merken
PLUS

Wo Deutsche und Polen zu Hause sind

Ehemalige Einwohner von Reichenau und heutige Bürger von Bogatynia treffen sich regelmäßig.

Von Rolf Hill

Fast selbstverständlich geworden ist inzwischen die Begegnung ehemaliger Heimatvertriebener aus dem damaligen Reichenau und den Bewohnern der heutigen polnischen Grenzstadt Bogatynia. Das Motto: „Auf gemeinsamen Wegen“ war vor nunmehr fünf Jahren Ausgangspunkt dafür. Schmerzhaft muss es gewesen sein, für viele Zugewanderte oder sehr junge Oberlausitzer gar nicht mehr nachvollziehbar.

Anzeige
Bundestagswahl: Populisten verhindern - Erststimme für Florian Oest!
Bundestagswahl: Populisten verhindern - Erststimme für Florian Oest!

Worum es bei der Bundestagswahl am 26. September 2021 wirklich geht und was für den Landkreis Görlitz auf dem Spiel steht.

„Das trifft aber auch auf die Mädchen und Jungen in unserer Stadt zu“, berichtet Janusz Sontowski, der seit dem vergangenen Jahr Vorsitzender des Heimatvereins „Bractwa Ziemi Bogatynskie“ (Bruderschaft des Reichenauer Landes) ist. Und gerade das sei für ihn und die anderen Anstoß dafür gewesen, etwas zu tun, damit die wirkliche Geschichte dieses Landstrichs nicht in Vergessenheit gerät, sagt der 70-Jährige.

Mitstreiter im 2007 gegründeten Verein habe er sehr schnell gefunden. Das begann beim damaligen Vorsitzenden Zbigniew Szklarek und natürlich dem 79-jährigen Edward Semper, einem der wenigen Deutschen, der hier noch immer geblieben ist beziehungsweise gezwungener Maßen wiederkam. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

„Wir waren erstaunt, dass viele Einwohner von Bogatynia damals unseren Plan begrüßten, die Reichenauer in ihre alte Heimat einzuladen“, versichert Janusz Sontowski. Aber da gebe es eben noch eine zweite Seite zum Thema Vertreibung. Viele deutsche Teilnehmer des ersten Treffens hörten erschüttert dem Bericht von Zofia Kulikowska zu, die als sechsjährige mit ihrer Familie von den Russen vertrieben, in die sibirische Taiga verschleppt und erst 1946 auf den Weg an die Neiße geschickt wurde.

„Gerade dieser Fluss, der Symbol für so viele Schicksale der Trennung ist, eint uns heute“, freut sich Janusz Sontowski. Natürlich habe sich in den Jahren längst eine Zusammenarbeit entwickelt, die weit über die „Gemeinsamen Wege“ mit der Besichtigung der ehemaligen Kirchen, Friedhöfe und Wohnhäuser – soweit noch vorhanden – hinausgehe. Edward Semper pflichtete ihm bei. Immerhin hatte er die Initiative zur Pflege des ehemaligen evangelischen Friedhofes und dessen Kapelle ins Leben gerufen.

Zu denen, die sich nach zweimaliger Teilnahme am Treffen spontan dazu entschlossen, an solchen Arbeitseinsätzen teilzunehmen, gehören nach wie vor die 49-jährige Olbersdorferin Birgit Proft und ihr langjähriger Bekannter Helmut Liebig. Der rüstige, inzwischen aber auch bereits 89-jährige Zittauer stammt aus Reichenau. Doch ein Teil seiner Wurzeln komme vom Vater her ebenfalls aus Olbersdorf, schmunzelt er. Den habe seine Mutter dereinst mit ihrer Liebe einfach hinüber gelockt. Das Umgebindehaus in der Nähe der Preibisch-Fabrik seiner Familie befindet sich in gutem Zustand. Er sah jahrelang dort nach dem Rechten und wurde von den heutigen Bewohnern immer herzlich aufgenommen.

Übrigens stand im Mittelpunkt des ersten Treffens die Umbenennung des Stadtparks „Juri Gagarin“ in „Park Miejski in Carla Augusta Preibischa“. Es gebe wohl kaum einen Lebensbereich im ehemals unbekannten Reichenau, in dem der Textilunternehmer nicht mit helfender Hand und den entsprechenden finanziellen Mitteln maßgeblich an der Entwicklung der Stadt beteiligt war, erklärte Bürgermeister Andrzej Grzmielewicz in seiner Laudatio. Und er gab der Hoffnung Ausdruck, dass der Geist dieses Mannes auch künftig in Bogatynia lebendig bleiben solle.

„Natürlich werden wir diese Bemühungen fortsetzen und ausbauen“, versichern die Mitglieder der Bruderschaft, zu denen inzwischen fünf Frauen gehören. Das betrifft auch die polnisch-tschechisch-deutschen Arbeitseinsätze auf dem Gickelsberg, die Unterstützung der Ullersdorfer Kirmes und die Geschichtsprojekte des Internationalen Kinder- und Jugendparlaments unter Leitung von Volker Beer und vieles andere. All das zeigt, dass dieser vor fünf Jahren eingeschlagene gemeinsame Weg ein erfolgversprechender ist.