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Bautzen

Hier ist die AfD besonders stark

In Bautzen-Gesundbrunnen bekam die Partei die meisten Stimmen. Wer nach Gründen fragt, hört vor allem ein Wort.

Im Bautzener Stadtteil Gesundbrunnen erzielte die AfD bei der Kommunalwahl im Mai besonders gute Ergebnisse. Überrascht sind die Bewohner von diesem Ergebnis nicht. Viele sagen, sie hätten das vorhergesehen. Die Suche nach Gründen fällt da schon schwerer.
Im Bautzener Stadtteil Gesundbrunnen erzielte die AfD bei der Kommunalwahl im Mai besonders gute Ergebnisse. Überrascht sind die Bewohner von diesem Ergebnis nicht. Viele sagen, sie hätten das vorhergesehen. Die Suche nach Gründen fällt da schon schwerer. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Die Sonne knallt auf den Asphalt. Schon am Vormittag ist es warm auf dem Platz der Völkerfreundschaft im Stadtteil Gesundbrunnen. Wer hier vorbeigeht, hat es eilig. Viele schleppen Einkaufstüten die Stufen hinauf, hoch zu den Wohnblöcken. Eine Frau beobachtet die Passanten. Auf einer schattigen Bank sitzt sie. Die 60-Jährige, die ihr Alter nicht aber ihren Namen verrät, arbeitet als Verkäuferin. Gerade hat sie Pause. Durch ihre Arbeit kennt sie viele Bewohner des Stadtteils. Ob es sie überrascht hat, dass die AfD bei der Wahl im Mai gerade hier, im Gesundbrunnen, so gut abgeschnitten hat? Die Frau überlegt nicht lang. „Das überrascht mich gar nicht“, sagt sie – und sie ist nicht die Einzige.

Wer die Ergebnisse der einzelnen Wahllokale anschaut, der erhält ein recht eindeutiges Bild. In fast allen Ecken von Bautzen konnte die AfD bei der Stadtratswahl ein gutes Ergebnis erzielen. Doch nirgends war der Zuspruch so groß wie im Gesundbrunnen. In einem Wahllokal in der Curie-Schule erzielte die Partei sogar 40,7 Prozent der Stimmen. Warum gerade dort?

Marie Eisert zuckt mit den Schultern. Die 25-Jährige schiebt einen Kinderwagen übers Pflaster. Bekannte von ihr haben zwar erzählt, dass sie die AfD wählen wollen. Über Gründe habe man aber nicht gesprochen. „Einen Grundfrust gibt es definitiv“, sagt sie. Doch fragt man die junge Frau, was sich im Stadtteil ändern muss, damit die Bewohner zufriedener sind, dann will ihr nicht gleich etwas einfallen. „Die Spielplätze sind schon verbesserungswürdig“, erklärt sie nach einer Denkpause. Sonst sei alles da, was man zum Leben braucht. Vor allem über die neu sanierte Grundschule freue sie sich.

© SZ-Grafik

Nicht so erfreut ist ein älterer Mann, der eine dunkle Sonnenbrille trägt. Auf den Erfolg der AfD angesprochen, lächelt er nur kurz. „Das ist doch klar, wenn man sieht, was hier abgeht“, sagt er, ohne stehenzubleiben. Offen bleibt, was er damit meint. Ob sich etwas an der Situation ändert, jetzt, wo die Partei mit sieben Sitzen im Stadtrat von Bautzen vertreten ist? Der Mann dreht sich noch einmal um. „Nichts wird sich ändern. Das bleibt die gleiche Scheiße wie immer.“ Ähnlich kurz antwortet ein 37-Jähriger, der mit Frau und Kind auf dem Platz der Völkerfreundschaft unterwegs ist. Dass viele die AfD wählen, war ihm von vornherein klar. „Die Merkel will doch keiner mehr“, sagt er. – Bei Aussagen wie diesen könne er nur mit dem Kopf schütteln, meint ein junger Mann, der sich als Stefan vorstellt. Viele seiner Nachbarn im Viertel, so meint er, haben ihre Stimme abgegeben, ohne sich damit zu beschäftigen, welches Gremium sie eigentlich wählen.

Es fehle an Bildung, an Wissen darüber, wie Politik funktioniert. „Viele im Gesundbrunnen sagen einfach nur, dass alles Mist ist, alles schlecht“, sagt Stefan. Frust spürt er vor allem bei jenen Menschen im Viertel, die ohne Arbeit sind. Und davon gebe es einige. Für sie hat der junge Mann nur bedingt Verständnis. „Die Situation hat sich geändert. Wer heutzutage arbeiten will, der bekommt auch Arbeit“, sagt er. Dass die niedrigen Mieten im Gesundbrunnen vor allem Menschen mit niedrigerem Einkommen anziehen, ist keine Überraschung. Zum Viertel gibt es aber noch mehr zu sagen. Die letzte große Analyse zum Stadtteil stammt aus dem Jahr 2016. Eine Beratungsfirma aus Dresden kam damals zu dem Ergebnis: Im Stadtteil leben viele Langzeitarbeitslose. Wenn Menschen in das Viertel ziehen, dann sind es jene mit niedrigem Einkommen. Der Gesundbrunnen wird von besonders vielen Alleinerziehenden bewohnt, und auch der Anteil der Ausländer ist höher als im Rest der Stadt.

Viele Werte, die in die Analyse einflossen, stammen von 2013. Inzwischen hat sich einiges verändert. Fragt man den Bautzener Oberbürgermeister Alexander Ahrens (SPD), wie die Stadt das Viertel voranbringt, dann spricht er von der Sanierung der Schulen, von verschiedenen Projekten für die Bewohner, von Wohnhäusern, die auf Vordermann gebracht werden. Das Wahlergebnis zeige ihm zwar, dass die Menschen im Gesundbrunnen offenbar das Gefühl haben, vergessen zu sein. „Dieses Empfinden hat allerdings mit den tatsächlichen Anstrengungen der Stadt für den Stadtteil nichts zu tun“, sagt er. In Einwohnerversammlungen frage die Stadt die Bewohner regelmäßig danach, was in ihrem Viertel verändert werden muss. Doch nur wenige nehmen überhaupt an solchen Terminen teil, erklärt der OB.

Es braucht seine Zeit, bis sich Versammlungen oder Projekte bei den Menschen im Gesundbrunnen herumgesprochen haben, sagt eine 29-Jährige, die schnell die Treppe Richtung Kaufland hinuntereilt. Es sei wichtig, dranzubleiben, meint sie. Auch könne man bereits spüren, dass sich das Viertel positiv entwickelt. „Es finden viel mehr Feste statt“, erklärt die junge Frau.

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