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Wird Roßwein zur Zahnlückenstadt?

Dem Empfinden nach gibt es in der Stadt mehr desolate Häuser als ansehnliche. Experten warnen dennoch, nur an Abriss zu denken.

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Von Heike Stumpf

Es ist trost-, aber nicht aussichtslos. Diesen Eindruck haben einige Roßweiner von Bruchbuden im Zentrum gewonnen. Mitglieder der Arbeitsgruppe Stadtgestaltung sind unterwegs gewesen, um den Zustand von augenscheinlich desolaten Immobilien aufzunehmen. Torsten Fischäder und Bürgermeister Veit Lindner (parteilos) stellten die Ergebnisse ihres Stadtrundganges vor.

Auf der Liste von Torsten Fischäder finde sich, auch zu seiner eigenen Überraschung, kein Gebäude wieder, das er als abbruchreif einschätzt. Fischäder ist auf der Nossener Straße, Am Stollen und in der Gerbergasse unterwegsgewesen. Die beiden weiteren Gruppen schauten sich die Quer-, Mittel- und Mühlstraße, den Markt sowie den Bereich um die Kirche an. Was überall für Verwunderung gesorgt hat, ist, dass ein Teil der Häuser, an den auf den ersten Blick seit Jahren nichts getan worden ist, ganz oder teilweise vermietet ist. „Manchmal habe ich gedacht, hier kann gar keiner mehr wohnen, dann aber doch gesehen, dass sich hinter den Fenstern etwas bewegt“, schilderte Fischäder in der Zukunftswerkstatt seine Erlebnisse. Ähnliches berichtete Veit Lindner.

Verfall setzt sich in Hinterhöfen fort

Lindner zufolge ist es an einigen Stellen gelungen, über Nachbarn in Höfe zu gelangen. Dort seien die ehrenamtlichen Stadtgestalter auf Erschreckendes gestoßen: Hinterhäuser, die teils einzustürzen drohen oder bei denen das schon passiert ist. Eigentümer hätten von ganz schwierigen Grundstücksverhältnissen gesprochen. „Der eine oder andere würde gern entkernen oder sieht Chancen auf Investitionen. Doch zu manchem Grundstück gibt es aktuell keine Zufahrt. Bauschutt und -material müssten in Eimern durch normal breite Türen getragen werden. Das macht natürlich niemand mit“, so Veit Lindner.

In solchen Fällen könnte ein Abriss mehr als den Augen gut tun. „Dann hätten auch die Nachbarn Möglichkeiten der Gestaltung“, sagte der Bürgermeister. Doch was wird danach? Das müsste bedacht und diskutiert werden, noch bevor ein Abriss beginnt. Probleme gibt es häufig an Eckgrundstücken. Würden die herausgenommen, fehlt sozusagen das Bindeglied. Ähnlich sieht es aus, wenn Häuser in einer Reihe abgerissen werden. In der Mittelstraße bestand dazu die Notwendigkeit, weil das Haus einzustürzen drohte. Nun klafft dort eine Lücke, ist das Straßenbild zerstört.

Wolfgang Scherer, der Moderator der Zukunftswerkstatt, verglich dies mit Zahnlücken. Wenn ein Haus ums andere verschwinde, würde Roßwein zur Zahnlückenstadt. Das sei für ihn eine schreckliche Vorstellung. „Die Roßweiner sollten sich deshalb genau überlegen, wie sie sich ihre Stadt in Zukunft vorstellen“, appellierte er. Scherer kenne Städte, da stünden stellenweise nur noch Häuserfassaden. Ganz bewusst, um das Stadtbild zu erhalten.

Die städtebauliche Komponente sieht auch Stefan Dähne, der beim Landkreis Mittelsachsen als Denkmalschutzbeauftragter tätig ist. Gerade die Eckhäuser seien häufig Kulturdenkmale. Im Fall der Mühlstraße kommt Dähne zufolge hinzu, dass es sich um den mittelalterlichen Teil Roßweins handelt und dort sehr sensibel vorgegangen werden muss. „Wenn die Lücke erst einmal da ist, ist das kein Zustand“, so der Denkmalschützer.

Uwe Hortenbach mahnte, genau zu überlegen, was mit welchem Eingriff erreicht werden kann. Er regte an, ein städtebauliches Konzept zu entwickeln. Darüber muss der Stadtrat entscheiden. Immerhin wird das Konzept, selbst wenn es als Wettbewerb für Architekturstudenten ausgeschrieben würde, einige Kosten verursachen.

Die Teilnehmer der Zukunftswerkstatt wollen sich diesen grundsätzlichen Fragen weiter widmen. Über die Kommune soll parallel Kontakt zu Grundstückseigentümern aufgenommen und denen Unterstützung angeboten werden, die diese bei der Perspektivsuche oder beim Verkauf brauchen.