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Blümchen zählen

Siegmar Löser hatte sich für den Bergwiesenwettbewerb angemeldet. Die Jury schaute sich seine Wiese sehr genau an.

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Von Anja Weber

Eine Amsel zwitschert in der Mittagssonne ihr Lied auf dem Apfelbaum. Sie lässt sich auch nicht beirren, als sich ein Trupp Menschen dem Gartengrundstück nahe der Straße An der Hohe in Saupsdorf nähert. Siegmar Löser hat die Gäste bereits erwartet. Es ist die deutsch-tschechische Jury, die dieser Tage vier, fünf ausgewählte Wiesen unter die Lupe nimmt, um die schönste zu ermitteln.

Ausgelobt wird der Bergwiesenwettbewerb jährlich vom Landschaftspflegeverband Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Zum Bergwiesenfest im Herbst werden dann die schönsten prämiert. Und die Wiese von Siegmar Löser könnte eine heiße Titelanwärterin sein. Denn hier dürfen tatsächlich die Blumen noch Blumen sein und wachsen, blühen und wieder verblühen. Denn erst dann legt er Hand an der Wiese an. Im wahrsten Wortsinn. Die Fläche ist zwar groß, aber ein Rasenmäher oder gar Rasentraktor kommt hier nicht zum Einsatz. „Ich lasse die Blumen ausblühen, und erst dann mähe ich mit der Sense das Gras runter“, sagt der Saupsdorfer. Und dann braucht er etwa acht Stunden für die Fläche. Das Grundstück hatte einst sein Schwiegervater bewirtschaftet, und jetzt ist es an ihm und an seiner Frau, darauf Ordnung zu halten Holm Riebe von der Nationalparkverwaltung kniet sich sprichwörtlich in die Arbeit. Gemeinsam mit Reinhild Kindermann von der Uni Greifswald, die über Hinterhermsdorf ihre Masterarbeit schreibt, beginnt er die einzelnen Pflanzen, Pflänzchen und Blüten zu begutachten. Und die lateinischen Namen sprudeln nur so aus seinem Mund. Und schon nach kurzer Zeit stehen an die 20 Namen auf der Liste. Er denkt, dass er hier etwa 50 verschiedene Pflanzen finden wird. „So eine schöne Wiese hatten wir schon lange nicht mehr.“

Und tatsächlich, wohin das Auge blickt, blaue Glockenblumen, weiße Margariten, gelber Hahnenfuß und rote Pechnelken. Und dazwischen jede Menge Gräser oder auch Gänseblümchen, Sauerampfer, weißer und roter Klee. Das sind so die gebräuchlichsten Pflanzen, und die kennt auch Siegmar Löser, aber eben nicht alle. „So genau habe ich mich noch nicht damit beschäftigt, welche Blumen hier blühen. Aber ich bin gespannt, wie viel verschiedene Arten es sein werden“, sagt Löser.

Mit der Anmeldung zum Wettbewerb hatte er lange gezögert, weil er vermutete, dass die Fläche zu klein sei. Aber Matthias Roitzsch vom Landschaftspflegeverband, der den Bergwiesenwettbewerb betreut, ist begeistert. „Der Wettbewerb soll die Besitzer inspirieren, ihre Wiesenpflege naturnah zu betreiben. Das heißt unter anderem auch, dass sie ökologisch nicht übernutzt sein dürfen, dass die Pflanzen austrocknen und die Samen ausfallen können“, sagt er. Und der Saupsdorfer erfülle genau diese Anforderungen. Ausgelobt wird der Wettbewerb, weil die naturnahen Wiesen immer seltener werden. Sie sind der wohl am stärksten gefährdete Bestandteil der Kulturlandschaft in der Sächsischen Schweiz: extensiv bewirtschaftete Bergwiesen mit einem großen Reichtum an Blühpflanzen und Kräutern. Die Landschaftspfleger wollen den Besitzern solcher Wiesen einen Anreiz geben, sie zu erhalten und weiterhin Zeit in ihre Pflege zu investieren. Etwa zehn Bergwiesen auf deutschem und tschechischem Gebiet werden jährlich angemeldet. Vier bis fünf davon kommen in die engere Auswahl. Krönender Abschluss ist das 12. grenzüberschreitende Bergwiesenfest in Königstein-Ebenheit am 20. September.

Holm Riebe arbeitet sich indessen weiter vorwärts und macht eine weitere Entdeckung. „Hier, dieses Habichtskraut wird bei uns auch immer seltener“, sagt er. Und er gibt Siegmar Löser die Empfehlung, genau darauf zu achten, dass das gelbe Kraut auch verblühen und aussamen kann, damit es sich vielleicht künftig an noch mehr Stellen auf der Wiese vermehren kann.