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Wird Görlitz zur Döner-Hauptstadt?

Der neue Imbiss an der Lutherstraße ist in der Südstadt ohne Konkurrenz. In der Innenstadt sieht das ganz anders aus.

© Pawel Sosnowski

Von Ingo Kramer

Görlitz. Selman Isinov hat nicht lange überlegt. „Ich bin an dem leeren Laden an der Biesnitzer-/Ecke Lutherstraße vorbeigefahren und habe das Zu-Vermieten-Schild gesehen“, sagt der 40-Jährige, der 1990 als Zwölfjähriger aus Jugoslawien nach Deutschland gekommen ist und seit 1996 in Görlitz lebt. Bei dem Schild habe er sich ganz spontan überlegt, einen Döner-Imbiss zu eröffnen. Erfahrungen in der Branche hat er: Von 1996 bis 2001 habe er schon einmal Döner verkauft. Dann wechselte er die Branche, war elf Jahre im Eiscafé La Gondola beschäftigt. Später war er arbeitslos.

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Nun also der Sprung in die Selbstständigkeit. „Stern-Döner“, hat er sein Geschäft genannt. „Ich wollte einen Namen, den die deutschen Kunden verstehen“, sagt er. Am 8. März ist er gestartet, seither läuft es ganz gut, aber noch nicht super. Kein Wunder: Die Konkurrenz ist groß und die Preise fast überall identisch: Vier Euro für den Döner, 4,50 Euro für den Dürüm. Dass es viele Läden gibt, habe er vorher gewusst, sagt Selman Isinov: „Aber meine Lage ist gut, in der Südstadt bin ich der Einzige.“

Aber eben nur dort. Die SZ hat in Görlitz 20 Döner-Läden gezählt – inklusive der Asia-Imbisse, in denen sich auch ein Dönerspieß dreht. Nach Aussage einzelner Betreiber sollen es sogar 28 Döner-Läden in Görlitz sein. Stadt und Landratsamt konnten gestern auf die Schnelle keine exakten Zahlen liefern. Allerdings habe die Stadt auch keinen Einfluss auf die Entwicklung, sagt Rathaussprecherin Sylvia Otto: „Wir haben keine Regulierungsmöglichkeiten.“ Wer einen neuen Laden eröffnen will und die Bedingungen erfüllt, erhält auch eine Genehmigung. „Ähnlich ist das bei Schuhläden oder Nagelstudios, wo wir auch schon Anfragen erhalten haben, ob es nicht langsam zu viele seien“, so die Sprecherin.

Die Görlitzer Döner-Betreiber beantworten die Frage, ob es zu viele sind oder nicht, sehr unterschiedlich. „Nein“, sagt ein Mitarbeiter des seit vielen Jahren bestehenden Döner-Lokals City Pizza in der Berliner Straße 46: „Für uns ist das kein Problem, wir haben genug Kunden und spüren keinen Rückgang.“ Mehmet Cinar vom Best Kebap Haus an der Berliner/Ecke Schulstraße sieht das ganz anders: „Es sind viel zu viele. Der Abstand zwischen den Läden sollte viel größer sein.“ Das Best Kebap Haus existiere seit 1996, er betreibt es seit 2009: „Vor zwei Jahren bin ich auf die andere Straßenseite gezogen, um ein bisschen mehr Abstand zu dem anderen Döner-Laden zu haben.“ Durch die Neueröffnungen sei bei ihm ein leichter Rückgang spürbar.

Ganz anders im Efes Kebab, eine Ecke weiter in der Hospitalstraße 7. „Bei uns läuft es immer gleich, wir spüren keine Veränderung“, sagt ein Mitarbeiter des vor vier Jahren eröffneten Ladens. Er bestätigt, dass die Preise für den Standard-Döner und -Dürüm überall gleich seien: „Beim Maxi-Döner und beim Dönerteller sind wir aber 50 Cent preiswerter als andere.“ Im Übrigen sei nicht nur in Görlitz die Zahl der Döner-Läden gestiegen, sondern auch in Zgorzelec. Neu in Görlitz ist beispielsweise „Peperoni“ am Postplatz. Mit dem Start dort ist Özgür Aslan so weit zufrieden: „Wir haben unser Ziel erricht, aber es könnte auch noch mehr werden.“ Viele Leute würden sein Lokal noch nicht kennen. „Aber insgesamt haben wir es nicht bereut, der Postplatz ist eine gute Lage“, sagt Özgür Aslan.

Gar keinen Rückgang erlebt Bozan Ates vom Antalya 2 am Demianiplatz: „Döner funktioniert.“ Er sei seit 14 Jahren in Görlitz, seit 2011 an diesem Standort. Da würden ihn viele Leute kennen. Zudem habe er auch Gerichte wie Pide und Börek im Angebot und würde den Teig dafür selbst backen. Das werde gut angenommen, ebenso die Tagesangebote. Drei weitere Döner-Läden, die sich nahe der Elisabethstraße befinden, klagen hingegen über einen Rückgang. Der Grund sei aber nicht etwa die Peperoni-Neueröffnung, sagt Riza Tunc vom „Imperator“ am Klosterplatz. Klar hätten auch seine Stammkunden den neuen Laden ausprobiert. „Aber beim nächsten Mal sind sie wieder zu mir gekommen, weil es ihnen bei mir am Besten schmeckt“, sagt er. Sauer hingegen ist er, dass es beim Asia-Imbiss auf dem Wochenmarkt Fladenbrot mit Soße und ein bisschen Fleisch für 1,70 Euro gibt: „Die Schüler gehen alle dorthin, aber mit den Preisen dort kann ich nicht mithalten“, schimpft er.

Ähnlich beschreibt Yusuf Akkus vom Ciya Döner im CityCenter die Lage: „Der Umsatz geht zurück, weil es zu viele Läden geworden sind.“ Da seien die Vietnamesen auf dem Markt, aber auch die Türken. Sein Vorteil: „Ich mache den Teig selber. Die Leute kommen, weil es frisch ist.“ Auch Kamber Ekici vom „Nemrut“ in der Elisabethstraße muss kämpfen: „Ich habe Mühe, am Ende des Monats die Rechnungen zu zahlen.“ Er würde gern die Preise anheben, aber das sei nicht drin, weil er dann teurer wäre als andere. „Und ich habe ja keine Wahl, ich muss Döner machen, denn ich habe nichts anderes gelernt“, sagt er.

Der eigene Job: Das ist es auch, was Selman Isinov vom Stern-Döner in der Südstadt wichtig ist: „Nach der Arbeitslosigkeit habe ich mir selber meinen Arbeitsplatz geschaffen“, sagt er stolz. Er erwarte nicht, reich zu werden. Aber leben können, das möchte er – und will deshalb bleiben.