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Quitzdorf: Pegel sinkt, Wasser stinkt

Ist der Stausee Quitzdorf ein Stiefkind? Die Algen verrotten, den Gestank könnte nur die Komplettsanierung stoppen. Für die gibt es Hoffnung.

Nicht nur der Anblick der verrottenden Blaualgen stört Peter Waclawik. Vor allem ihr Gestank nervt den Kollmer gewaltig. Je nach Windrichtung muss er immer wieder Türen und Fenster seiner Wohnung geschlossen halten.
Nicht nur der Anblick der verrottenden Blaualgen stört Peter Waclawik. Vor allem ihr Gestank nervt den Kollmer gewaltig. Je nach Windrichtung muss er immer wieder Türen und Fenster seiner Wohnung geschlossen halten. ©  André Schulze

Peter Waclawik ist Kummer gewöhnt. Schon seit Jahren wohnt er am Rande von Kollm im Jahmener Weg, nur ein paar Meter vom Stausee Quitzdorf entfernt. Wenn die Temperaturen steigen, der Wasserpegel sinkt und die dann trocken liegenden Blaualgen beginnen wegzufaulen, dann weht oft ein übler Geruch zu ihm herüber. „Doch so schlimm wie in diesem Jahr war es schon lange nicht mehr. Es gab Tage, da mussten wir alle Fenster und Türen schließen, sind vom Balkon regelrecht geflüchtet. Es stank, als wären Kadaver angeschwemmt worden.“ 

Waclawik macht das Ablassen des Stausees dafür verantwortlich. „Es ist doch klar: Wenn es weniger Wasser gibt, ist mehr Land da. Wind und Wellen treiben die Algen an den Rand des Sees, wo sie schließlich vor sich hingammeln.“ Bei Ostwind, der aktuell sehr oft weht, sei das Gebiet zwischen Kollm und Sproitz von den Gerüchen betroffen. Gebe es Westwind, laufe das Trauerspiel anders herum. Dann müssten sich die Bungalowbesitzer am Säuberg die Nase zuhalten.

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Situation dramatisch verschlechtert

Dort tummelt sich Diana Roscher schon seit ihrer Jugend. „Ich bin hier groß geworden“, erinnert sich die Nieskyer Geschäftsfrau an viele schöne Tage. „Das Areal am See war damals ein Naherholungsgebiet.“ Heute, so steht es auf der Internetseite der Landestalsperrenverwaltung (LTV), ist die Talsperre Quitzdorf ein Naturschutzreservat, in dem seltene Tiere wie Fischotter, Seeadler oder Eisvogel beobachtet werden können. „In den vergangenen zehn, zwölf Jahren hat sich die Situation hier aber dramatisch verschlechtert“, ist die Bungalowbesitzerin überzeugt. Mit der Wasserqualität sei es permanent nach unten gegangen. Und auch die Tierwelt leide. „Wenn die Fische bei dem abgesenkten Wasserstand schreien könnten, müssten wir uns wahrscheinlich die Ohren zuhalten.“ Ganz zu schweigen von manchem Drama, dass Diana Roscher in den vergangenen Wochen selbst beobachtet hat. 

„Da gibt es Entennester im geschützten Bereich. Die liegen durch die Veränderungen am See auf einmal so frei, dass sich Graureiher und Seeadler ganz einfach bedienen können.“ Der üble Geruch, so unangenehm er auch sein mag, ist für die Nieskyerin noch nicht einmal das Schlimmste: „Mir und vielen anderen Anrainern ist doch klar, dass die Staumauer saniert werden und der See deshalb abgelassen werden muss. Nach der großen Versammlung im Frühjahr mit Landestalsperrenverwaltung und Landratsamt hatten wir die Hoffnung, dass nicht nur das Nötigste gemacht wird, sondern mit einer Komplettsanierung auch die Gründe für den regelmäßig auftretenden Gestank beseitigt werden. Nach 50 Jahren muss der See nun einmal ausgebaggert werden.“ Doch ob das kommt? „Ich habe das Gefühl, der Quitzdorfer See wird wie ein Stiefkind behandelt. Um uns herum entstehen neue Gewässer – wie der Bärwalder und der Berzdorfer See. Dort werden Millionen hineingepumpt. Aber unser See hier vergammelt.“ Was für Diana Roscher unverständlich ist. „Jeder Mensch muss Rücklagen bilden, um in schlechten Zeiten oder bei Notfällen davon zehren zu können. Wenn das auch der Freistaat für seine Talsperren gemacht hätte, müsste ja jetzt Geld für die Sanierung vorhanden sein.“

