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Wird Milch in Sachsen bald wieder teurer?

Große Bauernhöfe haben gerade Millionen in neue Melkkarusselle investiert. Doch jetzt machen sie Verluste.

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© dpa

Von Georg Moeritz

Dresden. Sachsens Bauernpräsident Wolfgang Vogel wird nächste Woche wohl kräftig schimpfen. Auf dem Deutschen Bauerntag in Erfurt wird Vogel die niedrigsten Milchpreise seit Langem feststellen und Hilfe von Politikern fordern. Noch im Herbst waren Sachsens Bauern zuversichtlich, dass die Preise bald wieder steigen. Damals senkten Aldi, Kaufland und Penny den Ladenpreis für einen Liter Vollmilch um zehn Cent. Völlig überrascht wurden die Bauern, als es nun im Frühjahr noch einmal um vier Cent abwärts ging. Seitdem kostet der Liter Vollmilch in den meisten Supermärkten 55 Cent. Die Bauern bekommen von jedem Liter rund 27 Cent ab.

Die Kosten der Produktion: Bauern brauchen 30 oder 35 Cent

Milch ist billiger als manches Mineralwasser – braucht zur Herstellung aber Kühe und Tierfutter, Kühlautos und Hitze in der Molkerei. Sachsens Bauern machen derzeit mit ihrer Milch Verluste, sagt Manfred Uhlemann, der Milchexperte des Bauernverbandes. Etwa 35 Cent pro Liter koste die Produktion, so seine Rechnung. Darin sind Fixkosten für Stall und Angestellte ebenso enthalten wie variable Kosten für Futter und Tierarzt. Allerdings fällt die Rechnung auf jedem Hof anders aus. Mindestens 30 Cent pro Liter braucht etwa Wolfgang Grübler, Vorsitzender der Agrargenossenschaft Lommatzscher Pflege. Der Betrieb baut das gesamte Futter selbst an und nutzt die Gülle der Kühe in einer Biogasanlage.

Auf und Ab: Trockenheit in den USA kann Milch weltweit teurer machen

Manche Bauernhöfe können niedrige Milchpreise eine Zeit lang wie Grübler „quer subventionieren“, mit den Erträgen vom Ackerbau. Außerdem liegen zwei gute Jahre hinter den Landwirten. 2013 bekamen sie zeitweise mehr als 40 Cent pro Liter Milch. Damals stieg auch der Preis am Regal, auf 69 Cent. Der Hauptgrund: Trockenheit in den USA trieb den Weltmarktpreis hoch. Derzeit gibt es zu viel Milch. Daher ist auch Butter billiger geworden.

Milchstreik: Schlechte Erfahrung mit der Solidarität

Manche Bauern schlagen nun vor, weniger Milch zu liefern, damit der Preis steigt. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft schreibt, dass schon eine geringe Reduzierung der Menge Signalwirkung hätte. Doch der Landesbauernverband glaubt nicht, dass viele Bauern mitmachen würden – schon gar nicht weltweit. Beim Milchstreik 2008 haben einige Bauern vor laufender Kamera Milch weggeschüttet. Andere blockierten die Einfahrt zur Sachsenmilch-Molkerei und mussten später 700 000 Euro Schadenersatz aufbringen. Statt zu demonstrieren, investieren derzeit viele sächsische Betriebe Millionen in mehr Milchproduktion. Denn die staatlich verordnete Milchquote als Obergrenze ist weggefallen. Neue Milchkarusselle zum effizienten Melken entstanden bei Grübler in Lommatzsch, bei der Lausitzer Hügelland Agrar in Haselbachtal nahe Kamenz und in Lichtenau-Ottendorf bei Chemnitz.

Wünsche: Bauernverband will Steuervorteile durchsetzen

Sachsens 190 000 Kühe geben immer mehr Milch: Je 9 300 Liter pro Jahr, mehr als doppelt so viel wie zur Wendezeit. Bessere Züchtungen, Kraftfutter und „mehr Tierwohl“ nennt Uhlemann als Gründe. Doch Sachsens Milchmenge werde nicht stark wachsen, mancher Bauer gebe Kühe auf. Der Preis könne im Herbst nach der nächsten Verhandlung wieder steigen, sagt Uhlemann – langfristig erst recht. Bauernpräsident Vogel wirbt unterdessen bei der Politik um Hilfen: Eine steuerfreie Rücklage in guten Jahren wäre schön, das Russland-Embargo sei schädlich. Außerdem solle die EU die „Interventionsgrenze“ erhöhen: Falls der Preis unter 21 Cent fällt, kauft der Staat Butter und Milchpulver und lagert sie ein. Das ist lange nicht vorgekommen.