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Wird Zottewitzer Kult-Omi missbraucht?

Im Frühling war Ursula Seidel im Fernsehen zu sehen. Nun bringt eine Firma sie in die Schlagzeilen – und mächtig in die Bredouille.

Ursula Seidel aus Zottewitz versteht die Welt nicht mehr. Wieso steht ihre Adresse auf den Flyern? Wird sie von einer Firma nur genutzt?
Ursula Seidel aus Zottewitz versteht die Welt nicht mehr. Wieso steht ihre Adresse auf den Flyern? Wird sie von einer Firma nur genutzt? © Anne Hübschmann

Priestewitz. Die Briefe kommen seit vergangener Woche. Gleich mehrere pro Tag und immer an den gleichen Adressaten gerichtet. „Reinigungsteam Ludwig Laubinger“ steht da zumeist groß und deutlich auf den Umschlägen geschrieben. Geöffnet hat Ursula Seidel keinen von ihnen. Auch wenn sie in der betreffenden Straße wohnt und auch die richtige Hausnummer angegeben ist. Ein Dienstleistungsunternehmen hat die 89-jährige Zottewitzerin nun ganz gewiss nicht auf ihre alten Tage gegründet. So viel steht fest!

Während sich die fischelante Rentnerin darin hundertprozentig sicher ist, habe sie sich freilich die Frage gestellt, wieso derlei offensichtlich fehlgeleitete Post ausgerechnet bei ihr landet. Und damit nicht genug! Weshalb klingelte just am Montagabend plötzlich ein Ehepaar an der Haustür, das bei ihr – ausgerechnet bei ihr – die Rodung von mehreren Bäumen in Auftrag geben will? 

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„Sie sagten mir noch, dass sie froh seien, endlich jemanden gefunden zu haben, der gleich auch die Wurzelstöcke mit entsorgt“, erzählt Ursula Seidel im SZ-Gespräch und schüttelt lachend den weißhaarigen Kopf. Denn bei aller angebrachten Sympathie für die wortgewandte rüstige Dame, die im Priestewitzer Ortsteil nicht zuletzt durch ihr Engagement durchaus als Urgestein des Dorfes bezeichnet werden darf: Wer kann ernsthaft auf die Idee kommen, sie sei die weibliche Vorhut eines renommierten Firmen-Sekretariats?

Wenige Stunden später soll Ursula Seidel schließlich in den Händen halten, was eine erste Antwort auf all die ungewöhnlichen Erlebnisse der letzten Woche sein könnte. Eine beherzte Nachbarin hatte auf einem Werbeflyer der Firma Laubinger die Adresse der Seniorin entdeckt. Dass diese sich vor schriftlichen Anfragen ebenso wenig retten kann, wie vor persönlichen Avancen, liegt in der breiten Angebotspalette des farblich auf jeden Fall ins Auge fallende Hochglanz-Blattes. 

Verschiedene Gartenarbeiten bietet das Reinigungsteam darin an. Darüber hinaus Abrissarbeiten, Kernsanierung, Rollrasenverlegung und Gartendesign. Hinzu kommen Renovierungsarbeiten aller Art im Innen- und Außenbereich, die Reinigung von Pflastersteinen oder Mauerwerk – und das alles zum Sommerrabatt von 28 Prozent. Terminabsprachen könnten mit den Männern für alle Fälle telefonisch bis 22 Uhr stattfinden. Der erste Besichtigungstermin wäre kostenlos und die Anfahrt im Umkreis von einhundert Kilometern auch.

Ursula Seidel will es genau wissen und ruft unter der angegebenen Nummer mit Großenhainer Vorwahl an. Nachdem sie tatsächlich beim Herrn am anderen Ende der Leitung auch gleich ihr Anliegen vorbringen kann, wird die Verbindung unterbrochen. Allerdings: „Da ja meine Nummer sichtbar gewesen ist, hat er mich zurückgerufen und schließlich gesagt, die Straße wäre falsch angegeben worden!“

Ein weitreichender Lapsus, der so auch gegenüber der Sächsischen Zeitung geäußert wird. In einem Telefonat am Dienstagvormittag betont ein sich als Mitarbeiter ausweisender Mann, die Straße sei irrtümlich nach Priestewitz zugeordnet worden. Dabei befinde sich der Firmensitz doch unter gleichem Straßennamen in Großenhain – was laut Überprüfung durch die SZ nicht der Fall ist. 

Am Nachmittag schließlich ist der vermeintliche Ludwig Laubinger dann selbst am Apparat. „Falsche Straße? Oh nein, das kann doch wohl nicht wahr sein! In dieser Straße wohne ich privat, in einer anderen Nummer!“ Ein Fehler der Druckerei, der im neuen Prospekt korrigiert werde. Und schönen Gruß an Frau Seidel. 

Sie bekäme selbstverständlich eine kostenlose Gartenreinigung zur Entschädigung. Das Problem indes: Die Betroffene wohnt seit ihrer Geburt im 173 Einwohner zählenden Zottewitz. Eine Familie Laubinger wohne da nicht. Erst recht nicht ein paar Häuser weiter auf ihrer Straße.

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