Heinz Hampel, Geschäftsführer des Ferienparks Stausee Quitzdorf, winkt beim Thema Geruchsbelästigung ab. Das sei eine alte Geschichte. Je nachdem, wie der Wind stehe, werde es schwierig. „Wenn die Algen in eine bestimmte Ecke gedrückt werden und dann verfaulen, kommt der Gestank über uns. Das ist schon seit vielen Jahren so.“ Im Moment habe er im Ferienpark damit kaum Probleme. Allerdings seien durchaus Verbesserungen möglich. „Ich habe vorgeschlagen, einen Naturwall im See zu errichten, um den Algenteppich nichts ans Ufer zu lassen. Wenn das Wasser jetzt abgelassen wird, dürfte der Bau eigentlich kein Problem sein.“ Eine verbindliche Antwort der LTV habe er nicht bekommen, lediglich die Aussage, man werde es prüfen. Im Feriendorf Kimbucht geht die Geruchsbelastung laut Geschäftsführerin Meta Storch im Moment ebenfalls noch auszuhalten. In den vergangenen Jahren sei es schlimmer gewesen. Sie hat vielmehr mit dem verminderten Wasserstand zu kämpfen. Ihre Gäste schickt sie zum Planschen ins Nieskyer Waldbad oder in die mit Wasser gefüllten Schächte der Umgebung.

Keine Anzeichen für Fischsterben

Peter Waclawik vom Jahmener Weg glaubt indes, dass der aktuelle Gestank noch nicht das Ende der Fahnenstange ist. „Je weniger Wasser im See ist, desto wärmer wird es. Und der Sauerstoffgehalt sinkt. Das ist tödlich für die Fische. Wahrscheinlich wird es nicht mehr lange dauern, bis wir jede Menge Kadaver sehen werden.“ Dieses Szenario wiederum sieht Gunther Ermisch nicht. Er ist mit seinem in Neustadt ansässigen Forellen- und Lachszuchtbetrieb seit 2017 Pächter der Talsperre Quitzdorf. „Wir haben erst kürzlich eine Kontrollfahrt gemacht, Sauerstoffgehalt und andere Werte gemessen. Es deutet nichts auf eine Gefahr für den Fischbestand hin.“ Die Verhältnisse im See seien momentan ziemlich normal. Allerdings räumt er ein, dass noch längst nicht alle Tiere gefangen sind. „Etwa 30 Tonnen haben wir bis jetzt herausgeholt. Wenn man von rund 200 Tonnen Bestand ausgeht, sind immer noch 170 Tonnen drin.“ Ein Problem sieht Ermisch darin aber nicht. „Sollte es tatsächlich zur Komplettsanierung und dem totalen Ablassen des Sees kommen, sind wir auch darauf gut vorbereitet.“ Die Situation im See will der Pächter weiter genau beobachten. „Wir haben vielleicht noch 14 Tage Sommer. Die Nächte werden jetzt schon kühler, die Tage kürzer. Damit wird sich das Algenwachstum verlangsamen.“ Und mit einem Lächeln schiebt er hinterher: „Noch 14 Tage die Luft anhalten. Dann dürfte das Schlimmste überstanden sein.“

Das wäre wahrscheinlich auch im Sinne der Landestalsperrenverwaltung. Denn Britta Andreas von der Pressestelle räumt auf SZ-Nachfrage ein, dass der niedrige Wasserstand in der Talsperre Quitzdorf zu Problemen mit der Wassergüte führe. Das zur Geruchsbelästigung führende Blaualgenwachstum habe zugenommen. Ausschlaggebend dafür sei die geringe Tiefe des Gewässers, das sich dadurch im Sommer schnell erwärme. Durch den Eintrag von Phosphor aus der landwirtschaftlichen Nutzung der Felder ringsherum und das bereits im Sediment der Talsperre abgelagerte Phosphor gebe es zudem ideale Wachstumsbedingungen für die Blaualge. Der Wasserstand, so die Sprecherin, sei vom maximal möglichen Stauraum, der bei knapp 21 Millionen Kubikmeter liegt, mittlerweile auf rund 6,9 Millionen gesunken. „Seit vergangenem Montag haben wir die Abgabemenge auf etwa 1,02 Kubikmeter pro Sekunde reduziert. Dies dient vorrangig dem Schutz des restlichen Fischbestandes.“ Wann der Endstand erreicht sei, könne man im Moment deshalb noch nicht absehen. Auch über den Umfang der anstehenden Arbeiten in der Talsperre Quitzdorf will Britta Andreas keine Aussage treffen. „Das ist derzeit noch nicht verbindlich festgelegt.“

Landrat setzt sich ein

Dies bestätigt auch Bernd Lange. Allerdings macht der Görlitzer Landrat Hoffnung auf den großen Wurf. „Wir sind auf dem Weg, die Komplettsanierung des Stausees zu ermöglichen. Die entscheidenden Gespräche dazu finden in den nächsten Wochen statt.“

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