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Wo das Ei vom Fließband rollt

In Berthelsdorf steht der wohl modernste Bio-Hühnerstall Deutschlands. Bauernhof-Idylle sucht man dort vergebens.

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© Steffen Unger

Von Jörg Stock

Ich bin umstellt. Die Hühner drängeln so dicht an mich ran, dass meine Schuhe in der braun geschipperten Masse ganz verschwinden. Aber sie wollen nichts von mir. Sie wollen die Weizenkörner, die jemand auf den Boden geworfen hat. Emsig picken sie in der Einstreu nach ihrer Lieblingsspeise. Was nicht pickt, das gackert. Der Radau ist enorm. Lorenz Eskildsen, der Chef dieses Hühnerheeres, nimmt eins der Tiere in den Arm und schaut es ein Weilchen an. Man kann nicht behaupten, dass das hier unschön ist für die Hühner, sagt er. „Es ist keine Katastrophe, was wir machen.“

Automatisch eingesammelt: Andrea Blasche stapelt gefüllte Eier-Höcker.
Automatisch eingesammelt: Andrea Blasche stapelt gefüllte Eier-Höcker. © Steffen Unger
Elektronischer Hühnergott: Der Computer steuert und überwacht alles.
Elektronischer Hühnergott: Der Computer steuert und überwacht alles. © Steffen Unger
Chef des High-Tech-Hühnerstalls: Lorenz Eskildsen (49), Tierwirt und Kaufmann.
Chef des High-Tech-Hühnerstalls: Lorenz Eskildsen (49), Tierwirt und Kaufmann. © Steffen Unger

Die Leute von Berthelsdorf bei Neustadt hatten eine Katastrophe kommen sehen, als es hieß, dass 30 000 Legehennen ihre Nachbarn werden. Sie fürchteten Gestank, Lärm, Dreck. Eine Bürgerinitiative machte Front gegen das Projekt. Die Hühner kamen trotzdem. Seit knapp vier Monaten legen sie nun ihre Eier. Der Protest ist verebbt. Lorenz Eskildsen sieht bestätigt, was er zuvor beteuert hatte. „Man nimmt die Anlage gar nicht wahr.“ Die flache, rostrote Doppelhalle fügt sich in die Gegend wie ein schwedisches Ferienhaus, findet er. „Das ist eine heile Welt, die wir hier zeigen.“

Ferien machen die Hühner in Berthelsdorf nicht. Im Gegenteil. Sie schuften. Eier legen ist Schwerstarbeit. Noch sind die Tiere frisch, erst gute dreißig Wochen alt und auf dem Gipfel ihrer Leistungsfähigkeit. Kommt der Herbst, werden sie nicht mehr so fit sein. Sie werden etwas abgenommen haben, und die Legeleistung wird langsam sinken. Dann wird die ganze Hühnerschar dem Schlachter übergeben und endet größtenteils in der Suppe. Der Stall wird ausgekärchert und nach sechs, acht Wochen ist schon die neue Belegschaft da.

Lorenz Eskildsen nennt sein Geschäft Großtierhaltung. Nicht Massentierhaltung. Das Image-Problem bleibt, und das ärgert ihn. Ohne Großtierhaltung ist die Bevölkerung ja nicht mehr satt zu kriegen, sagt er. Nur habe man es verpasst, das den Leuten zu erklären. Stattdessen würden schon die Kinder mit niedlichem Bauernhofspielzeug in die Irre geführt. „Die Bauernhof-Idylle gibt es nicht mehr“, sagt Herr Eskildsen. „Und das ist auch gut so.“

Ein elektronischer Hühnergott

Für den 49-jährigen Tierwirt und Kaufmann, der dem Marschland Schleswig-Holsteins entstammt und der sich als leidenschaftlichen Geflügelhalter bezeichnet, ist die Frage nach Betriebsgrößen zweitrangig. Es geht nicht um groß oder klein, sagt er. Es geht um Qualität. Dabei sieht er sich und die Legehennen von Berthelsdorf als Vorreiter für ganz Deutschland, und zwar in einer Nische, in die Massenbetriebe nicht hineinzupassen scheinen: Bio.

