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Wo der Honig fließt

Reportage. Forstleute haben tierischen Süßstoff geerntet. Die Ausbeute macht Hoffnung auf eine gute Saison.

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Von Jörg Stock

Der Kübel mit Kurbel erinnert irgendwie an Omas Waschgerät. Doch das modern glänzende Blech passt nicht zur Hypothese. Und auch nicht das, was unten raus kommt: keine dreckige Seifenlauge nämlich sondern blassgolden schimmernder, allersüßester Honig.

Seit dem vergangenen Jahr hat das Sächsische Lehrforstamt Tharandt Bienen in seinen Diensten. Das Hauptquartier der Insekten ist ein geräumiges Holzhaus am Wildacker im Tharandter Revier. 2004 produzierten die fleißigen Tierchen rund 200 Kilo Honig. Diese Marke ist nun schon weit überboten. Bienenbetreuer und Waldarbeiter André Bellmann, meldet etwa 250 Kilo des leckeren Stoffes nach der jüngsten Ernte. Das sind 500 Gläser Genuss fürs Frühstücksbrot.

Der verregnete kühle Jahresstart machte erst wenig Hoffnung. Doch Ende Mai flutete Sonne durch die nassen Wälder und über die Fluren. Sie brachte die Vegetation zum Sprießen und die geflügelten Forstbeamten zum Fliegen. Was sie mitbrachten, das holt André Bellmann nun ans Licht. Wie ein Astronaut sieht der Seifersdorfer aus in seinem weißen Schutzanzug, der bis über den Kopf geht, das Gesicht hinter Gaze versteckt, die Hosenbeine in die Socken gestopft.

„Die Bienen sind ganz friedlich“, sagt Bellmann, die Sorgen des Ankömmlings zerstreuend, der in sommerlicher Garderobe anreist. Behutsam zieht der Imker eine Wabe aus der geöffneten Beute und streift eine wuselnde, brummelnde Insektenarmee mit einer Art Handfeger ab. „Die Waben sind richtig vollgetragen“, bemerkt er zufrieden und gibt das Teil an seinen Kollegen Heiko Klöß weiter. Der steckt den hölzernen Rahmen mit spitzen Fingern in die glänzende Tonne – die Honigschleuder.

Vier Stück passen in das Gerät. Dann heißt es: Kurbeln, bis der Honig kommt. Und er kommt. Ich trete näher und halte den Finger in den zähen Fluss der Köstlichkeit. „Es wird ein Mischhonig“, sagt André Bellmann. „Dass sieht man an der Farbe der Pollen.“ Der rote kommt von der Kastanie, der gelbe vom Raps. „Könnte aber auch Löwenzahn sein.“

Drei bis vier Tage bleibt der geschleuderte Honig in großen Kübeln stehen. Ab und zu wird umgerührt, Unreinheiten müssen raus. Zum Schluss kommt die Abfüllung, und die Gläser stapeln sich schon erwartungsfroh bei den Bottichen.

Viele geben auf

Für die Förster ist der Honig eine angenehme Nebensache. Ihnen geht es vor allem darum, dass die Bienen den Wald bestäuben. Immer mehr private Imker geben auf, kaum einer stellt noch seinen Wagen in den Tharandter Forst. Auch das machen die Grünröcke nun selbst. Sie kauften einen alten Bienenwagen von einem Imker aus Naundorf und möbelten ihn wieder auf. Jetzt steht das Gefährt mit acht Völkern bestückt am Glasbruch bei Hartha. Dort machen sich die Tiere über den Raps her.

André Bellmann wird nicht lange Ruhe haben. Wenn das Wetter mitmacht, so schätzt er, könnte schon in zwei Wochen die nächste Honig-Ernte fällig sein. Die Blüten des Waldes bieten sich an – Himbeeren und Brombeeren, Faulbaum und Robinie.

„Vielleicht gibt es dieses Jahr auch noch Waldhonig“, sagt der Imker. Dazu braucht es aber ordentlich „lausige“ Bäume, damit die Bienen was zum melken finden.