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Wird das Asylheim doch kleiner?

Das Landratsamt reagiert nach dem Rücktritt des Ortsvorstehers. Jetzt wird um die Zahl der Betten in Kesselsdorf gerungen.

© Karl-Ludwig Obertür

Von Annett Heyse

Kesselsdorf. Die Diskussionen um das geplante Asylbewerberheim in Kesselsdorf gehen weiter. Nachdem zunächst von 60 Plätzen die Rede war, die Verantwortlichen im Landratsamt dann die Anzahl von 250 Flüchtlingen in den Raum stellten und daraufhin der Ortsvorsteher zurücktrat, kommt möglicherweise alles ganz anders.

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„Wir haben immer noch keinen Mietvertrag unterschrieben und verhandeln nach wie vor mit dem Eigentümer“, sagt die zuständige Beigeordnete Kati Hille. Dabei überlege man aufseiten des Landratsamtes sehr genau, wie man das Gebäude so umbauen und als Flüchtlingsunterkunft in Betrieb nehmen kann, dass es noch wirtschaftlich vertretbar sei. Hille: „Das Objekt ist aus unserer Sicht attraktiv, aber nicht um jeden Preis.“

Der Preis – das ist der Posten, um den sich alles dreht. Das Haus an der Sachsenallee wurde in den 90er-Jahren als Gewerbebau errichtet und gehört einer Privatgesellschaft. Möchte man dort Menschen unterbringen, müssten Teile des Gebäudes entsprechend hergerichtet werden. Das würde der Eigentümer übernehmen. Ein Umbau aber kostet. „Wir wollen kleine Wohneinheiten schaffen, in denen Familien oder Wohngruppen leben können“, erklärt Hille. So sei es möglich, besser nach Nationalitäten, Ethnien, religiösen Zugehörigkeiten zu trennen. Zudem sind Gemeinschaftsräume, Gemeinschaftsküchen, Personalräume und Seminarräume für den Sprachunterricht geplant. Auch die Außenanlagen sollen für Freizeitbeschäftigung hergerichtet werden. Denkbar sind Sitzecken, Spielgeräte für die Kinder, Tischtennisplatten. Die Kosten für den Umbau müsste der Eigentümer auf die Miete umlegen.

Verhandlung um Mietdauer

An dem Punkt sind die Verhandlungen ins Stocken geraten. Der Eigentümer möchte einen Mietvertrag mit zehn Jahren Laufzeit abschließen, heißt es aus dem Landratsamt. Für so lange Zeit will sich die Behörde nicht binden, zu ungewiss ist die weitere Entwicklung der Asylzahlen. „Wir wollen nur drei Jahre und eine Verlängerungsoption für zwei weitere Jahre“, sagt die Beigeordnete. Auch um den Mietpreis wird verhandelt.

Je weniger Menschen in das Haus ziehen, desto größer sind die Umbaukosten pro Platz, desto höher wäre die Miete. „Bringt der Landkreis in dem Haus 60 Flüchtlinge unter, müsste die Miete bei 80 Euro am Tag liegen“, rechnet Hille vor. Dem Landkreis ist das eindeutig zu viel: Im Durchschnitt kostet ein Platz in einem Heim um die 20 Euro, Wohnungen sind pro Kopf und pro Tag gerechnet mit durchschnittlich elf Euro noch günstiger. Lediglich für Notunterkünfte in Sporthallen muss man im Landratsamt mit 83 Euro kalkulieren. Aus diesem Grund möchte Hille in Kesselsdorf mehr Flüchtlinge einquartieren. Zuletzt war von 250 Menschen die Rede, die ab Mai dort wohnen sollten.

In Kesselsdorf sorgte das für Empörung. „Mit den angekündigten 60 Flüchtlingen hätten wir leben können. Da hatte es zwar einige kritische Stimmen aber insgesamt einen breiten Konsens gegeben. Aber 250 Leute – das ist eindeutig zu viel“, kritisierte der Kesselsdorfer Türk Müller (CDU) und trat als Stadtrat, Ortschaftsrat und Ortsvorsteher zurück. In einem offenen Brief forderte er den Landrat auf, in dem Gewerbeobjekt nicht mehr als 60 Asylbewerber zuzulassen. Auch der Wilsdruffer Bürgermeister Ralf Rother (CDU) sieht ein solch großes Heim in Kesselsdorf kritisch: „Wir müssen weitere Flüchtlinge aufnehmen, aber doch nicht alle an einem Standort“, betonte er mehrmals. Er favorisiert nach wie vor die Unterbringung in Wohnungen oder aber kleinere Heime.

Zahl der Flüchtlinge geht zurück

Ob es Müllers Rücktritt war, der offene Brief oder auch die Intervention des Bürgermeisters im Landratsamt – nun ist alles offener als zuvor. „Das Projekt in Kesselsdorf können wir schieben“, sagt die Beigeordnete jetzt. Auch die Zahl von 250 Plätzen scheint vom Tisch zu sein. „Wir könnten uns dort auch 120 Plätze vorstellen, wenn es vom Preis her stimmt“, sagt Hille. Dafür müsste man nur einen Gebäuderiegel umbauen.

Ist es ein Sinneswandel nach dem ganzen Wirbel? Es gibt noch einen anderen Grund: Der Landkreis ist nicht mehr so sehr unter Zugzwang wie noch in den vergangenen Monaten, weil die Flüchtlingszahlen rückläufig sind. Dennoch wollten Kati Hille und ihr Stab die Atempause nutzen, um neue Unterkünfte vorzubereiten. Eine Prognose geht von 3100 weiteren Flüchtlingen in diesem Jahr aus, die der Landkreis in Wohnungen und Heimen unterbringen muss. Ein Haus wie Kesselsdorf könnte da wirtschaften helfen. Hille: „Aber nur zu einem akzeptablen Preis. Schließlich geht es hier um Steuergelder.“