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Wird es einen Neubeginn für Sachsens Kultur geben?

Die Akademie der Künste ließ über Bühnen, Museen und die freie Szene in und nach der Corona-Krise debattieren – und landete bei den Geldverteilungskämpfen.

Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen, muss um rund 180 ihrer Mitarbeiter mit Zeitverträgen bangen.
Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen, muss um rund 180 ihrer Mitarbeiter mit Zeitverträgen bangen. © Jürgen Lösel

Von Michael Ernst

Die erste Veranstaltung der Sächsischen Akademie der Künste nach mehr als einem halben Jahr öffentlichen Schweigens währte zwei Stunden. Zwei Stunden, um die Kunst zu (v)erklären. Im Dresdner Kulturzentrum Scheune begrüßte Präsident Holk Freitag fünf prominente Gäste und überließ Moderator Thomas Bille das Mikrofon. Der führte in seiner provokant launigen Art durch den auch als Live-Stream übertragenen Abend, stichelte mal hier, stachelte mal dort. Ulrich Khuon, Präsident des Deutschen Bühnenvereins und Intendant des Deutschen Theaters Berlin, ist gegen Ende denn auch mal richtig laut geworden. Dass Rügen ein reizvolles Reiseziel sei, wüssten Millionen Deutsche nicht erst seit Corona, sondern seit mindestens dreißig Jahren – tatsächlich wussten das Millionen von Deutschen auch schon vor deutlich mehr als dreißig Jahren.

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Dennoch ist die Hinwendung zum Urlaub im eigenen Land durchaus eine Folge der Pandemie gewesen. Es habe aber auch Begegnungsverluste durch den Rückgang an Internationalität gegeben, so Khuon. Deshalb fordere er keine Rückkehr zu Normalität, sondern die Entdeckung neuer Formen von Kunst und Kultur.

Sein Kollege Jörg Bochow, Chefdramaturg am Staatsschauspiel Dresden, konnte da schon mit konkreten Plänen aufwarten. Schließlich hat sein Haus das gesamte Programm neu aufgestellt und zeigt allein im September neun Premieren. Die Saisoneröffnung erfolge in einem „neuen Geist“.

Ein fragwürdiger Titel

Den hätten die diesjährigen Salzburger Festspiele vorgelebt, was die Diskutanten einhellig als ermutigendes Signal aufgefasst haben. Dennoch sei die Zukunft höchst unsicher. Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen, sprach von eineinhalb Millionen Euro Verlust pro Monat wegen der Corona-Schließungen und des stark eingeschränkten Besucherstroms. Folglich müsse sie um rund 180 ihrer Mitarbeiter mit Zeitverträgen bangen. Auch mit viel Aufwand vorbereitete Projekte wie eine Vermeer-Ausstellung seien nicht zuletzt durch geschlossene Grenzen infrage gestellt.

Mit solchen Blicken nach vorn machte Ackermann deutlich, wie fragwürdig der Titel des Abends gewählt war: Wie „Sachsens Kultur nach der Corona-Krise“ aussehen wird, vermag heute niemand zu sagen, da nicht absehbar ist, wie lange die Krise noch anhält.

In besonderem Maße von ihr getroffen seien die Freie Szene und sogenannte Solo-Selbstständige, hob Anne Pallas hervor, die Geschäftsführerin des Landesverbands Soziokultur Sachsen. Zwar sehe sie neue Qualitäten des Zusammenhalts, doch sei in vielen Bereichen durch den Strukturkonservatismus kultureller Förderung ein „Sterben auf Raten“ zu befürchten. Insbesondere ländliche Räume wären schon so gut wie abgehängt, da digitale Angebote dort noch weniger ankämen. Ohnehin ersetzten sie weder in bildenden noch in darstellenden Künsten die sinnlichen Erfahrungen direkter Begegnung. Auch der interkulturelle Austausch über die Grenzen etwa zu Polen und Tschechien fehle, dabei sei Völkerverständigung gerade in Zeiten populistischer Strömungen höchst wichtig, so Pallas.

Die ewige Frage nach der Relevanz

In der Folge entspann sich ein Disput um Verteilungskämpfe zwischen freier und institutionalisierter Kultur, wie er auch vor Corona hätte geführt werden können. Als Präsident der Kulturstiftung Sachsen und Generalintendant der Theater Chemnitz sprach Christoph Dittrich solidarische Beispiele und das symbiotische Verhältnis der gesamten Kulturbranche an, verwies auch auf deren wirtschaftliche und soziale Komponente. Das Podium erwähnte Fortschritte in Sachen Jugendarbeit und Kulturvermittlung. Viel war die Rede davon, eine neue Relevanz der Kultur zu entdecken und die Politik von deren Wichtigkeit zu überzeugen.

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