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Wird Neißeaue erneut AfD-Hochburg?

Wenn am Sonntag gewählt wird, sind die Augen auch auf die Gemeinde an der Neiße gerichtet. Zur Europawahl hatte jeder zweite Wähler die AfD angekreuzt.

In Zodel nicht zu übersehen: An jedem zweiten oder dritten Lampenmast hängt ein Wahlplakat der AfD.
In Zodel nicht zu übersehen: An jedem zweiten oder dritten Lampenmast hängt ein Wahlplakat der AfD. ©  André Schulze

Die Partei „Alternative für Deutschland“ hat Zodel voll im Griff. Zumindest was die Wahlwerbung betrifft. An jedem zweiten oder dritten Straßenlampenmast hängt ein blaues Wahlplakat. Zählt man sie nur an der Hauptstraße durch, so sind es insgesamt 30 Plakate, die die AfD aufgehängt hat. Ergänzt werden sie von 22 weiteren Plakaten, auf denen die anderen Parteien um die Stimmen der Zodler werben.

Eines dieser blauen Plakate ist auch gegenüber „Zimmis Einkaufsmarkt“ an der Straße angebracht. Wenn es nach den Wahlhelfern der AfD gegangen wäre, würden auch im Einkaufsmarkt blau unterlegte Sprüche hängen. „Das habe ich mir verbeten, denn dann müsste ich das auch allen anderen Parteien gestatten. Und so viel Platz haben wir nicht“, sagt Konrad Kuscher, der zusammen mit seiner Frau Kerstin den Markt führt. Also ließ er die Plakatkleber wieder abtreten. Zumal noch ein anderer Grund Kuscher zu dieser Entscheidung bewegt: „Wir wollen es mit keinem unserer Kunden verscherzen“, betont er. Denn jeder, der einkauft, wird gebraucht, um den Laden am Leben zu erhalten.

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Das ist der Beweggrund weiterer Gewerbetreibender in Zodel, sich zum Thema Wahl nicht öffentlich zu äußern. Ganz gleich, ob man pro oder kontra zur AfD steht, die Kundschaft reagiert sensibel auf das Thema – und das kann zum Nachteil der Händler werden. Eine Zodlerin sagt, sie hat sich in vielen Jahren ihr Gewerbe aufgebaut und freut sich, dass es jetzt floriert. Das will sie sich mit politischen Diskussionen nicht kaputt machen lassen.

Den Radtouristen, die auf dem Neißeradweg Zodel durchqueren, fällt die blaue Schwemme an Wahlplakaten ebenfalls auf. Drei ältere Damen, die an Zimmis Einkaufsmarkt ihren Getränkevorrat auffüllen, schütteln nur den Kopf. „Man soll nicht allen Parolen glauben, sondern mit gesundem Menschenverstand seine Wahl treffen“, sagt eine von ihnen, bevor es in nördliche Richtung weitergeht.

Ob alle Wähler in Neißeaue zur Europawahl am 26. Mai mit gesundem Menschenverstand ihre Kreuze gemacht haben, das sei mal dahin gestellt. Am Ende zeigte es sich aber, dass fast jeder zweite Wähler für die AfD stimmte. Mit 46,4 Prozent war Neißeaue die Gemeinde im Landkreis mit dem höchsten Stimmenanteil für die AfD. Auch wenn Konrad Kuscher keine Sympathien für diese Partei hat, gibt er zu bedenken, dass es nicht der richtige Weg sei, diese Wählerschaft in die rechte Ecke zu stellen. „Mit Ignoranz erreicht man nichts“, ist Kuscher überzeugt. Er meint damit die Regierungspartei, die nichts mit der AfD zu tun haben will. Das sorgt nur noch für mehr Verdruss, besonders unter AfD-Wählern.

Besonders in Neißeaue ist das zu spüren, dass Verdruss und Resignation tief sitzen. Grenzkriminalität, kaum Industrie und Gewerbe, die Arbeitsplätze bieten, schlechte Bezahlung der Jobs und eine Gemeindeverwaltung, die notorisch klamm ist, was die Finanzen betrifft. Eine Frau in Zodel erzählt die Geschichte ihrer Tochter, die in Leipzig bei einem Pflegedienst arbeitet und in der Stadt lebt. „Sie möchte gern zurückkommen, aber sie kann sich das nicht leisten. Denn die gleiche Arbeit beim gleichen Pflegedienst wird in Görlitz mit 500 Euro weniger bezahlt als in Leipzig.“ Diese erlebten Ungerechtigkeiten sind es, die die Leute auf die Palme und mit ihrem Protest zur AfD bringen. Das hört man immer wieder. Aber auch Stimmen, die fragen: Wie will die AfD das anders machen?

Eine Gewerbetreibende aus Zodel vermisst die Zufriedenheit unter den Menschen. „Im Grunde geht es uns doch auch in Neißeaue gut, keiner muss Not leiden“, sagt sie. Aber die Menschen werden durch die Medien und die Politik manipuliert, nur das Schlechte zu sehen. Dementsprechend reagieren sie. Kommen dann noch andere Umstände, wie die Kriminalität, dazu, ist es völlig vorbei mit der Zufriedenheit. So gibt es in Deschka keinen Bürger, der nicht schon selbst vom Diebstahl seines Hab und Gutes betroffen war oder jemanden in der Nachbarschaft kennt, dem das widerfahren ist. Hat jemand noch Vertrauen in die Politik, dem, wie in Deschka, bereits zum dritten Mal das Auto geklaut wurde?

Parolen machen die Welt nicht sicherer, sagt Hermann Walter, der frühere Bürgermeister von Neißeaue. Was gegenwärtig in Deutschland praktiziert wird, ist keine Demokratie, sagt der Pensionär. „Demokratie lebt vom Miteinander, was ich aber sehe, ist ein gegeneinander zwischen den Parteien, und die AfD ist da mitten drin.“ Zudem habe die Partei eine Sprache entwickelt, „die nicht meine ist“, bekennt Walter. Seine spätere Nachfolgerin, Evelin Bergmann, sagt, dass sie nach Gesprächen mit Bürgern optimistisch ist, dass nicht mehr so viele in Neißeaue aus Protest AfD wählen. Mit Blick auf den CDU-Ministerpräsidenten betont sie, dass Michael Kretschmer viel in der Region bewegt hat, auch für Neißeaue in Bezug auf die Turnhalle Zodel. „Das erkennen die Bürger an“, sagt Bergmann. Auch Hermann Walter ist von Kretschmers Macher-Qualitäten überzeugt. „Aber Kretschmer ist nicht die CDU“, fügt der Deschkaer hinzu.

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