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Wo für die Beatles alles begann

Am 17. August 1960 gaben die Beatles ihr erstes Konzert in Hamburg. Nur durch die harte Schule auf dem Kiez konnte aus den zarten Jungs eine Weltstar-Truppe werden.

Als die Beatles vor 60 Jahren im Hamburger Club Indra ihr erstes Konzert gaben, waren sie noch zu fünft. John Lennon (v. l.), George Harrison, Pete Best, Paul McCartney und Stuart Sutcliffe leisten Schwerstarbeit.
Als die Beatles vor 60 Jahren im Hamburger Club Indra ihr erstes Konzert gaben, waren sie noch zu fünft. John Lennon (v. l.), George Harrison, Pete Best, Paul McCartney und Stuart Sutcliffe leisten Schwerstarbeit. © dpa/PA

Von Eckart Gienke

Am Abend des 17. August 1960 betraten fünf junge Engländer die Bühne des zweitklassigen Amüsierschuppens „Indra“ auf der Großen Freiheit im Hamburger Rotlichtviertel St. Pauli. Es lässt sich nicht mehr rekonstruieren, mit welchem Song John Lennon, Paul McCartney, George Harrison, Stuart Sutcliffe und Pete Best den Abend eröffneten, aber es war mit Sicherheit ein Rock ’n’ Roll-Kracher; vielleicht von Little Richard, von Gene Vincent oder Chuck Berry. Mit Balladen hätte das Publikum nicht viel anfangen können – Huren und Zuhälter, Gangster und Rocker.

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In der Nacht zuvor hatten die fünf Musiker zusammen mit ein paar Reisegefährten die Hansestadt erreicht, nach einer 36-stündigen Reise mit einem alten grünen Aston-Bus. Von Liverpool ging es über London zur Fähre nach Harwich. In Hoek van Holland betraten The Beatles erstmals ausländischen Boden. So nannte sich die Band seit Kurzem, und unter diesem Namen sollten drei der fünf jungen Männer zu Idolen ihrer Generation werden. Der vierte, Ringo Starr, kam wenig später mit einer Konkurrenzband nach Hamburg, dort lernten sie sich kennen. Ihr Einfluss auf die populäre Kultur der sechziger Jahres, nicht allein auf die Musik, ist kaum zu überschätzen und wirkt bis heute nach.

Der Hamburger Indra Musikclub heute, immer noch gibt es dort regelmäßig Konzerte.
Der Hamburger Indra Musikclub heute, immer noch gibt es dort regelmäßig Konzerte. © Philipp Reiss/Imago

Doch bis dahin ist noch ein Weg zu gehen. Dem Anfang der beispiellosen Beatles-Karriere wohnte kein Zauber inne. Die Arbeit war hart, der Lohn karg. Viereinhalb Stunden standen sie täglich auf der Bühne, an den Wochenenden noch länger. Der älteste von ihnen, Stuart Sutcliffe, war gerade mal 20 Jahre alt, der jüngste, George Harrison, erst 17. Sie sprachen kein Deusch und wurden in zwei fensterlosen Abstellräumen neben der Herrentoilette in einem Kino untergebracht. Nur mit Aufputschmitteln hielten sie die aufreibenden Tage und Nächte durch. Und doch verwandelte schon dieser erste Hamburg-Aufenthalt die Band: Sie wurden deutlich bessere Musiker. „In Hamburg wurden wir erwachsen“, sagt John Lennon später. Sie mussten improvisieren und die Songs mit Solo-Einlagen verlängern, weil ihr Repertoire für kaum mehr als eine Stunde reichte. Sie nahmen neue Stücke dazu und entwickelten eine bessere Bühnenpräsenz. Und sie begannen, an eigenem Material zu arbeiten, voran die begnadeten Songschreiber Lennon und McCartney.

1960 in Hamburg: George Harrison, John Lennon und Tony Sheridan (v. l.) gemeinsam auf der Bühne. 
1960 in Hamburg: George Harrison, John Lennon und Tony Sheridan (v. l.) gemeinsam auf der Bühne.  © Ellen Piel/K & K/Redferns
Auf dem Weg nach Deutschland besuchten die Beatles am 16. August 1960 das Arnhem War Memorial. 
Auf dem Weg nach Deutschland besuchten die Beatles am 16. August 1960 das Arnhem War Memorial.  © Keystone Features/Getty
Stuart Sutcliffe 1961 mit seiner Verlobten, der Fotografin Astrid Kirchherr, in Hamburg. 
Stuart Sutcliffe 1961 mit seiner Verlobten, der Fotografin Astrid Kirchherr, in Hamburg.  © Getty/J. Vollmer

Das erste Beatles-Gastspiel in Hamburg dauerte ein Vierteljahr und endete mit einem Desaster. Die Band wollte den Vertrag mit ihrem Klubbetreiber brechen, um im „Top Ten“ zu spielen, einem größeren und besseren Klub. Doch ihr Arbeitgeber verpetzte die Beatles bei den Behörden; der minderjährige Harrison wurde ausgewiesen, später ging es McCartney und Best ebenso, weil sie im Kino gezündelt hatten. Sutcliffe hatte sich in die Fotografin Astrid Kirchherr verliebt und wollte gar nicht mehr zurück. Am Ende blieb allein John Lennon. Er spielte noch ein paar Nächte mit anderen Musikern und schlug sich Anfang Dezember dann nach Liverpool durch.

Doch schon vor Weihnachten standen die Beatles wieder in Liverpool auf der Bühne und im April 1961 waren sie zurück in Hamburg, für 92 Abende im „Top Ten“. Aus den ambitionierten Amateuren waren Profis geworden, die immer besser wurden und ein größeres Publikum ansprachen. 1962 waren sie dreimal für mehrere Wochen im neuen „Star-Club“ gebucht und spielten dort vor bis zu 1.000 Zuhörern.

Auf Tour mit den Beatles: Astrid Kirchherr im Zug zwischen John Lennon (r.) und Ringo Starr.
Auf Tour mit den Beatles: Astrid Kirchherr im Zug zwischen John Lennon (r.) und Ringo Starr. © Max Scheler/K & K/Redferns

Bei ihrem letzten Konzert Silvester 1962 war die erste Single raus („Love me do“), die Beatles wohnten im Hotel statt im Abstellraum, und an den Drums saß Ringo Starr. Alles war bereit für die Weltkarriere, die 1963 mit großer Wucht einsetzte. Insgesamt spielten die Beatles während ihrer fünf Hamburg-Aufenthalte bei 281 Konzerten 1.200 Stunden live auf der Bühne.

Von den fünf jungen Männern, die vor 60 Jahren auf der Bühne standen, sind nur zwei noch am Leben, Paul McCartney und Schlagzeuger Pete Best. Der eine ist eine Legende, der andere war Angestellter des Arbeitsamtes Liverpool. Er musste die Beatles kurz vor ihrem Durchbruch für Ringo Starr verlassen. Aber auch er profitierte später noch von ihrem Erfolg. Als 1995 zehn Stücke aus dem Frühwerk der Band veröffentlicht wurden, bei denen Best an den Drums saß, wurde er an den Erlösen beteiligt und dadurch auf einen Schlag zum Millionär. Vom großen Aufstieg der Beatles bekam Stuart Sutcliffe nichts mit: Er starb am 10. April 1962 in Hamburg mit nicht mal 22 Jahren an einer Hirnblutung. (dpa)

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