Im Stall der Dreißigtausend erinnert nichts mehr ans Hühnerhaus der Ahnen. Im Warmstall, dem Hühner-Wohnzimmer, gibt es nicht ein Stück Holz. Übermannshohe Metallgerüste füllen die Halle, von den Mitarbeitern System genannt. Das System hat vier Etagen. Im Erdgeschoss wird gescharrt und gepickt. Das 1. OG ist ein Drahtgitter, auf dem die Hühner sitzen und umherlaufen können. Im 2. OG sind die Nester, halboffene Boxen mit Kunststoffrasen, wo das Eierlegen stattfindet. Das 3. OG ist quasi das Dach, wieder ein Laufsteg aus Draht. Die Hühner können sich frei bewegen. Käfige gibt es nirgends.

Auf einen Quadratmeter Stall kommen sechs Hühner. Dass jetzt so viele Tiere auf einem Fleck sind, liegt am Wetter. Gewöhnlich wäre die Hälfte der Hühner draußen, sagt Lorenz Eskildsen. Dort hat jedes Tier viereinhalb Quadratmeter Wiese für sich. Doch bei Regen ist der Auslauf zu. Die Tiere könnten aus den Pfützen trinken und krank werden. An die Luft dürfen sie trotzdem – im überdachten Wintergarten.

Es geht auf 14 Uhr zu. Gleich ist Essenszeit. Sechsmal am Tag kriegen die Hühner Futter vom System. Ein Computer, der drüben in der Eierverpackungshalle steht, löst die Fütterung aus. Er kontrolliert die meisten Vorgänge hier, auch die Wasserzufuhr zu den Trinknippeln, die Temperatur, das Öffnen und Schließen der Ausläufe, das An- und Ausschalten des Lichts.

Der Hühnergott hat Befehl gegeben. Knirschend befördert eine Transportschnecke das Gemisch aus Weizen, Mineralien und Vitaminen vom Silo in die Verteilvorrichtung. Eine Rinne mit Förderkette am Boden nimmt das Futter auf und strebt damit die Reihen des Systems entlang, achtzig, neunzig Meter weit, bis zum Ende der Halle, und dann zurück. Die Hühner bedienen sich, am laufenden Band sozusagen. Pro Tag werden etwa 1,5 Tonnen Futter verbraucht. Der Weizen wächst bei einem Bauern in der Nachbarschaft. Der Hühnerkot aus dem Stall kommt zurück aufs Feld. Auch dafür sorgt das System. Immer dienstags leert es das breite Sammelförderband unter den Sitzgittern. Die Hühnerkacke fällt in einen Schacht, wird von da auf einen Lastwagen befördert, und weg ist sie.

Förderbänder sind die Lebenslinien des Systems und die Erklärung dafür, wieso zwei, drei Leute reichen, um täglich 27 000 Eier einzusammeln und abholfertig zu verpacken. Kaum gelegt, rollt das Ei aufs Band und von da in die Packhalle. Am Sortiertisch werden die doppelten, die zu kleinen, die deformierten und die angeknacksten Eier aussortiert. Alle anderen kriegen ihren Stempel und werden von Automatenarmen in die Eierpappen, die Höcker, gesetzt. Schon mittags ist die große Eierei vorbei.

Der High-Tech-Hühnerstall hat 3,2 Millionen Euro gekostet. Der Freistaat schoss eine runde Million zu. Landwirtschaftsminister Kupfer kam persönlich zur Eröffnung und freute sich: Die Eier kämen aus der Region, müssten nicht kilometerweit herangeschafft werden. Ein Irrtum. Abnehmer der Berthelsdorfer Bio-Eier ist Rewe. Die Kette verkauft sie unter eigener Marke in Hessen, Bayern, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Aber nicht in Sachsen. Das wurmt Lorenz Eskildsen, der seit 1990 ein Sachse ist. Er glaubt, dass Regionalität das Thema der Zukunft wird. Alles hängt vom Verbraucher ab, vom „magischen Moment“, in dem er ins Regal greift, sagt der Hühnerboss. „Der Kunde bestimmt, was passiert. Nicht wir.“