betrifft: Das ist nicht alles auf meinem Mist gewachsen. Mir tut es leid, dass das so Wellen geschlagen hat.“ Bachmann besaß einen unbefristeten Vertrag, klagte gegen seine Kündigung und bekam vom Arbeitsgericht eine Abfindung zugesprochen, die der Skiverband zahlen muss. Über die Höhe der Summe möchte er nichts sagen.

Es sollte also nicht nur schnell gehen, sogar Extra-Zahlungen wurden in Kauf genommen für den „Neustart“. Das Wort fällt immer wieder, wenn man nach den Gründen für das rigorose Vorgehen fragt. Karin Orgeldinger, Sportdirektorin beim Deutschen Skiverband (DSV), spricht von einem „neuen Impuls“, der notwendig ist, weil „wir in Altenberg eine gewisse Quantität haben, nun aber wollen, dass auch qualitativ Bewegung reinkommt“. Winkler meint das Gleiche, formuliert es aber anders: „Wir sind im Nachwuchs sicher sehr erfolgreich, aber das muss sich auch im Juniorenbereich fortsetzen.“ Kurzum: Es kommt zu wenig in der Spitze an.

Rösch trainiert ohne Schein

Derzeit ist Julius Strelow der einzige in Altenberg ausgebildete Kaderathlet, der 22-Jährige startete vergangenen Winter im IBU-Cup, der zweiten Liga hinter dem Weltcup. Dass er längst in Oberhof trainiert, spielt dabei keine Rolle. Das ist zu wenig, damit Altenberg den Status des Bundesstützpunktes, an dem hohe Fördergelder und damit Trainerstellen hängen, behalten darf. „Anerkannt ist er nur bis 2020“, betont Orgeldinger. „Das heißt: Altenberg steht auf dem Prüfstand. Es ist für uns ein wichtiger Stützpunkt, und es wäre fatal, wenn wir ihn verlieren würden.“

Mit Bachmann, so die unausgesprochene Schlussfolgerung, droht genau das. Vor sieben Jahren war der Vater der Vize- und Staffel-Weltmeisterin von 2011, Tina Bachmann, von Schmiedeberg gekommen, 2014 wurde er in Altenberg zum leitenden Stützpunkttrainer befördert. Ein Jahr später urteilte der damalige Nachwuchs-Bundestrainer Ilmar Heinecke, dass „Altenberg auf dem richtigen Weg“ sei. Das fand zu diesem Zeitpunkt auch Orgeldinger. Im vergangenen Winter überflügelte Sachsen im Schülercup sogar Bayern, wurde stärkstes Bundesland im Biathlon. „Es war die beste Saison seit der Wende“, betont Bachmann. Aber Schülercup ist kein Weltcup.

Nun soll Rösch sächsische Talente zu Olympiastartern formen. Er betreut seit dem 1. Mai sieben Jugendliche, die Ältesten im Osterzgebirge. Einen Trainerschein hat der 36-Jährige nicht, die Ausbildung an der Akademie in Köln beginnt im Oktober. „Ich sehe mich als Neuling“, betont er. Ende März wurde er zum ersten Mal Vater, mit seiner Freundin und dem Nachwuchs lebt er in Dresden. „Es wird eine große Herausforderung, Studium, Job und Familie zu koordinieren“, ahnt er.

Ministerpräsident Michael Kretschmer war der bisher prominenteste Schützling von Michael Rösch.
Ministerpräsident Michael Kretschmer war der bisher prominenteste Schützling von Michael Rösch. © Egbert Kamprath

Dass er die Stelle ohne einen Abschluss angetreten hat, findet Orgeldinger nicht ungewöhnlich. Die duale Ausbildung sei beim DSV „absolut üblich. Er ist da also keine Ausnahme und kein Sonderfall.“ In Köln gebe es keine Präsenzpflicht, er könne deshalb „relativ problemlos Trainingsgruppen betreuen“. Andreas Birnbacher sei diesen Weg auch gegangen.

Es gibt noch einen weiteren Punkt, der zumindest diskussionswürdig ist. Als die Ergebnisse von Rösch ab 2010 immer schlechter wurden und er aus dem Weltcup-Team flog, zog er sich zurück, trainierte nach eigenen Plänen bei seiner damaligen Freundin in Norwegen. Als er für die WM 2012 nicht nominiert wurde, verkündete er, fortan für Belgien starten zu wollen. „Ich habe kein Verständnis. Ich weiß nicht, wer oder was ihn da geritten hat“, polterte Männer-Bundestrainer Mark Kirchner damals. „Er hat sich nie gemeldet, als es darum ging, Pläne und Qualifikationsmöglichkeiten für die neue Saison abzusprechen.“

Vor einiger Zeit haben sich beide mal zusammengesetzt. So erzählt es Rösch, der nun mit Kirchner zusammenarbeiten muss. Orgeldinger findet, dass das Zerwürfnis „ja schon ein paar Jahre her“ sei. „Und wir hatten auch nach seinem Wechsel nach Belgien immer einen sehr guten und freundschaftlichen Kontakt zu Michael.“

 Karin Orgeldinger, Sportdirektorin des Deutschen Ski-Verbandes (DSV)
 Karin Orgeldinger, Sportdirektorin des Deutschen Ski-Verbandes (DSV) © Hendrik Schmidt/ZB/dpa

Der Kontakt blieb, die Geldquellen versiegten jedoch. 60 000 Euro kostete ihn eine Saison, er musste sogar sein Haus verkaufen und wieder bei seinen Eltern einziehen. Seinen Olympiastart 2018 finanzierte er durch Spenden. Immer wieder betonte er damals, dass er ohne seine regionalen Sponsoren aufgeben müsste. Gemeint waren vor allem Robotron und E-Infra. Die beiden Firmen sind auch Sponsoren des Sächsischen Skiverbandes und des Fördervereins Biathlon Osterzgebirge.

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Rund um Altenberg wird gemunkelt, dass die Unternehmen maßgeblichen Einfluss hatten beim Personalkarussell am Stützpunkt. SVS-Leistungssportkoordinator Winkler bestätigt nur, dass „Michael Rösch bei der Bezahlung vom Förderverein unterstützt wird“. Der Rest des Gehalts kommt vom Verband. Diese Form der Mischfinanzierung sei aber absolut üblich, so Winkler. „Sonst könnten wir nur noch die Hälfte der Trainer beschäftigen.“

Bachmann muss sich nun einen neuen Job suchen. „Ich habe Ideen, aber noch nichts Konkretes“, sagt er. Auf jeden Fall will er wieder in Schmiedeberg helfen, so wie früher.

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