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Wo Bäume auf Bäumen wachsen

Im Nationalpark gibt es immer mehr Kadaverwuchs. Dieser Laune der Natur geben die Förster mehr Raum.

Von Gunnar Klehm

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Wer aufmerksam durchs Kirnitzschtal wandert, kann sie sehen: kleine Bäumchen, die auf Bäumen wachsen – auf umgeknickten, abgestorbenen Baumstämmen. Das ist beispielsweise auf dem Weg von der Neumannmühle hinein in den Großen Zschand möglich. Der Hauptweg führt direkt an solchen natürlichen Sehenswürdigkeiten vorbei.

Für diese hübsche Laune der Natur haben die Fachleute einen eher schändlichen Namen gefunden: Kadaverwuchs nennen sie das. Im bewirtschafteten Forst gibt es das nicht. Dort werden sämtliche Baumstämme verwertet. Im Nationalpark Sächsische Schweiz dagegen ist immer mehr Kadaverwuchs zu sehen. Und das ist auch gut so, heißt es aus der Behörde. „Fachleute verwenden manchmal drastische Ausdrücke, die, in die Umgangssprache übersetzt, eine eigenwillige Wirkung erzeugen. Die Bedeutung von Kadaverwuchs ist jedoch viel positiver, als es beim ersten Hören scheinen mag“, sagt Hans-Peter Mayr, der Sprecher der Nationalparkverwaltung.

Das sei ein deutlich sichtbares und lebensfrohes Symbol für den Schutzzweck im Nationalpark, wo es irgendwann heißt: Natur Natur sein lassen. Wo sonst als im Nationalpark können alte Bäume umfallen und ihr Holz als Nährboden für die nächste Pflanzengeneration sowie als Lebensraum für Insekten und Pilze zur Verfügung stellen, fragt Mayr.

Nur in Ruhebereichen, in denen nicht mehr eingegriffen wird, ist das möglich. Im Nationalpark Sächsische Schweiz sollen immer weniger Flächen bearbeitet werden. Ziel ist, bis zum Jahr 2030 immerhin 75 Prozent der Nationalparkfläche in den Ruhebereich zu übergeben. Dazu muss der Wald an vielen Stellen, die im letzten Jahrhundert forstwirtschaftlich bearbeitet wurden, umgebaut werden. Aus Monokulturen sollen wieder Mischwälder werden. Bis 2020 sollen als Zwischenziel zwei Drittel der Flächen so hergerichtet sein, dass sie sich selbst überlassen werden können.

Ganz ohne Pflegemaßnahmen werde es nie gehen, weil Verkehrssicherungsmaßnahmen nötig sind, wie etwa entlang der Kirnitzschtalstraße. Am Ende der Pflegemaßnahmen im Jahr 2030 mit 75 Prozent Ruhebereich würde der Zustand im Nationalpark Sächsische Schweiz auch den internationalen Kriterien für die Schutzkategorie Nationalpark entsprechen. Gegenwärtig wird auf mehr als 57 Prozent der Fläche keine Waldpflege mehr betrieben.

Die quer liegenden, absterbenden Baumstämme sind ein klarer Vorteil im Überlebenskampf der Pflanzen. Was dort wächst, hat bessere Startbedingungen als die Artgenossen auf dem Boden. „Ihr ungewöhnlicher Nährboden versorgt sie stetig mit Feuchtigkeit und Nährstoffen, und mit ihrem erhöhten Standort sind sie stets näher am Licht als ihre Konkurrenten, die sich zunächst gegen hohe Gräser oder Brombeeren am Boden durchsetzen müssen“, erklärt Mayr.

Auch wenn das extreme Bedingungen sind, können vor allem Pionierbaumarten auf absterbendem Holz gedeihen. Dazu gehören unter anderem Birke, Kiefer und Weide. Sie besitzen besonders leichte und gut flugfähige Samen. Die Pflanzen sind weniger empfindlich gegen Hitze, Trockenheit oder Frost. Dass es im Kirnitzschtal jedoch oft Fichten sind, die sich auf morschen Baumstämmen ansiedeln, ist außergewöhnlich. Es wird vermutet, dass das auf das „Kellerklima“ in den tiefen Schluchten zurückzuführen ist. Dafür ist die Fichte ein Spezialist.

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